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„Ewige Jugend“ im Kino : Die Überlebenden des Zauberbergs lassen grüßen

Damen und Herren im Bad: Szene aus Paolo Sorrentinos „Ewige Jugend“ Bild: Gianni Fiorito

Vor seinem Film „Ewige Jugend“ hatte man den Regisseur Paolo Sorrentino für einen Blender halten können, einen visuellen Trickser ohne Erzähltalent. Auf dreitausend Meter Höhe kommt die Tiefe wie von selbst.

          Es gibt Filme, die unser Misstrauen verdienen. Paolo Sorrentinos „Youth“ gehört dazu. Dieser Film heißt „Jugend“ – im englischen Original, das der deutsche Verleih zu „Ewige Jugend“ verschlimmbessert hat –, aber er erzählt vom Greisenalter. Von zwei Greisen, genauer gesagt, einem Komponisten und einem Regisseur, die von der Höhe eines Wellnesshotels bei Davos auf ihr Leben hinabschauen. Und auf die anderen Patienten, Ärzte, Pflegerinnen, die mit ihnen die Kulisse bevölkern. Ein Rentnerfilm also, einer, in dem viel mehr geredet als gehandelt wird, ein Abgesang, in dem die Musik noch spielt, doch es ist die Musik verflossener Tage. Altes Kino für alte Augen.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Ein weniger selbstbewusster Film, eine jener amerikanischen Studioproduktionen beispielsweise, die exakt für die Bedürfnisse der Generation Kukident kalibriert sind, von der inzwischen das halbe Kinogeschäft lebt, würde jetzt alles tun, um den Klischees, an die er rührt, zu entkommen. Nicht so „Youth“. Er benutzt das Klischee wie einen Spazierstock: mal als Krücke, mal als Degen.

          Auf einmal ergibt alles einen Sinn

          Gleich in den ersten Minuten sieht man, wie Ballinger, der Komponist im Ruhestand, eine Karriereoption erster Klasse ausschlägt. Ballinger soll ein Geburtstagskonzert für Prinz Philip dirigieren, aber er weist den Mann, den die Queen persönlich zu ihm geschickt hat, wie einen dummen Jungen ab. Wer sich selbst so alt aufführt, hat keine zweite Jugend verdient – das erfährt Ballinger spätestens am folgenden Abend, als die ebenfalls in dem Berghotel kurende Miss Universum, ein schmollmundiges Wunder der plastischen Chirurgie, an ihm vorbei stracks auf den depressiven Hollywoodstar zustöckelt, der einen Sessel weiter das Konzert der eigens eingeflogenen Retro-Band genießt. Nachts aber träumt der Komponist von der Schönen.

          Er hangelt sich bei Hochwasser auf einem Laufsteg über den Markusplatz, sie kommt ihm im Siegerbustier entgegen und presst ihre Oberweite gegen seinen Smoking. Dann versinkt alles in den Fluten der Lagune. Am Morgen tauschen Ballinger und sein Freund, der Regisseur Mick Boyle, wieder ihre Krankendaten aus: „Hast du heute gepinkelt?“ – „Vier Tropfen. Und du?“ – „Mehr oder weniger dasselbe.“ – „Mehr oder weniger?“ – „Weniger.“ Letzte Chancen, feuchte Träume, trockene Windeln, das sind die Tage von Davos.

          Lena Ballinger (Rachel Weisz) am Hotelpool

          So vergeht eine Dreiviertelstunde von „Youth“, und man denkt, es kommt nichts mehr. Der Film selbst, scheint es, hört auf zu denken, er macht es sich bequem in seinen Bildern, die wie eine Folge von Werbeclips auf der Suche nach dem passenden Produkt sind. Ein dicker Mann mit Marx-Tattoo auf dem Rücken wälzt sich schnaufend wie ein Walross aus dem Pool und gibt am Hotelzaun Autogramme. Eine Masseurin mit Zahnspange übt Hip-hop am offenen Fenster. Und Ballinger geht auf eine Almwiese und dirigiert das Konzert der Kuhglocken und Spechte, als wäre es ein Orchester aus Kafkas Naturtheater. Ein Ensemble schöner Bilder sei abscheulich, hat ein kluger Franzose geschrieben, und Paolo Sorrentinos Film ist kurz davor, ihm recht zu geben.

          Aber dann, auf einmal, passiert etwas. Nicht an der Oberfläche des Films. In seinem Inneren. Plötzlich beginnt er zu sprechen. Die Szene, in der das geschieht, spielt in Fred Ballingers Hotelzimmer. Sie erzählt davon, wie der Komponist dem Abgesandten des Buckingham Palace ein zweites Mal erklärt, warum er seine „Simple Songs“, die ihn berühmt gemacht haben, nicht für die Queen und ihren Prinzgemahl dirigieren will. Er habe die Songs für seine Frau geschrieben, sagt Ballinger, und nur sie könne sie singen, aber das gehe nicht mehr. Und während er redet, sitzt Lena, seine Tochter, hinter ihm und beginnt zu weinen, weil sie begreift, dass das, was sie gerade mit anhört, eine Liebeserklärung an ihre abwesende Mutter ist. Und auf einmal ergibt alles – Ballingers Kälte, das Kurhotel, der Traum von Venedig, das Kuhglockenkonzert – einen Sinn.

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