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Erstarrte Idylle des Weltuntergangs: Michael Hanekes Film "Wolfzeit"

Der Junge geht auf das Feuer zu, das auf den nächtlichen Gleisen brennt. Er legt Tannenzweige darauf, die sich lodernd entzünden. Dann beginnt er sich auszuziehen. Ein Mann schaut von weitem zu, erst neugierig, dann verstört.

Der Junge geht auf das Feuer zu, das auf den nächtlichen Gleisen brennt. Er legt Tannenzweige darauf, die sich lodernd entzünden. Dann beginnt er sich auszuziehen. Ein Mann schaut von weitem zu, erst neugierig, dann verstört. Der Junge, jetzt nackt, nähert sich dem prasselnden Feuer und breitet die Arme aus. Der Mann beginnt zu rennen. Er erreicht den Jungen, kurz bevor dieser sich in die Flamme stürzen kann, und nimmt ihn in seine Arme. Sie setzen sich auf das Gleis. Sie bilden eine Pieta. Sie bilden das Bild dieses Films.

Der Junge heißt Ben oder Benny. So hieß schon die Hauptfigur in "Bennys Video", Michael Hanekes Film von 1992, und auch der Junge in "Der siebente Kontinent", Hanekes Kinodebüt aus dem Jahr 1987. Bennys Schwester hieß damals Evi, in "Wolfzeit" heißt sie Eva. Er verwende immer die gleichen Namen, hat Haneke einmal erklärt, weil er stets von den gleichen Menschen erzähle, Mann, Frau, Junge, Mädchen, Eltern und Kinder. Die Menschheit als Miniatur, als Kleinfamilie. Bis zu "Bennys Video" hat Haneke von Familien erzählt, die sich selbst zerstören; seither zeigt er Gemeinschaften, die durch äußere Gewalt zugrundegehen, durch ziellosen Sadismus - wie in "Funny Games" (1997) - oder durch eine vage zivilisatorische Katastrophe, wie nun in "Wolfzeit".

Eine Familie unterwegs aus der Stadt in ihr Landhaus. Der Vater, die Mutter und die beiden Kinder steigen aus dem Wagen, beginnen Vorräte auszuladen, öffnen die Tür und blicken in eine Gewehrmündung. Drinnen hat sich eine andere Kleinfamilie verschanzt, Flüchtlinge offenbar, Vertriebene, die in ihrer Not zu allem entschlossen sind. Die Hausbesitzer bieten Verhandlungen an, Teilung der Vorräte, da fällt ein Schuß. Der Familienvater ist tot, die Mutter (Isabelle Huppert) flieht mit den Kindern Eva und Ben ins Ungewisse, zunächst in ein Dorf, dann, da ihr dort jegliche Hilfe verweigert wird, ins offene Land, auf der Suche nach einem Weg zurück in jene Welt der Regeln und Gesetze, die ringsherum zusammengebrochen ist.

Das ist die Ausgangssituation: der Ausnahmezustand. Es ist der Zustand, auf den alle Filme Michael Hanekes zwangsläufig zusteuern. Manche erreichen ihn, indem sie eine unerwartete Bluttat inszenieren - oder besser: sie außerhalb des Bildausschnitts suggerieren, denn Haneke ist ein Purist der visuellen Gewaltlosigkeit -, andere setzen ihn als gegeben voraus wie "71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls" (1994) oder "Code inconnu" (2000), zwei labyrinthische Szenenmosaike aus Hanekes Heimatstadt Wien und seiner neuen Wahlheimat Paris. Mit diesen beiden Filmen hat Hanekes neues Werk mehr gemein, als ihm lieb sein kann. Denn "Wolfzeit" ist einerseits die Geschichte einer Familie - Mutter, Tochter, Sohn - und andererseits die Beschwörung einer Welt. Diese beiden Sphären, sozusagen die Innen- und die Außenansicht der Dinge, hat Haneke in seinen bisherigen Filmen immer auseinandergehalten. In "Wolfzeit" bringt er sie zusammen. Das bekommt beiden nicht gut.

Stockfinstere Nacht. Eine Scheune. Ben, Eva und ihre Mutter Anne versuchen hier der Kälte zu trotzen, da, plötzlich, ist der Junge verschwunden. Als Anne, die mit ihrem Feuerzeug ein paar trockene Stengel angezündet hat, um Licht zu machen, in die Dunkelheit läuft und ihre Tochter allein zurückläßt, brennt der Heustadel nieder. Es ist der erste Brand dieses Films und der eindrucksvollste. Die Apokalypse, von der "Wolfzeit" handelt, findet hier auf ein paar Quadratmetern statt, in einem Nichts an Raum. Eben diesen Raum versucht der Film im weiteren Verlauf immer wieder zurückzugewinnen, ohne daß es ihm gelänge. Denn Haneke mag sich nicht einrichten im filmisch Bekannten und Gewohnten, so sehr sein Sujet auch nach einem festen Rahmen verlangt. Er will eine Geschichte erzählen und auch wieder nicht. An diesem Widerspruch zerbricht sein Film, auch wenn er auf einem Niveau scheitert, das ihn immer noch weit über den Durchschnitt europäischer Kinoproduktionen erhebt.

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