30.11.2005 · Man darf sich nicht blind auf das Spiel der Entführer einlassen: Chefredakteur Hartmann von der Tann erzählt, wie die ARD an das Video aus dem Irak kam und warum sie es nicht gezeigt hat.
Hartmann von der Tann ist Chefredakteur und „Politik-Koordinator“ der ARD. Als solcher ist er für die gesamte Information im ersten Programm verantwortlich. In der Nacht zu Dienstag hatte er eine besonders gravierende Entscheidung zu fällen. Wir haben ihn zu dem Umständen befragt.
Montagnacht haben die Nachrichten der ARD über den Videofilm berichtet, der die im Irak entführte Deutsche Susanne Osthoff zeigt. Wo kam der Film her? Wie kam er zu Ihnen?
Einem unserer Mitarbeiter in Bagdad, einem „Stringer“, also freien Journalisten, wurde eine CD zugespielt. Sie ging weiter nach Hamburg, und von dort wurde sie an unser Hauptstadtstudio in Berlin überspielt.
Wann haben Sie von dem Video und der Entführung erfahren?
Das war in der Nacht von Montag auf Dienstag, um exakt 23.01 Uhr. Ich hatte mir gerade die „Tagesthemen“ angesehen, da klingelte mein Mobiltelefon.
Und wer war dran?
Thomas Roth, der Leiter unseres Hauptstadtstudios. Er berichtete mir von dem Video und von einem Gespräch, das er inzwischen mit dem Lagezentrum im Auswärtigen Amt geführt hatte.
Wußten Sie gleich, worum es geht?
Wir haben die Aufnahme so schnell wie möglich übersetzen lassen. Dann wußten wir, worum es ging und welche Forderungen die Entführer erhoben.
War eine der Forderungen, daß Ihr Sender den Film ganz zeigte? Dachten Sie, daß nicht nur die Bundesregierung, sondern auch die ARD erpreßt würde?
Diese Frage habe ich mir natürlich gestellt. Ich habe mich mit Kollegen, mit dem Lagezentrum im Auswärtigen Amt und mit dem Bundeskriminalamt besprochen, ungefähr zwischen fünfzig und sechzig Telefonate habe ich in dieser Nacht geführt. Ich mußte mir unter anderem Klarheit über die Frage schaffen, was es für unsere Mitarbeiter in Bagdad bedeutet, wenn wir die Aufnahmen der Entführer nicht ganz zeigen.
Warum wollten Sie das denn nicht? Die italienische Journalistin Giulietta Sgrena, die selbst Geisel im Irak war, fordert genau das - um das Leben der Entführten zu schützen.
Meine Haltung ist: Ich muß die wesentliche Information in der Sache übermitteln, aber ich bin kein Propagandist des Terrors. Die Aufgabe lautet: Wie zeige und wie vermittle ich die Nachrichten, ohne etwas Wichtiges wegzulassen, reduziere aber den Effekt, auf den die Entführer abzielen. Außerdem: Wem würde das nützen, wenn wir drei Minuten lang eine auf arabisch gehaltene Rede übertrügen?
Deshalb haben Sie nur ein Standbild und nicht den ganzen Film gezeigt.
Ja. Und genau so habe ich es dem Auswärtigen Amt, dem Bundeskriminalamt und dem Programmdirektor des Ersten, Günter Struve, den ich in der Nacht aus dem Bett geklingelt habe, vorgeschlagen. Eine Eins-zu-eins-Übertragung ihrer Forderungen an die Bundesrepublik, das ist doch genau das, was die Geiselnehmer wollen. Um es noch einmal ganz klar zu machen: Es war unser Vorschlag, nicht etwa eine „Anweisung des Außenministers“, wie eine sich stets erstklassig informiert gebende Boulevardzeitung fälschlicherweise berichtet.
Aber gefährdet das nicht das Leben der Entführten?
Nein. Im Gegenteil. Der Verhandlungsspielraum erhöht sich, wenn nicht jedes Detail der Forderungen der Entführer öffentlich bekannt ist. Und: Man darf sich nicht blind auf das Spiel der Entführer einlassen. Wir fühlen uns in diesem Geschehen sehr verantwortlich. Wir geben ein solches Dokument des Terrors nicht einfach auf den Sender. Das Standbild und nicht den ganzen Film zu zeigen, dafür aber in der Nacht um Punkt 2.37 Uhr, als die „Tagesschau“ lief, unsere Informationen zugleich an die Deutsche Presse-Agentur zu geben, dient allen, die an einer positiven Lösung interessiert sind. Auf dieses Vorgehen haben wir uns ohne kontroverse Diskussion sofort geeinigt. Andere sehen das möglicherweise anders.
Was meinen Sie damit?
Am Tag danach rief eine private TV-Bildagentur bei mir an, und es hieß: Wir wollen das Video jetzt auch. Die Konkurrenz habe es schon.
Wahrscheinlich wollte da jemand den Film ganz zeigen. Und, was ist passiert?
Die Konkurrenz hatte das Video gar nicht, und der Anrufer hat es nicht bekommen.
Entführungsfall "Osthoff"
Georg - Peter Hensel (Goethe38)
- 02.12.2005, 14:29 Uhr