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„On the Milky Road“ im Kino : Jäger der balkanischen Aphrodite

Die Vögel des Himmels regen ihre Schwingen, um Monica Bellucci vor den Mächten des Bösen zu retten: Szene aus Emir Kusturicas Film Bild: Weltkino Filmverleih

Emir Kusturica erzählt in seinem neuen Film eine Liebesgeschichte im Märchenformat. Das größte Problem dabei ist das Setting, das den Jugoslawienkrieg verkitscht.

          Ein Falke schaut in diesem Film hinunter auf das Treiben der Welt. Er sieht einen Bürgerkrieg zwischen Serben und Bosniern, der zu Ende geht, und einen privaten Rachefeldzug, den ein britischer Unprofor-General entfesselt, weil sich die Frau, die er geliebt und für die er seine eigene Ehefrau umgebracht hat, seinem Werben entzieht. Nevesta, die Frau, flieht mit Kosta, dem Milchmann des Dorfes, in dem sie einen Kriegshelden heiraten sollte, doch jetzt ist das Dorf verbrannt, die Bevölkerung massakriert, nur die Liebenden sind noch da, um den Häschern des Bösen zu trotzen. Sie flüchten über Berg und Tal, beschützt von den Tieren des Waldes und der Lüfte, ein mächtiger Baum nimmt sie in seine Krone auf, ein Felsversteck öffnet sich, eine Schafherde stürzt sich für sie in ein Minenfeld, aber der Tod bleibt auf ihrer Spur. Monica Bellucci ist Nevesta, und Kosta wird von Emir Kusturica gespielt, der diesen Film auch gedreht hat: „On the Milky Road“.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Noch einmal von vorn. Wir sind im Bosnien-Krieg, und ein britischer General – aber der Plot wird nicht glaubwürdiger, wenn man ihn zweimal erzählt, und Kusturica tut auch nichts, um ihn irgendwie plausibel zu machen, er haut ihn uns um die Ohren wie ein falscher Magier seine Spielkarten. In dieser Gleichgültigkeit gegen die Geschichte, die des Films und die der Welt, liegt die eigentliche Tragödie von „On the Milky Road“.

          Mit nostalgischer Phantasie verheizt

          Dies ist ein Film, in dem Kusturicas Bildsprache der visuellen Ekstase, der tanzenden Perspektiven und verwilderten Metaphern auf ihrem Höhepunkt ist, und es ist zugleich der Film, in dem Kusturicas Kinoerzählung von Jugoslawien, dem Traumland, ihren Tiefpunkt erreicht. Denn der Krieg war ja real, das Gemetzel eine Tatsache, und die Art, wie es hier zur Kulisse für die Liebes-Oper des Milchmanns und seiner balkanischen Aphrodite gemacht wird, ist mehr als peinlich, sie ist obszön. Es ist, als tappte Kusturica mit jedem neuen Film tiefer in die Falle, die er sich seit „Underground“ mit seinem Anspruch, Märchenerzähler und Politiker in einem zu sein, selbst gestellt hat. Die chaotische ländliche Idylle, die in „Schwarze Katze, weißer Kater“ noch vor Leben strotzte, wirkt in „On the Milky Road“ nur noch wie ein Museumsstück. Kusturicaland ist abgebrannt, nicht weil ein britischer General, sondern weil die nostalgische Phantasie des Regisseurs es verheizt hat.

          Zuletzt hat Kosta alles Unglück überlebt, und wie sein Falke blickt er aus großer Höhe hinab auf sein Land und sein Leben. Wenn man diese Bilder sieht, muss man Kusturicas Entscheidung begrüßen, die Hauptrolle in seinem Film selbst zu übernehmen. Er ist vielleicht der Einzige, der eine Geschichte wie diese noch persönlich beglaubigen kann. Aber auch ihm bleibt am Ende nur die Einsamkeit des Eremiten. Insofern ist „On the Milky Road“ selbst die Katastrophe, von der er erzählt.

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