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Ellen DeGeneres Der lustigste Mensch Amerikas

26.12.2003 ·  Gegen sie ist Anke Engelke eher unkomisch. Ellen DeGeneres wäre die Richtige für die Late-Night: Die hochseltsame Karriere der amerikanischen Komikerin.

Von Dietmar Dath
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Am lustigsten wird diese meistens sehr lustige Frau mit Namen Ellen DeGeneres immer dann, wenn sie über die Sprache herfällt. Das muß nicht immer eine Sprache sein, die sie wirklich spricht - in der romantischen Komödie "Der Liebesbrief" von 1999 etwa spielt sie eine Buchhändlerin, die versucht, Kollegen und Kunden mit ihrer profunden Kenntnis fremdsprachiger Literatur zu beeindrucken. Sie greift also zu Rilkes "Briefen an einen jungen Dichter" und "liest daraus vor", das heißt, sie würgt in wichtigtuerischem Tonfall ein sinnloses teutonisches Zeug heraus, bei dem selbst Chaplins großem Diktator das Hitler-Bärtchen abgefallen wäre: "Listen to this - ,Diertsch mihn lieden. Sieder! Oaahn kloag . . .'"

Anderes, das sie auf englisch erfindet, läßt sich durchaus übersetzen - "Beunruhigende neue Studie enthüllt: Studien sind beunruhigend" lautet bei ihr etwa eine äußerst plausible Überschrift in der Zeitung, und ein Lebenshilfe-Programm fordert die Teilnehmer auf, sich täglich selbst ein paar "positive Sätze" vorzusprechen: "Ich bin klüger als mein Hund" gehört dazu oder "Daß meine Haare so aussehen, ist Absicht".

"Wo immer du hingehst, da bist du dann halt"

Auch schöne Sprichwörter entreißt sie der Obskurität: "Wo immer du hingehst, da bist du dann halt" zum Beispiel, oder: "Die Welt ist übervölkert, und zwar von den falschen Leuten". Nachdem sie, kaum der Pubertät entronnen, an der Universität entdeckt hatte, daß man mit Sachen wie den zitierten einen Saal voller Studenten zum Lachen bringen und dabei sogar ein bißchen Geld verdienen kann, nahm sie 1982 an einem Casting-per-Video des Fernsehsenders "Showtime" teil, bei dem man den Titel "Lustigster Mensch in Amerika" gewinnen konnte. DeGeneres belegte den ersten Platz.

Die Ehre war ein Mühlstein um den Hals; sie ging damit auf Tournee und wurde mitunter, etwa von einer Zusammenrottung von Marinesoldaten, gnadenlos von der Bühne gejagt. Nicht jeder volltrunkene Ledernacken versteht Absurdes. Immerhin trat sie auf dem Höhepunkt der Verwirrung in der legendären Late-Show des Entertainers Johnny Carson auf und war damit die erste und einzige Frau, die bei Carson einen Stand-up-Act hinlegen und sich anschließend noch auf ein Gespräch zu ihm setzen durfte.

Comedy-Goldgräber

Das amerikanische Fernsehen der späten achtziger und frühen neunziger Jahre erlebte den Fieberzustand einer wahren Comedy-Goldgräberzeit. Es entstand der Eindruck, jedes halbwegs aufrecht gehende Lebewesen, das überhaupt einen Scherz herauspressen kann, müsse umgehend mit einer eigenen Sitcom belohnt werden. Auch Ellen DeGeneres begab sich 1994 an die Front und wurde "Ellen Morgan", eine familienverträgliche, leicht schusselige und sehr verquasselte Kunstfigur, die von mehr oder weniger niedlichen Freunden umgeben ist. Daher hieß der ursprüngliche Titel des "Seinfeld"-artigen Vehikels: "These friends of mine". Als die Reaktionen auf die Serie bei Kritik und Publikum eher mau blieben, zeigte die bis dahin umgängliche Künstlerin Zähne: Leute flogen raus oder gingen freiwillig, Verträge wurden durchgebürstet, Drehbücher bearbeitet.

Das Ergebnis hieß "Ellen", ein erheblich verbessertes, vermehrt auf die Witze der Komikerin abhebendes Format. Eine Weile köchelte die Suppe mit neuem Rezept gefällig vor sich hin; störend bemerkbar machte sich bloß ein gewisser Ermüdungseffekt auf der Ebene der Spielhandlung.

Nichts Gescheites zum Thema Gefühlsleben

Denn immer wieder versuchte es Ellen Morgan mit den Männern, aber jedesmal ging das auf unspektakuläre Weise daneben; fast schien es, als fiele dem Stab inklusive Chefin zum Thema Gefühlsleben einfach nichts Gescheites und vor allem: nichts Neues ein. Daß DeGeneres 1995 auch noch einen Film namens "Mr. Wrong" drehte, in dem ein vermeintlicher Traumkerl sich schließlich als bescheuerter, nicht abzuschüttelnder Verfolger entpuppt, machte die Sache nicht besser: Im Kino war das Thema "Partnerschaft" offenbar wenigstens pointenförderlich, wieso nicht in der Serie? Ein Fall für Stalin: Die Künstlerin nahm abermals die Zügel in die Hand und ließ durchsickern, in der nächsten Staffel ihrer Show werde Frau Morgan eine große Entdeckung bezüglich ihres scheinbar so richtungslosen Liebeslebens machen. Großes Gerüchtebrodeln, Anrufe, Briefe, Interviewanfragen - und sie spielte damit, endlich wieder zur Souveränität befreit und ganz der Profi, der sie ist: "Was? Nein, Sie haben das Gerücht falsch verstanden, nicht ,lesbisch'. Ellen Morgan ist libanesisch! Sie hat's nur nie gemerkt, das muß jetzt anders werden. Der Libanon ist eine sehr problematische Gegend."

Dann wurde die angekündigte Selbstfindungsfolge ausgestrahlt. Vom Libanon war darin natürlich nicht die Rede, dafür von einer sexuellen Identität, die das Fernsehgeschöpf und seine Darstellerin gemeinsam haben - Coming-out vor nationalem Publikum, weder flapsig noch kitschig, sondern dezent, lustig und ziemlich cool. Der Karriere hat es teils geholfen - endlich war die lesbische Kunstfigur komplett -, teils geschadet: Städte, ja, ganze Regionen im bibelfesten amerikanischen Mittelwesten haben die Episode nicht ausgestrahlt, Prediger predigten, Boykotteure boykottierten. Das Privatleben des Medienlieblings, zuvor weitgehend wirklich Privatsache, geriet unter Druck: Die Schauspielerin Anne Heche, bis dahin nur mit Männern liiert, laut DeGeneres ihre Frau fürs Leben, warf sich ein bißchen zu lautstark in die Bresche, auch Ellen-Freunde nahmen Anstoß. Denn ein Geruch von Opportunismus waberte über der Affäre - schließlich war so ein Rummel für die vermeintlich bisexuelle, also: faszinierend vielschichtige Heche potentiell nützlicher als für ihre stigmatisierte lesbische Geliebte. Nach einer lieben Weile und viel famoser Publizität verließ Heche ihre "große, einzigartige Liebe" (Eigenwerbung), übrigens für einen Mann. Es gibt geschmackvollere Pointen.

Die Show stirbt 1998

Auch die Show gerät danach wieder ins Trudeln: Wer eigentlich das Sagen hat - die Produzenten, die Networks, die Sponsoren, der Star? -, ist mindestens ebenso ungeklärt wie die Frage, ob man dem Publikum nach der mit einem "Emmy" ausgezeichneten Ich-bin-lesbisch-Folge auch gleich noch eine feste Beziehung für Ellen Morgan zumuten darf. Also tut man's, aber nicht richtig, dann doch, dann lieber wieder nicht. Die Show stirbt 1998.

Ellen macht, sobald dieser Karrierabschnitt gewesen ist, eine längere Pause, das heißt: Sie spielt in netten, intelligenten kleinen Filmkomödien mit und schreibt ein zweites Buch, als Folgeband zu ihrem Bestseller von 1995 "My Point . . . and I do have one". Im Jahr 2000 gibt es erstmals seit vier Jahren neues Bühnen-Live-Material, das auch auf DVD veröffentlicht wird. Und 2003 wird dann das von langer Hand vorbereitete Comeback-Jahr eines seltenen Talents, das eigentlich nie richtig abgetreten war: Das neue Buch "The funny thing is . . ." erscheint, ihre Sprechrolle im Animationsfilm "Findet Nemo" macht das enthemmte Computergeflitze überhaupt erst richtig lebendig, und auch das Fernsehen scheint begriffen zu haben, daß das passende Format für DeGeneres' einzigartigen Plapperfuror die Begegnung mit anderen nichtkünstlichen Menschen ist: Die neue Ellen-Sendung ist eine TalkShow. Wird jetzt alles gut? "Mir egal! Ich bin kontrovers! Ich bin eine Rebellin! Nee, Entschuldigung, war nicht so gemeint" (DeGeneres).

So bleibt uns nur zu klagen

Hierzulande hat zuletzt vor ein paar Jahren in "Titanic" Simone Borowiak, selbst Komikerin mit splendidem Sprachgefühl, nachdrücklich auf DeGeneres hingewiesen. Würden wir zivilisierte Staaten wie Holland oder Israel bewohnen, wo Amerikanisches problemlos mit Untertiteln im Fernsehen läuft, könnten wir verlangen, daß man uns die neue Talkshow zeigt. Leider leben wir aber in einer Gegend, in der man einheimische Ausnahmefernsehkünstler kaum vernünftiger behandelt als auswärtige. So bleibt uns nur, mit Rilke zu klagen: Oaahn kloag, wun sirting slenze . . .

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.12.2003, Nr. 300 / Seite 34
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