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„Eleanor & Colette“ im Kino : Diese Frau macht uns verrückt

Ungleiche Kampfgemeinschaft: Helena Bonham Carter (links) als Eleanor und Hilary Swank als Anwältin Colette. Bild: Bernd Spauke

Komplexe Rollen sind ihr Spezialgebiet: In Bille Augusts neuem Film „Eleanor und Colette“ spielt Helena Bonham Carter eine starke Psychiatriepatientin.

          Bille August ist der gefälligste Kunsthandwerker unter den europäischen Regisseuren in Hollywood (seinen Oscar gewann er 1989 für den noch in der dänischen Heimat gedrehten „Pelle, der Eroberer“), Helena Bonham Carter das Enfant terrible unter den großen britischen Schauspielerinnen (natürlich immer noch kein Oscar) und Hilary Swank unter diesen die vom Rollenglück mittlerweile Verlassene (seit 2004, als sie in Clint Eastwoods „Million Dollar Baby“, für den sie ihren bereits zweiten Oscar bekam, spielte). Also weckt deren gemeinsames neues Werk, „Eleanor & Colette“, zwiespältige Vorgefühle, und genau so fällt der Film dann auch aus.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Wobei Bonham Carter gewohnt exaltiert agiert. Gleich zu Beginn wütet sie als an Schizophrenie leidende Eleanor gegen eine Gruppe Krankenpfleger, die die Patientin mit allen Mitteln zu beruhigen versuchen, und Augusts Inszenierung der Räume und Perspektiven weiß genau, welche Vorbilder sie abrufen muss: die berühmtesten aller Psychiatriefilme, Miloš Formans „Einer flog über das Kuckucksnest“ und Alan Parkers „Birdy“. Bonham Carter schwankt zwischen Aufbegehren und Verzweiflung, und sofort ist man auf ihrer Seite – was so gewollt ist, aber ein Problem für den Film, denn reizvoll wäre es, diese tobende Frau sich erst langsam als die eigentliche Heldin des Ganzen erweisen zu lassen. Der deutsche Verleihtitel gibt das aber ohnehin schon preis; im Original heißt der Film „55 Steps“, nach der Anzahl der von Eleanor manisch ausgezählten Stufen, die zu einem Gerichtssaal heraufführen, in dem über ihr Schicksal verhandelt wird.

          Eine sehr amerikanische Geschichte

          Die reale Eleanor Riese erstritt 1987 ein für die Vereinigten Staaten wegweisendes Urteil zum Umgang mit Patienten. Sie hatte sich zuvor selbst ins Krankenhaus eingewiesen, war dort aber gegen ihren erklärten Willen mit Psychopharmaka behandelt worden, die Rieses Symptome verschlimmerten und ihr dauerhafte körperliche Schäden zufügten. Aus der Psychiatrie heraus heuerte sie die Anwältin Colette Hughes an, die dank eigener früherer Berufserfahrungen als Krankenschwester den Fall mit Empathie und Engagement vertrat. Er mündete in einen Musterprozess für die Vereinigten Staaten, der über die Rechte von damals 150.000 Psychiatriepatienten entschied und seitdem Hunderttausenden anderen Selbstbestimmung bei Fragen der Medikamentierung garantiert. Eine sehr amerikanische Geschichte also. Auch im Hinblick darauf, wie der Film auf die Tränendrüse drückt.

          Das ist vor allem die Aufgabe von Hilary Swank, und sie ist damit wieder einmal grotesk unterfordert. Ihre Colette soll den Konflikt zwischen Privat- und Berufsleben vorführen, die Diskrepanzen in der Wertschätzung für Männer und Frauen in der Justizwelt und auch noch das Dilemma, eine höchst anstrengende Klientin zu vertreten: Diese Eleanor kann einen wirklich verrückt machen. Wie dankbar für ihre Darstellerin! Während Mark Bruce Rosins Drehbuch für die Anwältin und damit Swank nicht mehr als waidwunde Blicke übriglässt und ihr als Höhepunkt der psychischen Belastung ein paar Gürtelroseflecken ins makellose Gesicht schminken lässt.

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          Nur an Details wie dem bekanntermaßen (hier aber gar nicht thematisierten) langwierigen Heilungsprozess einer solchen Erkrankung merkt man, dass in „Eleanor & Colette“ überhaupt Zeit vergeht, denn für äußere Umstände hat Bille August kein Interesse. Die regelmäßig eingestreuten Totalen auf San Francisco mit der Golden-Gate-Brücke im Hintergrund dienen allein als Klischee-Stimmungsabbilder, und außer einem Weihnachtsfest gibt es keinen Hinweis auf die zweifellos zermürbende Dauer der realen juristischen Auseinandersetzung. Die wahre Eleanor Riese starb 1991; im Film folgt ihr Tod unmittelbar nach dem Triumph im Rechtsstreit.

          Also einmal mehr ein gut gemeinter und schlecht gemachter Kinofilm, in den man aber Helena Bonham Carters wegen trotzdem guten ästhetischen Gewissens gehen kann. Das politische wird ohnehin nicht beschwert, alles ist korrekt – selbst der väterliche Juraprofessor Morton Cohen (gespielt von Jeffrey Tambor), den man anfangs noch als übergriffig empfindet, der aber dann auch nicht mehr ist als ein Abziehbild moralischer Integrität. Abgründe aber sind es, die im Kino reizen: die eigenen der Protagonisten oder solche, die sie herausfordern. Nur Helena Bonham Carter bekommt sie hier auf den Leib geschrieben und lebt sie dann auch sehenswert aus.

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