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Claude Lanzmanns Vermächtnis : Die schreckliche Geschichte vom lustigen Floh

  • -Aktualisiert am

Bild: AFP

Am Tag vor seinem Tod kam Claude Lanzmanns letzter Film in die französischen Kinos: „Vier Schwestern“ erzählt von Schicksalen, die brennend aktuell sind.

          Trauer ist, was immer auch die Psychologen behaupten mögen, keine Arbeit, sondern eine Kunst. Wie sehr es diese Kunst beherrscht, beweist Frankreich dieser Tage mit seinem Abschied von Claude Lanzmann, der für sich in Anspruch nahm, mit seinem Meisterwerk „Shoah“ die französische und weltweite Kultur des Erinnerns an die Ermordung der Juden ausgelöst zu haben. Der Erforschung und Darstellung des industriell betriebenen Tötens, seiner Organisation und dem absoluten Denken des kalten, totalen Hasses hatte er seine Existenz gewidmet. Sein einzigartiges Werk machte Lanzmann schon zu Lebzeiten unsterblich.

          Er liebte das Leben, hasste den Tod und hatte Angst vor den Menschen. „Hundert Leben“ habe er gelebt, war in mehr als einem Nachruf zu lesen. In „Shoah“ brachte er die Zeit zum Anhalten, in der irdischen Biographie des Atheisten ist sie vergangene Woche abgelaufen. Vielleicht war es am letzten Sonntag in seinem Leben die grandiose Überführung der sterblichen Überreste von Simone Veil, der Auschwitz-Überlebenden, in das Pariser Pantheon und Emmanuel Macrons Rede über den Antisemitismus als „Lepra“, die ihn ermunterten, sich nun doch noch auf seinen eigenen Tod einzulassen. Schließlich hatte er ihm schon in jungen Jahren im Widerstand in die Augen gesehen.

          Hommage an den Verstorbenen

          Am Tag vor seinem Ableben war Claude Lanzmanns Dokumentation „Vier Schwestern“ in den Kinos angelaufen – und die Besprechungen als Ouvertüre zum Konzert der Nachrufe fielen hymnisch aus. Im Fernsehen, auf Arte, waren die Porträts von vier überlebenden Frauen schon zu Beginn des Jahres zu sehen. Nach der Todesnachricht wurden sie wieder ins Netz gestellt, und nicht nur das: Die öffentlich-rechtlichen Minderheitsprogramme zeigten Werke von Lanzmann und Produktionen über ihn. Am Samstagabend gab es bei Arte im Hauptabendprogramm und bis in den frühen Sonntagmorgen hinein „Shoah“, ein paar Wochen lang bleibt die Dokumentation im Internet freigeschaltet. Der Rundfunk strahlte Sondersendungen und alte Interviews aus. Ausführlich würdigten die Zeitungen den Verstorbenen. „Le Monde“, mit dem Lanzmann in jüngster Zeit auf Kriegsfuß stand, publizierte eine ganze Beilage. Seit Tagen nimmt Frankreich von Claude Lanzmann Abschied und stellt mit einiger Verwunderung fest: Es gab doch noch einen großen Intellektuellen aus dem vergangenen Jahrhundert, einen „Riesen“ und „Titanen“, wie sie das „eingefallene Frankreich“ nicht mehr hervorzubringen scheint.

          Auch in der Provinz haben ein paar Kinos „Vier Schwestern“ ins Programm genommen. In Aix-les-Bains sind wir am Samstagnachmittag zu fünft im Saal. Die vier Porträts werden zu Vorstellungen mit je zwei Teilen von zweieinhalb Stunden Dauer gebündelt. Wir sehen den ersten Teil und wissen nun abermals: Lanzmann gehört auf die große Leinwand. Aber die Zusammenlegung der völlig unterschiedlichen Folgen wirft auch Fragen auf.

          Der Regisseur bestimmt nicht immer die Dramaturgie

          In „Der hippokratische Eid“ erzählt Ruth Elias ihre unvorstellbare Geschichte. Die Tschechin kam als junges Mädchen mit ihrer Familie nach Theresienstadt. Ihre Angehörigen wurden nach Auschwitz transportiert. Diesem Schicksal entging Ruth zunächst durch die Heirat mit ihrem Jugendfreund. Sie war schwanger, wurde zur Zwangsarbeit nach Hamburg geschickt und schließlich nach Auschwitz deportiert. Nach der Geburt des Kindes ließ ihr Mengele die Brüste verbinden, um zu erfahren, wie lange ein Säugling ohne Nahrung überlebt. Eine jüdische Ärztin will Ruth retten und bringt ihr in der Nacht heimlich eine Morphiumspritze, mit der die junge Frau ihr Baby erlösen muss. Nach dem Krieg spürt Ruth Elias die Frau in Israel auf und findet in ihr eine Ersatzmutter.

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