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: Ein großer kleiner Film aus Deutschland: "Lichter" von Hans-Christian Schmid

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Geht den Lichtern entgegen, wenn es dunkel wird, sagt der Fernfahrer zu den Ukrainern, die aus dem Laderaum seines Lastwagens steigen: "Die Straße entlang, und dann klopft ihr beim ersten Haus an die Tür.

          Geht den Lichtern entgegen, wenn es dunkel wird, sagt der Fernfahrer zu den Ukrainern, die aus dem Laderaum seines Lastwagens steigen: "Die Straße entlang, und dann klopft ihr beim ersten Haus an die Tür. Dann seid ihr schon in Berlin." Sie warten bis zum Abend, fünf Männer, zwei Frauen und ein Säugling. In der Dämmerung gehen sie los. Das erste Haus rechts an der Straße ist aus Holz. Eine Frau mit harten Gesichtszügen öffnet die Tür. "Berlin?" fragen die Ukrainer. "Sprecht polnisch!" antwortet die Frau. "Hier ist Polen."

          Ein wenig später sehen sie den Fluß. Die Stadt, die an seinem östlichen Ufer liegt, in Polen, heißt Slubice, die Stadt am westlichen Ufer Frankfurt. Der Fluß heißt Odra, zu deutsch Oder. Als es ganz dunkel geworden ist, werden drei der Flüchtlinge den Versuch wagen, ihn zu durchschwimmen. Kurz darauf wird es in den Fernsehnachrichten heißen, drei Männer aus der Ukraine hätten versucht, über die Oder nach Deutschland zu gelangen, zwei von ihnen seien ertrunken, den dritten hätten die deutschen Behörden gefaßt. Der Rest der Gruppe, der in Slubice geblieben ist, sitzt in einer Gaststätte vor dem Fernseher. "Was gibt es?" fragt eine Ukrainerin, die kein Polnisch versteht, ihren Mann. "Ach, nichts." Drüben, am anderen Ufer, sieht man die Scheinwerfer der Polizei. Die Lichter.

          Daß etwas in Hans-Christian Schmids Film "Lichter" anders ist als in anderen deutschen Filmen, merkt man schon an den ersten Bildern. Es fehlt: die Musiksoße. Die Mitleidshaltung. Der sozialarbeiterisch gelenkte Blick. Dies ist ein Film der Kälte und der brennenden Empathie. Weil er nicht - wie die vielen hübschen neuen Melodramen des Fernsehens - Schicksal spielen, sondern eine Welt zeigen will, geschehen in ihm viele Dinge gleichzeitig. Während die Ukrainer ihren Tag im Wald verwarten, steigt ein Junge mit einer Tasche voller Zigarettenstangen in Slubice in den Zug und wirft die Stangen hinter der Oderbrücke aus dem Fenster, wo ein Mädchen auf einem Mofa sie aufsammelt. Und ein Matratzenladenbesitzer sucht auf dem Arbeitsamt von Frankfurt/Oder Hilfskräfte für einen Tagesjob. Und ein junger deutscher Architekt trifft bei einem Bautermin seine polnische Exfreundin wieder. Und ein polnischer Taxifahrer entdeckt, daß er nicht genug Geld für das Kommunionkleid seiner kleinen Tochter hat.

          Sie alle sind kleine Leute. Kleine Lichter, die dem großen Licht ihrer Hoffnungen hinterherjagen, das hier, im Grenzgebiet, immer besonders nah und zugleich besonders unerreichbar leuchtet. Der Film gibt ihnen zwei Tage und zwei Nächte Zeit, ihrem Ziel näher zu kommen - achtundvierzig Stunden, eine viel zu kurze Frist für vernünftige Karriere- und Lebensplanungen, aber eine Ewigkeit für die Nomaden und Hasardeure der Grenze. "Heute ist ein guter Tag, das spür' ich", sagt der Mann (Devid Striesow), dem der Matratzenladen in Frankfurt gehört, doch dann verliert er an diesem Tag nicht nur sein Geschäft, sondern auch seine Wohnung und seinen Kredit. Vorher aber hat er die Lage der Stadt, in der er nicht auf die Füße kommt, noch knapp zusammengefaßt: "Zwanzig Prozent Arbeitslosigkeit! Was meinen Sie, was die Leute den ganzen Tag machen? Liegen im Bett. Noch ein Grund für 'ne gute Matratze."

          "Lichter" ist ein Episodenfilm - wie Max Färberböcks verunglückter "September", wie Sönke Wortmanns flaue "St.Pauli Nacht". Es gibt viele gute Gründe, Episodenfilmen zu mißtrauen: erstens haben sie keine Zeit (für ihre Figuren), zweitens keinen Raum (für ihre Geschichten), und drittens sind Themenfilme (siehe "September") fast immer auch Thesenfilme und damit so ziemlich das Schlimmste, was es im Kino gibt. Und schließlich kann man, wie Stephen Daldry in "The Hours", alles richtig machen und dennoch nicht vom Kunsthandwerklichen loskommen, weil eben die Form, die rigide, sich gerade dann besonders drückend bemerkbar macht, wenn sie spektakulär gelingt; so wie auch ein Sonett nie ein Stück Erlebnislyrik wird, mag es auch jauchzen und jammern, wie es will.

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