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Ein Gespräch mit Werner Schroeter : Die Idee der Herzensbildung

  • Aktualisiert am

„Im Erkennen von Schönheit liegt eine Hoffnung”: Werner Schroeter Bild: dpa

Letzte Auskünfte des vor kurzem verstorbenen großen deutschen Regisseurs Werner Schroeter über Kunst und Gefühl, Freiheit und Angst, Schönheit und Schmerz - und natürlich über seine lebenslange Liebe zu Maria Callas.

          Letzte Auskünfte des vor kurzem verstorbenen großen deutschen Regisseurs Werner Schroeter über Kunst und Gefühl, Freiheit und Angst, Schönheit und Schmerz - und natürlich über seine lebenslange Liebe zu Maria Callas.

          Sie inszenieren viel auf der Bühne. Wie stehen für Sie die verschiedenen Felder Ihrer Arbeit zueinander in Beziehung?

          Ich sehe mich als musikalischen Regisseur, egal, was ich gerade inszeniere. Ich habe ja viel mehr Theaterstücke inszeniert als Opern, die für mich mitunter eine Erlösung gewesen sind, weil die Sänger im Vergleich zu Schauspielern eine große Sicherheit ausstrahlen. Ich habe mich in der Opernregie aber immer darum bemüht, sehr reduziert zu arbeiten. Dieses Klischee „opernhaft“, das an mir klebt, ist aber eigentlich eine Unverschämtheit - obwohl ich das Beiwort, richtig benutzt, schätze: Weil es eigentlich eine der komplettesten Kunstformen meint: bildende Kunst, Gesang, die Worte werden ihrer Banalität enthoben. Unter dem Aspekt lasse ich mich gerne opernhaft nennen. Aber nicht, wenn es heißt, bei mir sei alles Kitsch und bunt.

          Alexander Kluge, der lange ein Weggefährte war, betont gern die Ähnlichkeiten zwischen Kino und Oper. Berühmt ist seine Formulierung vom „Kraftwerk der Gefühle“.

          Die hat er übrigens von mir. „Kraftwerk der Gefühle“ stimmt in jedem Fall. Das ist die einzige Waffe, die wir haben in einem Land, in dem Gefühle als Schande gesehen werden und ihre Verkarstung als Weg zur Vergeistigung. Ohne Herzensbildung kommt man nicht voran. Das Gefühl als Träger des Ausdrucks ist eigentlich die humanste Idee, natürlich immer gekoppelt mit dem Denken.

          Kann man das zusammenfassen: Was Sie mit Ihrer Arbeit letzten Endes bezwecken? Was alles vereint?

          Eine Reaktion hervorzurufen, die zum Denken und Mitfühlen führt - ohne eine Wertung darüber abzugeben. Man muss die Augen öffnen. Kunstwirklichkeit hat nur Sinn, wenn sie die Wahrhaftigkeit der Welt, in der wir uns bewegen, trifft.

          Ist Kunst eine Überlebenshilfe?

          Kreativ sein zu dürfen ist ein enormes Geschenk. Und das kreative Leben ist das Schönste, was es gibt. Das überträgt sich auch zurück auf die Beziehung zum Menschen. Die Phantasie in der Gestaltung von Beziehung wächst ja auch, wenn man sich dauernd beschäftigt mit diesem Ausdrückenmüssen, mit diesem Zueinander-finden, mit dieser Dringlichkeit. „Una necessitá interiore.“ Man soll das nicht verklausulieren: Es ist einfach eine wunderbare Aufgabe.

          Kunst kann einen stark machen, andererseits macht sie einen aber ja auch verletzlich - oder ist das eine Täuschung?

          Extrem. Das ist ja auch gut so. Die Offenheit, die erzwungen wird. Man muss sehr, sehr offen sein, man darf kein Selbstmitleid haben, man darf sich nicht schützen. Braucht man auch nicht, wenn man ehrlich mit sich ist.

          Sie haben als Künstler in einer Epoche angefangen, die im Rückblick viel mehr von Hoffnung erfüllt scheint: in den späten sechziger Jahren. Was hat sich seither eigentlich verändert?

          Was heute immer unterschätzt wird: was 1968 für ein Aufbruch war. Es gab ein inneres Bedürfnis zur Begegnung mit anderen Menschen, alle Kunst und Politik war eine Aufforderung zur Kommunikation mit dem Anderen, dem Fremden. Davon habe ich auch als Künstler viel gelernt. Es war ein allgemeiner Aufruf zum freien Leben und eine Lust an der Freiheit. Heute scheint der Weg in die Vereinsamung nicht aufhaltbar. Man darf das nicht unterschätzen: Fernsehglotzen. Nicht mehr ins Kino gehen, nicht mehr ins Theater, nicht mehr gemeinsam erleben, sondern sich in einer virtuellen Welt bewegen. Hat man vielleicht verlernt, wie man direkt auf Menschen zugeht? Man sieht das auch an der Mimik auf der Straße: Mir liegt daran, dass ich jemand Fremdes anlächeln kann. Früher waren die Blicke weniger angstvoll. Unter der Angst verlieren die Menschen ihr schönes Profil. So empfinde ich es. Mit Angst regiert jede Diktatur. Es hat sich stattdessen so eine Art Seelenmasturbation entwickelt, dieser ganze Wellness-Kram, der vielen heute so wichtig ist.

          Wellness statt Schönheit also?

          Schönheit ist etwas fast Absolutes. Ein malgré tout, ein trotz allem. Im Erkennen von Schönheit liegt eine Hoffnung. Ich kenne keinen Künstler, der nicht der Vitalität des Lebens in jedweder Form die Schönheit abgewinnt. Darum ist Picasso, auch im Fall von „Guernica“, wunderschön. Darum liebe ich Goya und van Gogh. Ich finde, wenn man sich nicht mit allen Seiten des Lebens auseinandersetzt, dann ist die Kunst platt. Meine Muse im Geist und im Herzen war immer Maria Callas. Warum? Mir schien sie in allen Katastrophen wie eine Botin von Gott zu den Menschen. Warum? Ihre Schönheit war Wahrhaftigkeit der Mitteilung.

          Man kann also sagen, dass Schönheit auch eine Moral hat?

          Ist Ethos und Moral dasselbe? Ethos liegt darin. Aber Moral ist ein Begriff, mit dem ich wenig anfangen kann. Ich möchte Tschaikowsky zitieren: Man darf doch wohl vom Publikum verlangen, dass es eine Reise mitmacht, in der es den unaufgehobenen Widerspruch zwischen Schmerz und Schönheit als einen möglichen Weg in die Wahrheit und Wahrhaftigkeit sieht. Für mich ist Schönheit kein Verbrechen und kein Kitsch. Es ist nicht nur „des Schrecklichen Anfang“, wie Rilke schrieb, sondern Schönheit ist ein Seelenbedürfnis des Menschen. Und allein durch die Schönheit ist nicht alles Schreckliche so schrecklich, wie es sonst vielleicht aussieht. So ist trotzdem meine Idee vom Menschen eine utopische: Die Glaubwürdigkeit des Einzelnen in seiner Situation, so befangen und schwierig sie sein mag. Das heißt: Man muss den Menschen lieben, um ihn zu verstehen.

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