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Ein Gespräch mit Shirin Neshat : Wir sind ein Volk

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Shirin Neshat vor ihrer Videoinstallation „Das letzte Wort” Bild: dpa

Shirin Neshats „Women Without Men“ war ein Höhepunkt beim Festival in Venedig. Der Film erzählt die Geschichte von weiblichem Leid im Teheran des Jahres 1953. Die Parallelen zur aktuellen Lage in Iran überraschen die Künstlerin selbst.

          Shirin Neshats „Women Without Men“ war ein Höhepunkt beim Festival in Venedig. Der Film erzählt die Geschichte von weiblichem Leid im Teheran des Jahres 1953. Die Parallelen zur aktuellen Lage in Iran überraschen die Künstlerin selbst.

          Shirin Neshat, wie haben Sie die letzten Wochen verbracht? Sie haben ihren Film fertig geschnitten, zugleich kam es in ihrer Heimat Iran nach den manipulierten Wahlen zu heftigen Unruhen...

          Wir sitzen hier an einem Tag im August. Mein Film spielt ebenfalls im August, im Jahr 1953, rund um den Staatsstreich gegen Mossadegh. Ich war nie ein besonders politisch aktiver Mensch. Ich habe den Iran ziemlich genau zu Beginn der islamischen Revolution verlassen. Ich begann damals, in den USA zu studieren. Meine Generation, viele meiner persönlichen Freunde waren seinerzeit Aktivisten. Demgegenüber war ich immer Außenseiterin. Und dann kam der Juni 2009. Natürlich haben wir iranischen Exilanten die Ereignisse um die Wahlen genau verfolgt. Wir waren alle ziemlich sicher: Mussawi würde gewinnen. Es gab eindeutige Nachrichten. Und dann lag in der Nacht plötzlich Ahmadineschad vorne. Es gab auch schnell Anzeichen für Betrug. Aus Aufregung wurde Ärger, Depression, und die kochte dann aber wieder hoch zu neuem Ärger und Wut. Mein soziales Leben wurde dann völlig von dem aufgesogen, was im Iran passierte.

          Wer braucht Männer, wo solche Frauen sind? Szene aus „Women Without Men” von Shirin Neshat

          Trügt der Eindruck, dass der Zusammenhalt unter den Exiliranern besonders eng ist, dass im Exil längst eine Art iranische Parallelgesellschaft entstanden ist?

          Genau so ist es! Zumindest in New York, in Berlin und in Paris. Aber wir waren bisher ungemein gespalten: Pro Shah, anti-Shah, pro-Regierung, gegen, rechts-links -, ökonomisch in Reich und Arm, kulturell in Gebildete, Ungebildete, Künstler und Intellektuelle oder andere, religiöse und a-religiöse. Zum ersten Mal hatte ich nun den Eindruck: Wir sind ein Volk. Wir teilen eine Erfahrung miteinander. Plötzlich waren alle unsere Differenzen unwichtig geworden: Wir hatten ein Ziel. Kein Kampf um Ideologien, das war ein Kampf um die Freiheit an sich. Wichtig ist dabei natürlich auch, der amerikanischen Regierung keinen Vorwand zu liefern, um den Iran anzugreifen. Aber es geht auch um die internationale Öffentlichkeit. Um Druck für die Menschenrechte. Es geht um die Freiheit für politische Gefangene. Die systematischen Vergewaltigungen im Gefängnis sind die neueste Form der Folter.

          Wie haben die Exil-Iraner in den Junitagen miteinander kommuniziert?

          Facebook war sehr wichtig. Wir Exiliraner in New York sind alle auf Facebook. Es ist erstaunlich, was Technologie vermag: Etwas passierte im Iran und fünf Minuten später wussten wir in New York bereits davon, und informierten wiederum andere. Diese Clips und die Gewalt mit der die Regierung ihre eigene Bevölkerung niederhalten wollte, mobilisierte uns alle innerhalb weniger Tage. Es war eine so starke Erfahrung! Es bildeten sich ganz schnell Grasswurzel-Organisationen, in denen die alten Differenzen keine Rolle mehr spielten. Wir hatten ein gemeinsames Ziel, die Farbe Grün wurde zum Symbol. Der nächste Gedanke war: Wir müssen etwas tun. Wir müssen als Künstler unsere öffentliche Bekanntheit nutzen. Jeder, der öffentlich irgendeine Sichtbarkeit hat, muss gegen die Unsichtbarkeit ankämpfen. Wir organisierten einen Hungerstreik, wir gewannen Robert Redford und appellierten an viele Hollywood-Stars, uns zu helfen. Das alles bekam eine immense Intensität. Ich hätte mir nie in meinem Leben vorstellen können, dass ich zur Organisatorin eines Hungerstreiks werden würde. Aber das kam mir dann plötzlich gar nicht mehr seltsam vor, sondern sehr natürlich. Ich schämte mich wegen gar nichts mehr, meine Zurückhaltung hatte ich völlig aufgegeben. Es ging nicht um mich, es ging um mein Land. Als ob immer schon eine Aktivistin in mir geschlafen hätte, die jetzt erwacht ist. All das hat unglaubliche Bedeutung in unseren Leben bekommen. Ich hätte mir nie vorher vorstellen können, wie dieser Sommer werden würde. Wir hatten nichts, als Kunst und politischen Aktivismus. Das war eine wunderbare, fesselnde Erfahrung. Es hat uns alle verändert.

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