20.08.2009 · Die beste Propaganda ist gute Unterhaltung - das war Goebbels' These: Ein Gespräch mit Quentin Tarantino über das deutsche Kino der zwanziger Jahre, die Schnittflächen von Hollywood und politischer Propaganda und sein Desinteresse an Geschichte und Politik.
Die beste Propaganda ist gute Unterhaltung - das war Goebbels' These: Ein Gespräch mit Quentin Tarantino über das deutsche Kino der zwanziger Jahre, die Schnittflächen von Hollywood und politischer Propaganda und sein Desinteresse an Geschichte und Politik.
Sind Sie ein politischer Mensch, Herr Tarantino?
Nein.
Interessieren Sie sich für Geschichte?
Nein.
„Inglourious Basterds“ ist Ihr erster historischer Film. Die Referenzpunkte stammen unter anderem aus dem deutschen Kino der Goebbels-Zeit. Was interessiert Sie an Propaganda?
Was ich in der Vorbereitungszeit sehr faszinierend fand, war das Thema Ufa unter Goebbels sowie die gesamte Filmindustrie im Dritten Reich. Selbst bei Goebbels ging es nicht nur um das strukturierte Böse, sondern alle Filme jener Zeit tragen seinen Fingerabdruck. Was mir besonders gefällt in „Inglourious Basterds“, ist die Szene in der Mitte des Films, dieses Mittagessen mit Goebbels und seinem Helden, Daniel Brühl. Das könnte ein Ausschnitt aus „LA Story“ sein, es ist wie ein Hollywood-Lunch, nur dass er in Frankreich unter deutscher Besatzung stattfindet. Es hat diesen Hollywood-Touch.
Wie gut kannten Sie das Kino dieser Zeit?
Ich war schon ziemlich vertraut mit dem deutschen Kino der damaligen Zeit und noch mehr mit dem Kino der zwanziger Jahre, deshalb hat es mich sehr gefreut, mich noch intensiver damit auseinandersetzen zu können. Das Interessante war, und hier ging es mir wie vielen anderen Menschen auch, dass ich nicht die ganze Geschichte des Kinos unter Goebbels kannte. Nur wenige Bücher sind hier hilfreich, weil sie meistens dazu neigen, ihren Blick auf das Böse zu richten. Die Wahrheit ist, dass Goebbels die Massen unterhalten wollte, und er glaubte, die richtige Art und Weise hierfür sei, Propaganda einzusetzen. Ein Zitat von ihm ist sehr interessant, das ich im Zusammenhang mit einer Vorführung von Eisensteins „Panzerkreuzer Potemkin“ fand. Er bewunderte die Technik des Films, aber fand die Propaganda zu dick aufgetragen. Wenn weniger Propaganda eingesetzt worden wäre, wäre der Effekt seiner Meinung nach sicher größer gewesen.
Die aus seiner Sicht beste Propaganda wurde in dem Film „Mrs. Miniver“ von William Wyler eingesetzt. Er verbrachte viel Zeit damit, ein deutsches Gegenstück zu produzieren. Er wollte Opium für die Massen. Die meisten Filme dieser Zeit waren Komödien, Operetten und Liebesfilme, Melodramen. Ja, ich habe einige Filme gesehen, und mein Lieblingsfilm ist „Glückskinder“. Das ist eine geniale Komödie, und Lilian Harvey ist außerordentlich brillant in dieser Rolle. Sie ist eine charmante Schauspielerin und machte drei Filme in Amerika. Ich liebe „Glückskinder“ so sehr, deshalb habe ich das Lied „Ich wollt' ich wär' ein Huhn“ auf den Soundtrack von „Inglourious Basterds“ genommen.
Damals gab es viel Aufregung um dieses Lied, weil Goebbels sagte, er möchte nicht, dass deutsche Männer sich wünschen, ein Huhn zu sein. Haben Sie sonst noch etwas übernommen?
Ich habe nichts direkt übernommen. Georg Wilhelm Pabst ist mein deutscher Lieblingsregisseur. Aber trotzdem finden sich in meinem Film keine Ähnlichkeiten. Ich war eine Weile derart von ihm angetan, dass ich mir überlegt hatte, ob ich ein Stummfilm-Kapitel in den Film einbaue. Dieser Abschnitt hätte gezeigt, wie das jüdische Mädchen Shosanna in den Wäldern überlebt hat und wie sie nach Paris kam und letztlich zum Filmtheater. Ich habe es nicht zu Papier gebracht, aber in meinem Kopf visualisiert. Aber dann dachte ich mir, das ist zu viel, und ich habe ja eine Geschichte zu erzählen.
Ist an den Gerüchten, die Sie selbst gestreut haben, dass Sie an eine Fortsetzung denken, mehr dran als an denselben Gerüchten bei Ihren anderen Filmen?
Ich bin in dieser Hinsicht sehr unzuverlässig, weil ich das tatsächlich bis jetzt über jeden meiner Filme gesagt habe, und es wurde nichts daraus. Dieses Mal ist es anders, weil ich die Hälfte schon zu Papier gebracht habe. Was bei diesem Film so lange gedauert hatte, war, dass ich zwar alle Figuren hatte, aber eine ganz andere Geschichte, die viel zu lang war. Aber ich mag diese Geschichte, und jetzt könnte ich sie erzählen. Wir werden sehen. Eine Sache möchte ich noch zum historischen Aspekt anmerken. Es gibt zwar viele historische Bezüge in diesem Film, aber es gibt auch viel Unbelegtes. Ich erzähle nicht nach, sondern ich mache meine eigene Version aus dem, was geschah.
Das hört sich dann aber doch ziemlich politisch an für einen Filmemacher, der behauptet, unpolitisch zu sein.
Ich habe wahrscheinlich eine sehr begrenzte Sichtweise hinsichtlich der Bedeutung des Wortes „politisch“ in Bezug auf einen Filmemacher.
Welche Auswirkungen auf unsere Wahrnehmung hat die Darstellung von Geschichte im Kinofilm?
Man kann beide Seiten der Medaille darstellen. In meinem Film behandele ich die Propaganda im deutschen Film und kommentiere gleichzeitig den amerikanischen Gebrauch von Propaganda in Hollywood-Filmen. Schon allein der unechte Sprachgebrauch verbiegt die Geschichte. Wenn man nach den meisten Filmen der sechziger bis neunziger Jahren urteilt, hat das Dritte Reich bereits im Theater „Old Vic“ angefangen, so wird da gesprochen. Die Sprache spielt eine wichtige Rolle für den Spannungsaufbau. Der Zweite Weltkrieg war das letzte Mal, dass sich Weiße mit unterschiedlicher Sprache bekämpften. Das haben die älteren Filme völlig verschenkt. Es war möglich, den Gegner zu unterlaufen, wenn man dessen Sprache beherrschte. Oder sich zu verraten, wenn nicht.