Home
http://www.faz.net/-gs6-15n5r
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Ein Gespräch mit Martin Scorsese Zum Verrücktwerden

 ·  In den Fünfzigern hatte er wie alle Angst, die Kommunisten könnten ihm die Seele stehlen: Martin Scorsese über sein neues Werk „Shutter Island“, Festungen im Film, Pulp und Panik.

Artikel Bilder (6) Lesermeinungen (1)

Es ist Nacht, über der Festung auf einer abgelegenen Insel tobt ein Sturm ungeheuren Ausmaßes - das sind Kinobilder, aus denen wir sofort ableiten, worum es geht: Angst, Paranoia, verrückte Wissenschaftler. Oder ist alles ganz anders? Martin Scorsese über seinen neuen Film „Shutter Island“

Dennis Lehane hat im Jahr 2003 den Roman „Shutter Island“ geschrieben, auf dem Ihr Film basiert. Wir schauen ihn im Jahr 2010. Die Geschichte spielt aber 1954. Was macht diese Ära für uns heute so interessant?

Oberflächlich betrachtet, sind für mich die späten vierziger Jahre bis etwa 1965 eine Zeit, in der ich mich als Regisseur sehr wohl fühle. Einfach deshalb, weil ich damals Kind und Jugendlicher war und mich sehr genau an diese Zeit erinnern kann. Das ist das eine. Das andere ist: Ich glaube, dass die Zeit damals mit ihrer weitreichenden Paranoia, dem Gefühl der Bedrohlichkeit, das sich über die Menschen gelegt hatte, unserer Zeit seit etwa 1989/90 und erst recht unserem Gefühl heute, seit dem 11. September 2001, sehr ähnlich ist.

Ich fand es spannend, all den Spuren alter Filme zu folgen. Gleichzeitig benutzen Sie diese Filme, von Samuel Fullers „Shock Corridor“ bis zu Otto Premingers „Laura“ neben vielen anderen, ja nicht, damit wir Filme raten. Wie gehen Sie hier mit Filmgeschichte um?

Na ja, das ist das Problem. Wir wollten unbedingt dieses Pulp-Element einbringen, aber nicht einfach als Hommage an Fuller oder Anatole Litvaks „The Snake Pit“ oder die Filme von Robert Siodmak und so weiter. Aber: Es gibt sie nun mal. Sie sind Teil unserer Kultur, Teil unseres Unterbewussten, wenn es um diese Art Geschichte geht. Ihre Elemente sind: eine Festung auf einer Insel. In dieser Festung eine Anstalt für verrückte Kriminelle. Es gibt einen Sturm, Blitz und Donner. Automatisch haben Sie doch dann diese Bilder vor Augen. Aber können wir sie einfach benutzen? Sind sie unser Vokabular für diese Art Geschichte, oder können wir vielleicht im Gesicht von Teddy (den Leonardo DiCaprio spielt) eine Art Konzentrat all dieser Bilder erzeugen? Und sein Gesicht benutzen, um die Geschichte zu erzählen? Unsere Referenzen finden Sie möglicherweise in den Ecken der Zimmer. Those who know will know - alle anderen bekommen einen Eindruck, der für ihre Wahrnehmung der Geschichte wichtig ist.

Finden Sie es nicht überraschend, mit welcher Wucht die fünfziger Jahre zurückkommen? Mit all ihrer Unsicherheit, was die Zukunft angeht, und ihrer Verwirrung darüber, worum es in der Vergangenheit ging?

Unbedingt. Ich habe lebhafte Erinnerungen an diese Zeit. Wenn Sie aus einer Arbeiterfamilie kamen, in der nicht gelesen, aber Fernsehen und Kino geschaut wurden, dann waren Bilder von der „Invasion der Körperfresser“, Verfahren wie die Lobotomie und Ängste, die Kommunisten könnten unsere Seele stehlen, dann war all das an der Tagesordnung.

Wer könnte heute unsere Seelen stehlen?

Es heißt ja, wir sind im Krieg, im Krieg gegen den Terror. Und der Punkt ist: Terrorist kann jeder sein, vielleicht die Person, die gerade vorbeiläuft. Es ist eine Art globaler Bürgerkrieg, eine sehr gefährliche Situation. Und die Angst ist, der Fundamentalismus würde unsere Seelen stehlen, unseren Geist besetzen. Ich sage natürlich nicht, dass das so ist. Aber es gibt diese Paranoia, diese Angst, dein Nachbar könnte dein Feind sein. Phänomene wie racial profiling, die Aufhebung von Datenschutz zugunsten vermeintlicher Sicherheit - auch damit hat die Geschichte in „Shutter Island“ zu tun. Mit unserer Angst davor.

Lassen Sie uns über die Dachau-Szenen in „Shutter Island“ sprechen. Ich war ziemlich verblüfft, als ich plötzlich die gefrorenen Leichen sah...

Schnelle Schnitte zwischen dem Gesicht und der Hand...

...verblüfft, weil ich den Eindruck habe, die Bilder aus den Konzentrationslagern in unsern Köpfen sind ziemlich kodiert, zuletzt durch Steven Spielbergs Bilder in „Schindlers Liste“. Sie zeigen uns hier etwas ganz anderes, das hatte ich so noch nicht gesehen.

Die Idee dazu kam von den Filmbildern, die George Stevens in Dachau aufgenommen hat, in Kodachrome. Überall war Schnee und darunter die Leichen. Die Farbe macht diese Bilder noch verstörender. Schwarzweiß ist abstrakter, man hat den Eindruck, da besser hinschauen zu können. Unsere Vorstellung vom Zweiten Weltkrieg ist ja schwarzweiß, weil wir vor allem die schwarzweißen Bilder und Filme kennen. Dabei gibt es, vor allem aus den Schlachten im Pazifik, tonnenweise Farbmaterial. George Stevens hatte vor dem Krieg eine Menge Komödien gedreht. Danach nicht mehr.

Diese Bilder sind Bruchstücke von Erinnerungen Teddys, und die Farbe ist in der Tat irritierend, sie hat diesen typischen Kodachrome-Ton, ein bisschen schrill, sehr intensiv. Auch die Szenen mit Michelle Williams haben diesen besonderen Touch.

Ja, sie sind alle auf Kodachrome gedreht, das war unser Konzept für die Szenen aus der Erinnerung. Aus einer möglicherweise nicht ganz korrekten Erinnerung.

Es gibt dann in der Erinnerung an Dachau auch eine Szene, in der vielleicht - oder auch nicht - ein Kriegsverbrechen begangen wird. Eine ziemlich schockierende Szene.

Wenn Sie das schockiert, dann nehmen Sie Ihren Schock als ein winziges Bruchstück dessen, was wirkliche Gewalt ist. Dass Sie schießen und schießen und schießen, in Panik, in Wut, in Angst, und dann schauen Sie sich um, und alle sind tot. Durch solche Situationen gehen alle Soldaten auf allen Seiten. Wenn sie zurückkommen, wer sind sie dann? Was ist aus ihnen geworden? Wie gehen sie mit Verantwortung um?

In Ihrem Film geht es also um den Horror der Gewalt?

Ja, vielleicht. Aber auch und vor allem um die Suche nach einem Selbst. Wenn Gewalt Teil unserer selbst ist, sollten wir das erkennen.

Und darüber verrückt werden?

Möglicherweise.

Das Gespräch führte Verena Lueken.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Lesermeinungen zu diesem Artikel (1)
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel