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Ein Fall von Schleichwerbung : Tatort: Bienzle und die Ölheizung

Ein Schuß Rapsöl? Szene aus „Bienzle und der Sizilianer” Bild: SWR/Schweigert

Ein Kommissar lobt seinen Joghurt, ein Hausmeister plaudert über Ölheizungen: Der „Tatort“-Krimi, der an diesem Sonntag läuft, steckte ursprünglich voller Schleichwerbung. Wir dokumentieren Dialoge aus der Originalfassung des Films, der inzwischen bereinigt wurde.

          Wenn an diesem Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten der „Tatort“-Kommissar Bienzle mit Hut und schwäbischem Zungenschlag seine Ermittlungen aufnimmt, hat die zuständige Redaktion des Südwestrundfunks ganze Arbeit geleistet.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Denn „Bienzle und der Sizilianer“ ist neben den Serien „Marienhof“ und „In aller Freundschaft“ eines der traurigen Produkte des Schleichwerbekrimis a la Bavaria, der uns seit Wochen in Atem hält. Und an Spannung, Fallstricken und unerwarteten Wendungen ist dieser Skandal der „Tatort“-Geschichte um die Familie eines italienischen Pizza-Bäckers im Allgäu bei weitem überlegen. Nach dem Bericht der Wirtschaftsprüfer der KPMG, vor allem aber der Revisoren des SWR, mußten ganze Bildfolgen und Dialoge neu geschnitten und synchronisiert werden, um sie von sogenannten „Placements“ zu befreien. Schadensbegrenzung, heißt die Devise.

          Waffe unter dem Kopfkissen

          Weil gute Schleichwerbung sich im Detail versteckt, blieb die Grundhandlung dieser „Bienzle“-Episode unberührt: Der Italiener Giovanni Ricci (Luca Zamperoni) aus Palermo betreibt eine Pizzeria im Allgäu. Verheiratet mit der Tochter eines Käsereibesitzers, hat er sich akzentfrei in die süddeutsche Jägerzaunlandschaft integriert. Der deutsche Schwiegervater ist ein Despot, die Schwiegermutter eine Glucke, die ihren erwachsenen Töchtern Ruth (Astrid Posner) und Marlene (Alma Leiberg) gerne das Reden abnimmt. Während die Eltern schwäbelnd den Garten umgraben und Simon (Marcus Michalski), der abgelegte Verlobte der Tochter, mit trauriger Miene um die Häuser streift, vergnügt sich Marlene mit Giovannis Bruder Luigi (Orazio Zambelletti). Dessen Vergangenheit zeichnet sich auf seinem Körper ab: Doch woher die zahlreichen Schuß- und Stichnarben kommen und was die Waffe unter seinem Kopfkissen zu bedeuten hat, verschweigt der Sizilianer seiner Liebsten.

          Marlene schwört ewige Liebe und fragt nicht weiter. Die Eisdielenromantik endet, als Luigi am Stuttgarter Flughafen erschossen wird. Kommissar Bienzle (Dietz-Werner Steck) glaubt an einen Maffiamord. Er ermittelt mit gewohnt charmanter Gelassenheit. Zwischen Verhör und Spurensuche besucht er seine Lebensgefährtin Hannelore Schmiedinger (Rita Russek), die im Allgäu eine Wellness-Kur macht. „Bienzle und der Sizilianer“ (Regie: Hartmut Griesmayr, Buch: Felix Huby und Zoram Solomun) ist ein Feuerwerk deutsch-italienischer Klischees, das kaum berauscht.

          21.750 Euro für Schleichwerbung

          Doch kommen wir zum wahren Krimi in diesem Krimi: Weitaus weniger harmlos als die Handlung ist die Raffinesse, mit welcher die SWR-Tochter „Maran-Film“ sogenannte „Placements“ in die Dialoge integriert hat. Für 21.750 Euro legte die Produktionsfirma Bienzles Assistenten Gächter Worte in den Mund, mit denen der Ermittler in der Originalfassung dieses „Tatorts“ die gesundheitlichen Vorzüge von Rapsöl anpreist: Frühmorgens, in Giovannis Pizzeria, beim Auslöffeln eines mit Rapsöl vermengten Joghurts, „cholesterinfrei, viel Vitamin E, hält jung und das Hirn frei“, rechtfertigt er den Genuß vor drei feixenden Einheimischen. Einige Szenen zuvor ist Gächter an seinem Schreibtisch zu sehen, vor ihm stehen Joghurt und ein Fläschchen Rapsöl. Auch Hausmeister Rominger (Walter Schultheiß) ist im Auftrag der Werbeindustrie unterwegs. Statt sich wie sonst in das Privatleben der Hausbewohner einzumischen, preist er diesmal die Vorteile einer Ölheizung gegenüber der Gasversorgung und erinnert, ganz nebenbei, an die neue Emissionsschutzverordnung.

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