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Eichingers Hitler-Film Wer war Traudl Junge?

14.09.2004 ·  Sie hat es sich nie bequem gemacht im Verschweigen der Sympathie für ihren „besten Chef“: Auf den Spuren von Hitlers Sekretärin Traudl Junge, deren Erinnerungen den Film „Der Untergang“ prägen.

Von Nils Minkmar
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Drei junge Frauen liegen am Ufer des Ammersees, sie haben Eis gegessen und grinsen jetzt, an diesem schönen Sommertag 1940, übermütig ins Objektiv. Inge ist Tänzerin und wird später nach Australien auswandern, ihre Schwester Traudl wird Hitlers Sekretärin werden, und Ulla, die Schönste, wird das Foto in ein Album kleben und es vierundsechzig Jahre später einem Journalisten zeigen, beim Frühstück in ihrem Häuschen am Ammersee. Auf ihrem Tisch liegt die aufwendig gestaltete Einladung zur Premiere von "Der Untergang", dem Film, von dem das ganze Land spricht und den es ohne ihre Freundin Traudl nicht gegeben hätte.

Wenn man sich auf den Spuren von Traudl Junge bewegt, dann verschwimmen die Epochengrenzen, alle Zeiten zoomen ineinander und verlieren sich wieder. Daß die Vergangenheit nicht tot ist, ja, nicht einmal vergangen, das ist ein Zitat von Faulkner; es ist auch die Moral von Traudl Junges Buch "Bis zur letzten Stunde", diesem Produkt einer lebenslangen Leidensgeschichte mit einem einzigartigen Mut zur historischen Wahrheit, auch da, wo sie die Zeitzeugin selbst belastet.

Fünfundzwanzig Jahre alt war Traudl Junge bei Kriegsende, aber was sie in den wenigen Monaten von Dezember 1942 bis April 1945 erlebt hat, wird sie ihr Leben lang nicht mehr zur Ruhe kommen lassen: der Zwiespalt zwischen dem Horror der Naziverbrechen und dem Wohlbehagen in Hitlers Gegenwart.

Ihr „bester Chef“

"Das war eben ein Mann, den sie zutiefst mochte. ,Er war mein bester Chef', sagte sie immer", erinnert sich ihre Koautorin, die Historikerin Melissa Müller. Melissa Müller wurde 1967 geboren und mit einem Buch über Anne Frank bekannt. Dann suchte sie eine neue Herausforderung, etwas, das "mehr in die Grauzone" der Nazizeit hineinreicht, wo Täter und Opfer nicht mehr so leicht zu unterscheiden sind. Das führte sie auf die Spur von Traudl Junge, und man kann wohl feststellen, daß sie alle Grautöne fand, die sie suchte, und noch viele mehr.

Am Beginn dieser Studien in Grau steht das tiefste Schwarz: Gibt es in der Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts ein obszöneres Gefühl als tiefe Sympathie für Adolf Hitler? Und was macht eine Frau, die so empfunden hat und später, in voller Kenntnis und Abscheu seiner Verbrechen, nicht lügen, nicht schweigen, sondern mit der Wahrheit aufklären will? Sie zerbricht daran. Ulla, ihre beste Freundin, sagt es in der unverblümten Sprache, die sich nur beste Freundinnen erlauben: "Traudl hat jahrzehntelang nur mit Psychopharmaka überlebt."

Keine Vorwürfe, keine Bemerkungen

Untereinander haben sie wenig über ihre Zeit mit Hitler geredet. Ullas Mann, Sohn eines jüdischen Vaters, war nach dem Krieg Rechtsanwalt und hat Restitutions- und Schadensersatzverfahren von NS-Opfern geführt. Er hatte viel zu tun: "Es war, als wollte er all das Unrecht an den Juden in Prozessen wiedergutmachen. Er kam jahrelang nie vor Mitternacht nach Hause. Ich frage mich, wann wir eigentlich unsere Kinder gezeugt haben." Traudl Junge arbeitete zeitweise in der Kanzlei, wurde von der Familie finanziell unterstützt, aber es gab keine Vorwürfe, keine Bemerkungen darüber, daß es ihr früherer Chef war, dem das ganze Elend zu verdanken ist. "Sie hat es sich schon allein schwer genug gemacht."

Während des Kriegs war der Kontakt zwischen den Freundinnen nicht abgerissen: "Als die Traudl den Heinz Junge geheiratet hat, im Juni 1943, hat es an nichts gefehlt, dafür hat Hitler schon gesorgt. Gefeiert wurde im Haus der Kunst in München, mit Sekt und Wein und lauter Sachen, die wir seit Jahren nicht mehr gesehen hatten. Was in Papier verpackt war, Schokolade und Zigaretten, habe ich mitgehen lassen. Wir haben geklaut wie die Raben." Der Mann fiel wenig später, das ganze Eheglück dauerte nur wenige Wochen.

Eine Art Selbstbestrafung

Traudl Junge hat nie mehr geheiratet. Es gab zwar Freunde, Bekannte, aber keine längere Beziehung außer der Liebe zu einem verheirateten Münchener Medizinjournalisten. Für eine eigene Familie fehlte ihr die Kraft. Sie war, würde man heute euphemisierend sagen, mit sich beschäftigt: "Die Traudl wurde ja immer irgendwo operiert, an der Hand, am Fuß, dauernd lag sie unterm Messer. Ich hab' manchmal gedacht, das ist so eine Art Selbstbestrafung."

Es gab andere Gelegenheiten, bei denen Traudl Junge freimütig über Hitler und die Zeit im Bunker berichtete, beispielsweise vor den Kindern in ihrem Freundeskreis. Eines dieser Kinder ist heute Oberbürgermeister von München, und wenn es darum geht, etwas über Traudl Junge zu sagen, ruft Christian Ude mitten in seinen Ferien aus Mykonos an: "Im Gegensatz zu vielen anderen, die es sich bequem gemacht hatten im Verschweigen, hat Traudl immer offen über ihre Zeit bei und ihre Faszination für Hitler berichtet. Sie hat sich auch vor Kindern zur Rechenschaft gezogen, und man kann wirklich sagen: Sie hat es sich nie verziehen."

Eine symbolische Reise

Ude spricht in schwärmerischem Ton über die "gepflegte, attraktive Frau", die sie auch mit achtzig Jahren noch war, erinnert sich daran, wie sie mit dem Fahrrad ins Rathaus fuhr, um mit ihm die Buchpräsentation zu besprechen. ",Danach gehe ich auf eine weite Reise', hat sie mir zum Abschied gesagt. Das hätte Australien meinen können, wo ihre Schwester lebte, aber das kann man auch symbolisch verstehen." Traudl Junge starb kurz vor Erscheinen des Buches.

"Daß man die Krankheit nicht früher erkannt hat, bei all den Ärzten, bei denen sie immer war, ist das nicht merkwürdig?" Das fragt sich ihre Freundin Ulla, die dank jahrzehntelanger Yogaübungen einen schnellen, federnden Gang hat. Daß "die Traudl ein Buch macht", hat Ulla erst sehr spät und ganz beiläufig erfahren. "Naja, dann hätte sie mal ein wenig Geld gehabt und wäre endlich aus ihrer Einzimmerwohnung herausgekommen. Aber das hat sie ja nicht mehr erlebt."

Unbemerkt indoktriniert

Wer glaubt, die Zeit heile Wunden, daß Erinnerung geheimnisvollerweise Erlösung bringe, kann angesichts der Lebensgeschichte von Traudl Junge ins Grübeln kommen und im Gespräch mit der Freundin erst recht. Sie berichtet von der Vorgeschichte ihrer Freundschaft, warum es sie von Essen nach München verschlagen hat und vom BDM. Ulla kam mit vierzehn zum BDM, und es hat ihr gleich gefallen. "Wie haben die es eigentlich geschafft, uns zu indoktrinieren? Ich habe es gar nicht bemerkt."

Ulla machte ihre Sache gut und stieg auf, mit siebzehn ist sie Ringführerin und leitet eine Mädchengruppe. Dann kommt man plötzlich, von einem Tag auf den anderen, darauf, daß ihre Mutter eine sogenannte Vierteljüdin ist. Dann sei sie sicher aus dem BDM ausgeschlossen worden, bemerkt man ahnungslos - auf die Schilderung der entsetzlichen, lebenslang demütigenden Umstände des Verstoßes ist man nicht vorbereitet. Ulla weint bitterlich, wegen der Erinnerung an einen Tag im Jahr 1936. Vergangenheit, die nicht vergehen will.

Eine Schreibkraft gibt Auskunft

Traudl Junge hat sich stets davor in acht genommen, ihre eigene Schuld in der Rolle der Zeitzeugin zu sublimieren. Sie hätte längst durch sämtliche Dokumentationen und Talkshows reisen können, ohne viel befürchten zu müssen: Wer fragt schon die Sekretärin, ob sie Schuld empfindet? Das ist auch ein wichtiger Aspekt des Buches: daß es nicht etwa ein Mitglied der sozialen Funktionseliten, kein Intellektueller, kein Mediziner, kein Richter oder kein Militär, war, der den Mut aufbrachte, uns Auskunft zu geben über die emotionale Intimität der Deutschen mit Hitler, sondern eine Schreibkraft.

Aber von allein hätte auch sie nicht dazu die Stärke gehabt. Erst der Kompetenz und dem mäeutischen Charme von Melissa Müller und André Heller ist es zu verdanken, daß sie sich überwunden hat, ihre Monate bei Hitler zu erzählen. Vielleicht war die deutsche Öffentlichkeit auch erst jetzt bereit, sich wie Wibke Bruhns in "Meines Vaters Land", wie Schröder am Grab seines Vaters dem intimen, schmerzhaften, familiengeschichtlichen Teil der Zeitgeschichte zu stellen.

Elegant, immer etwas düster

Auch der Arzt und Schriftsteller Till Bastian hat Traudl Junge als Kind in München kennengelernt. Sie war eine Freundin seiner Eltern, bevor sein Vater zu den Grünen ging und der Lebensgefährte von Petra Kelly wurde. Er erinnert sich an ihre "sehr elegante, immer auch etwas düstere Erscheinung" und daran, daß seine Mutter vielleicht ein wenig eifersüchtig auf sie war.

Später hat er sie für ein Buch über die Zeit unmittelbar nach Kriegsende interviewt: "Sie hat es sich nicht leichtgemacht, sich wirklich gequält, obwohl sie im Vergleich zu vielen anderen ja kein Blut an den Händen hatte." Und dann sagt er wieder so einen Satz aus der Abteilung unvergangene Vergangenheit: "Wenn sich mein Vater so ernsthaft mit seiner Faszination für die NS-Gewalt auseinandergesetzt hätte wie Traudl Junge, dann hätte er vielleicht nicht dieses gewalttätige Ende genommen."

"Ich konnte Ihnen gar nichts Neues sagen über Traudl", sagt Ulla beim Abschied bedauernd, "es waren doch alles nur so - Gefühlssachen." Am Bahnhof am Ammersee werden die Weichen noch von Hand umgestellt. Es gibt kein Mobilfunknetz, und Samstag mittags heulen die Sirenen. Der Regionalexpreß hält, lauter junge Münchnerinnen steigen aus, zum Baden und Eisessen am Ufer des Ammersees. "Grüßen Sie mir mein geliebtes Bayern" waren die letzten Worte Eva Brauns an Traudl Junge, neulich im Bunker.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.09.2004, Nr. 215 / Seite 35
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