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Eichinger-Ausstellung in Berlin : Der Rebell als Diktator des Kinos

Stationen eines Lebens zwischen München und Hollywood: Die Deutsche Kinemathek ehrt Bernd Eichinger. Die Schattenseiten seines Lebens sind in dieser Schau nur Nebensache.

          Den Sommer 1990 verbringt Bernd Eichinger in Hollywood. Er ist einundvierzig Jahre alt, und damit seine zehnjährige Tochter Nina später einmal versteht, warum er so oft von zu Hause fort ist, fängt er an, Tagebuch zu führen. „Ich fühle mich alleine, verlassen, schwach und vollständig unvorbereitet respective unfähig, hier was zustande zu bringen“, schreibt er am 24. Juni. Und zwölf Tage später: „Ich habe mich noch nie an einem Ort der Welt zu Hause gefühlt... Hier am allerwenigsten.“ Und weiter: „Ich denke sehr viel über die letzten zehn Jahre nach und habe oft das Gefühl, alles falsch gemacht zu haben... Aber jetzt alles wegzuschmeißen und Bruch zu machen ist so unendlich unehrenhaft.“ Und am 16. Juli: „Mitten in der Nacht kommen die Dämonen. Dann beginne ich zu schwitzen, und meine Seele verwirrt sich, und ich denke in einen Höllenabgrund von Zerrissenheit zu stürzen. Es ist so, als würde man in einem Säurebad aus Ohnmacht und Verzweiflung aufgelöst.... Man ist am falschen Ort zur falschen Zeit, und das Leben rauscht vorbei.“

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Das schreibt der Produzent von „Christiane F.“, der „Unendlichen Geschichte“ und des „Namens der Rose“, der Tycoon des deutschen Kinos, der spätere Drehbuchautor des „Untergangs“ und des „Parfums“, der Midas der neudeutschen Filmkomödie. Und dass er es schreibt, dass er so denkt und fühlt, ist kein Zufall, kein Ausrutscher, es ist die Bedingung seines Erfolgs. Filmproduzenten, das gehört zu den Umständen ihres Berufs, sind immer Getriebene, aber Eichinger war es von Natur aus. Als er jung war, dachte er, er würde mit vierzig sterben; als er vierzig wurde, raste er weiter, als hätte er den Tod nun im Nacken. Die Hängebrücke, die sich im Kino über dem Abgrund selbst zerlegt, während der Held immer gerade noch die letzte intakte Sprosse zu fassen kriegt, war sein Leben. Wenn er innehielt, wie in jenem Sommer in Hollywood, krochen sofort die Dämonen aus ihren Löchern: Reue, Angst, Verzweiflung, Apathie.

          Schleifspuren und Kollateralschäden

          Überraschenderweise kommt diese dunkle Seite des Produzenten B. E. in der großen Bernd-Eichinger-Ausstellung, die seit Donnerstag in der Deutschen Kinemathek in Berlin gezeigt wird, fast nicht vor. Man sieht einen Mann, der die Macht, die er besitzt, mit Lässigkeit handhabt, der in Jeans und Turnschuhen vor der Skyline von Manhattan sitzt oder im T-Shirt am Sunset Boulevard steht, der in einem Fernsehinterview aus den späten siebziger Jahren erklärt, der deutsche Film sei vor allem ein Fernsehfilm und man müsse ihn für das Kino ganz neu erfinden - und der das auf seine Art auch getan hat. Und man sieht die materielle Spur dieses Kinoerfinders, den Sternstaub seiner Phantasie: das Perlenkleid der kindlichen Kaiserin aus der „Unendlichen Geschichte“, die goldenen Schuhe von Nina Hoss aus dem „Mädchen Rosemarie“, die Kostüme von Johanna Wokalek und Moritz Bleibtreu aus dem „Baader Meinhof Komplex“, ein Holzmodell der Klosterbibliothek aus dem „Namen der Rose“, einen Grundriss des Führerbunkers aus dem „Untergang“.

          Aus Überzeugung ohne Angst: Eichinger-Autograph auf einer Serviette Bilderstrecke
          Aus Überzeugung ohne Angst: Eichinger-Autograph auf einer Serviette :

          Was man nicht oder erst auf den zweiten Blick sieht, sind die Nebenkosten, die Schleifspuren und Kollateralschäden dieser im deutschen Nachkriegskino einmaligen Karriere. Man muss nur lesen, wie der damalige Eigentümer der Neuen Constantin Film, der Likörfabrikant Eckes, seinen Juniorpartner Eichinger im Jahr 1978 in einem Brief verwarnt, weil der den Namen Fassbinder im Gespräch „erwähnt“ habe, um zu begreifen, mit welchen Typen und Mentalitäten es der junge Eichinger zu tun hatte, als er seinen Traum vom Kino umzusetzen begann.

          Die Nacht, auf die kein Morgen folgt

          Man könnte aber auch von jenen reden, die dabei auf der Strecke blieben, etwa dem Regisseur Roland Klick, der vom Alter der Heldin in „Christiane F.“ eine andere Vorstellung hatte, oder den vielen Autoren, die für Eichinger an Projekten saßen, für die sich dann doch keine Marktlücke ergab. Viscontis „Leopard“ und Lynchs „Eraserhead“ gehörten zu Eichingers Lieblingsfilmen, aber ein deutscher David Lynch hätte bei ihm keine Chance gehabt, und einen Visconti, der Produzenten für bloße Geldbeschaffer hielt, hätte er ganz sicher gefeuert. Lieber drehte er mit Sönke Wortmann den „Bewegten Mann“ und „Das Superweib“ und mit Bille August „Das Geisterhaus“ und „Fräulein Smilla“, Filme, in denen der Regisseur den Rahmen ausfüllen durfte, den Eichinger ihm vorgab.

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