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Edgar Reitz wird 80 Die andere Heimat

Er ging mit dem Kino ins Fernsehen und schuf die Grundlagen für eine neue Form des Erzählens: Der Regisseur Edgar Reitz begeht heute seinen achtzigsten Geburtstag,

© dpa Vergrößern Ein Mann der Geschichte auszuerzählen weiß: Edgar Reitz

Als Edgar Reitz 1962 das Oberhausener Manifest unterzeichnete, da stand er persönlich für eine Alternative zu „Papas Kino“, die eher in Richtung Avantgarde wies als in die des „neuen deutschen Spielfilms“. Er beschäftigte sich in diesem Jahr mit Techniken der Verständigung, daraus entstand der zehnminütige Film „Kommunikation“, halb Essay, halb Industriereportage.

Das Deutschland, das hier zu sehen ist, ist eine abstrakte Nation, in der kein Wort gesprochen wird, sondern nur Signale ausgetauscht werden. Der Komponist Josef Anton Riedl schuf zu „Kommunikation“ eine Tonspur, die von der musique concrète beeinflusst war und in der die Maschinen den Ton angeben.

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Wenn man genau hinsieht, kann man in „Kommunikation“ aber durchaus ein zeithistorisches Motiv über das Interesse für Schaltzentralen und Kabelstränge hinaus erkennen. Ein Jahr zuvor war in Berlin die Mauer gebaut worden, und Reitz versäumte nicht, darauf anzuspielen. Die Signalkommunikation lässt sich durch Mauern nicht aufhalten.

Reitz drehte noch ein paar weitere dieser Kurzdokumentarfilme, in denen er sich seit den frühen fünfziger Jahren schon mit Themen wie „Krebsforschung“, „Binnenschifffahrt“, dem Werkstoff „Moltopren“ oder einem „Ärztekongress“ beschäftigte. 1965 war er dann der Kameramann bei „Abschied von gestern“ von Alexander Kluge, und jetzt erst begann auch für Reitz das Versprechen des „neuen deutschen Spielfilms“ konkret zu werden.

Harsche Kritiken

1967 hatte „Mahlzeiten“ Premiere, eine Liebesgeschichte, die vom Pillenknick noch nicht betroffen war. Die Fotografin Elisabeth läuft mit ihrer Kamera herum, der Medizinstudent Rolf läuft in ihren Bildausschnitt. „Aufgrund der vielen Krankheiten in seiner Kindheit war Rolf ein Idealist“, verrät der Erzähler, der in der Geschichte von Rolf und Elisabeth einen Fall sieht, der für die junge Bundesrepublik charakteristisch ist. „Mahlzeiten“ ist geprägt von jenem gesellschaftskritischen, „soziologischen“ Erzählen, das einen wichtigen Teil des Neuen deutschen Films prägen sollte, und das den Wunsch nach kommerzielleren Strategien wachsen ließ.

Edgar Reitz versuchte sich 1978 mit „Der Schneider von Ulm“ an einem Stoff, in dem man mit gutem Recht eine große Metapher sehen kann: Die Geschichte eines deutschen Flugpioniers aus dem frühen 18. Jahrhundert war zugleich ein Historienfilm und ein Versuch, den „Apparat“ des Kinos in einem anderen Menschheitstraum zu spiegeln.

Eine Chronik des Lebens im Hunsrück

Der große Erfolg blieb aus, und die Kritik war harsch: „Plüschkino mit politischen Volten“, schrieb „Der Spiegel“. Für Edgar Reitz aber begann mit diesem Misserfolg erst das eigentlich wichtige Kapitel seiner Karriere. Denn er wandte sich nun einem Stoff zu, der von seinen eigenen Erfahrungen den Ausgang nahm: eine Chronik des Lebens im Hunsrück, jener deutschen Gegend im Herzen der Bundesrepublik, die ihm als Modell für das ganze Gemeinwesen diente.

„Heimat“ nannte er schließlich die große Erzählung, die sich zu einem über fünfzig Stunden umfassenden Epos entwickeln sollte, in drei Teilen, von denen der erste einmal das kurze 20. Jahrhundert durchmaß, der zweite dann noch einmal genauer auf die Jahre des Wirtschaftswunders schaute, und der dritte sich mit der „Zeitenwende“ von 1989 und ihren Folgen beschäftigte.

Geschichte auserzählen

Heute, da uns filmische Erzählungen von solch langer Dauer wieder sehr vertraut geworden sind, ist es gar nicht mehr leicht, nachzuvollziehen, was für eine Intuition Reitz damals gehabt haben muss, nicht zuletzt in Hinsicht auf die Techniken der Verständigung. Er ging mit dem Kino ins Fernsehen, und schuf so die Grundlage für ein Erzählen, das den Medienwechseln, die uns seither ständig begleiten, bestens gewachsen war.

„Schabbach ist überall“, so heißt ein Dokumentarfilm über dieses Projekt, und darin kommt zum Ausdruck, dass „Heimat“ eben nicht bloß das Epos der konservativen Wende ist, sondern auch ein letztlich utopischer Versuch, Geschichte nicht auszubeuten, sondern auszuerzählen - niemals abschließbar, und auch am 80. Geburtstag, den Edgar Reitz am heutigen 1. November begeht, noch immer offen für eine - so der Titel seines jüngsten Projekts - „andere Heimat.“

Quelle: F.A.Z.

 
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