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„Early Man“ im Kino : Sieg der Rumpelfüßler

In „Early Man“ tritt ein Stamm Höhlenmenschen aus einem abgelegenen Tal mit einer prähistorischen Supermannschaft beim Fußball gegen das Böse an. Bild: Studiocanal S.A./The British Film Institute

In „Early Man“ schickt Nick Park seine Knetfiguren in die Prähistorie des Fußballs - wie immer originell und mit Sinn fürs Detail. Was fehlt, sind die surrealen Überraschungsmomente.

          Schon in der ersten Szene passiert viel: Ein Komet erschüttert die Erde, die Dinosaurier sterben aus, und der Fußball wird erfunden. Eine grobe lokale und zeitliche Einordnung bekommen wir auch, denn das ganze Geschehen spielt sich in der Gegend von Manchester ab, und zwar um die Mittagszeit. Natürlich Manchester, England gilt schließlich als Mutterland des Fußballs, da darf es noch Kernland sein und ziert sich mit den drei königlichen Löwen auf dem Nationaltrikot, lieblich umkränzt von Tudorrosen. Während Teile der Oberschicht dem Empire hinterhertrauern, hat die Arbeiterschicht mit dem gegenwärtigen Niedergang dieses traditionsreichen Teams seine ganz eigenen Nostalgieanlässe gefunden.

          Sympathische Truppe sozialer Randfiguren

          Doch zurück in die Steinzeit: Leider gerät die noble Erfindung des Ballspiels alsbald in Vergessenheit, und nur Höhlenmalereien zeugen von den glorreichen Zeiten des heiligen Spiels. Denn die Geschichte, die „Wallace and Gromit“-Erfinder Nick Park uns in „Early Man – Steinzeit bereit“ in gewohnter Knetmännchenmanier erzählt, dreht sich um eine sympathische Truppe sozialer Randfiguren – im Original schwingt bei den Stimmen stets ein Hauch Londoner Arbeitermilieu mit –, nämlich einen vergessenen Stamm Höhlenmenschen in einem abgelegenen Tal. Der Protagonist ist Dug, ein junger Kerl, der nach Höherem strebt und statt Kaninchen lieber Mammuts jagen würde, aber in den Verhältnissen seines liebenswerten, aber beschränkten Stammes feststeckt. Natürlich darf er sich im Fortgang des Films beweisen, denn der Stamm wird aus seinem Auenland vertrieben, weil unter dem Tal Bodenschätze liegen.

          Der Steinzeitmensch Dug mit seinem Kumpel Hognob

          Auftritt des bösen Lord Nooth, des Unsympathen vom Dienst, im Deutschen synchronisiert von Kaya Yanar, im Englischen von Tom Hiddleston normannisch-schnöselig weggenäselt. Mit gepanzerten Kampfmammuts, die verblüffend an Daleks erinnern, die außerirdischen Maschinenmutanten aus der urenglischen Fernsehserie Doctor Who, rückt die Bronzezeitarmee dem Stamm auf die Pelle und vertreibt Dug und seine Familie in die vulkanischen Wastelands außerhalb des Tals. Dug hingegen gelangt in die Stadt, in der Lord Nooth als Statthalter der Königin regiert und sein Volk mit Brot und Spielen bei Laune hält. Die Stadt hat nämlich ein Fußballstadion, und dort tritt eine Mannschaft namens „Real Bronzio“ regelmäßig gegen Gegner an, die so dämlich sind, die Champions herauszufordern.

          Real Bronzio ist eine mit einem Haufen Bronzetalern zusammengekaufte Supermannschaft prähistorischen Kommerzfußballs, allen voran der germanische Stürmerheld, dessen Blondhaar stets malerisch im Wind weht. Dug, der sich nach einigen Wirrnissen auf dem Rasen wiederfindet, fordert Nooth heraus: Wenn die Höhlenmenschen, die dieses Spiel ja einmal erfunden haben, es schaffen, Real Bronzio zu besiegen, dürfen sie ihr geliebtes grünes Tal wiederhaben. Wenn nicht, schuften sie fürderhin in den Bronzeminen.

          Immerhin finden die Underdogs in Goona eine qualifizierte Trainerin: Die Kochtopfverkäuferin aus der Stadt darf als Mädchen nicht auf dem heiligen Rasen spielen und schließt sich Dugs Leuten an, um es doch einmal zu tun. Was nun kommt, folgt den Drehbuchgesetzen so ziemlich jeden Sportfilms: Die hoffnungslos unterlegene Mannschaft trainiert, wird besser, zweifelt, überwindet Zweifel. Und wie in jedem Film aus Aardmans Knetmännchenstudio gibt es eine Menge liebevoller Details zu entdecken. Dennoch reicht „Early Man“ an Glanzstücke wie „Chicken Run“, „Shaun das Schaf“ oder das „Wallace & Gromit“-Gesamtwerk nicht heran. Die besten Aardman-Filme leben davon, dass sie vom kleinen englischen Wohnzimmer mit seinen Teewärmern und Cordpuschen aus ins Surreale kippen: Tiere, die mit einem mechanischen Pferd ihren Bauernhof zurückerobern, Hühner, die einer Farm entkommen, die an eine Strafkolonie erinnert, und brave Bürger, die sich in Werkaninchen verwandeln. In die englische Dorf- und Kleinstadtwelt Nick Parks passt alles, wirklich alles hinein, und das macht ihren Reiz aus.

          Für „Early Man“ hat er dieses bekannte Universum verlassen, um eine viel zu konventionelle Sportgeschichte zu erzählen. Alle Briten, die unter dem gegenwärtigen Zustand der englischen Nationalmannschaft leiden, bekommen immerhin einen würdigen Trostfilm, um die anstehende Weltmeisterschaft zu überstehen.

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