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DVD-Edition: Romy Schneider Sie alle wollten nur von ihr träumen

 ·  Romy Schneider war eine Schauspielerin, die wie keine andere das Entstehen und Verlöschen von Gefühlen ausdrücken konnte. Zu ihrem dreißigsten Todestag am 29. Mai erscheinen zwölf ihrer Filme neu auf DVD.

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© Cinetext Bildarchiv Zwei Fremde im Zug: Romy Schneider und Jean-Louis Trintignant in Pierre Granier-Deferres Film „Le Train - nur ein Hauch von Glück“ von 1973

Herzstillstand, das ist das Wort. Niemand sagt es. Aber man meint es zu hören, zu spüren in der Szene in Claude Sautets „Das Mädchen und der Kommissar“, in der Romy Schneider von Michel Piccoli erfährt, dass sie nicht seine Geliebte war, sondern sein Spielzeug. Sein Studienobjekt. Sein Köder. „Ich bin Polizist“, sagt er, sie schaut auf, und ihr Gesicht zerbricht. Sie hebt die Hände, um es zusammenzuhalten, aber da sind nur noch Splitter, zerfallende Züge über dem geborstenen Mund, aus dem das Weinen herausquillt wie Blut.

Das war ihr Leben: vorbei. Und Piccoli, der flic, der auf sein eigenes vertracktes Spiel hereingefallen ist, wird totenbleich, er wendet sich ab, und auf einmal weiß man, dass dieses Ende auch sein eigener Untergang ist. Die Dinge seines Lebens, er hat sie verraten und verkauft. Sautet hat nie einen schwärzeren Film gedreht.

Ein hinreißendes nachtblaues Kleid

Und Romy Schneider war nie schöner als hier, wo sie eine deutsche Waise namens Anna Julia Ackermann spielt, die von ihrem französischen Liebhaber nach Paris-Nanterre geholt wurde und auf dem Straßenstrich am Montparnasse unter dem Künstlernamen Lili auftritt. Einmal liegt sie im violetten Cocktailkleid auf einem knallroten Sofa vor Piccoli, der sich als Banker ausgibt, um ihre Freunde in die Falle zu locken; ein andermal trägt sie ein fliederfarbenes, dann ein noch hinreißenderes nachtblaues Kleid mit passender Halsschleife, über das sie, als sie empört über Piccolis Gleichgültigkeit aus dem von ihm gemieteten Apartment stürmt, einen blauschwarzen Lackmantel zieht wie einen Tarnumhang. Zuvor hat er sie in die Badewanne gelockt, ihr seinen Hut aufgesetzt und sie fotografiert; die Abzüge hängen ringsum an den Wänden. „Was wirst du damit machen?“ - „Sie verkaufen. Für sehr viel Geld.“

Es ist 1971. Im Vorjahr hat sie mit Sautet „Die Dinge des Lebens“ gedreht, den Film, mit dem sie endgültig in Frankreich ankommt, nach „Swimmingpool“, in dem schon die Leitmotive ihrer späten Rollen anklingen: Liebe, Betrug, Eifersucht, Verbrechen. Elf Jahre bleiben ihr noch, in denen sie mit Sautet noch drei, mit Francis Girod zwei, mit Chabrol, Deville, Miller, Tavernier, Zulawski und Costa-Gavras je einen Film dreht.

Verbrannt, ertränkt, erschossen

Viele Tode stirbt sie in dieser Zeit, vor dem letzten, endgültigen. Sie wird mit einem Flammenwerfer verbrannt (in Robert Enricos „Le vieux fusil“, der das Massaker von Oradour melodramatisch auskleidet), erschossen (in Girods „Bankiersfrau“ und Rouffios „Spaziergängerin von Sanssouci“), erschießt sich selbst (in Millers „Verhör“) oder ertrinkt (in Dino Risis „Zwei Gesichter einer Frau“). Und doch ist Frankreich ihre Rettung: vor Hollywood, mit dem sie in den sechziger Jahren geliebäugelt hat, vor einer internationalen, ortlosen Karriere. Und vor allem vor Deutschland.

Unter den zwölf Filmen der „Romy Schneider Edition“, die zum dreißigsten Todestag der Schauspielerin am 29. Mai erscheint, sind sechs deutsche und österreichische - von ihrem Kinodebüt „Wenn der weiße Flieder wieder blüht“ (in dem auch Götz George seinen ersten Auftritt vor der Kamera hat) bis zur Böll-Verfilmung „Gruppenbild mit Dame“ von 1977. Die „Sissi“-Trilogie, deren Kitschbilder bis zuletzt an Romy Schneider klebten und noch immer zu Weihnachten im Fernsehen herumgereicht werden, fehlt; aber man versteht auch so, warum die Darstellerin der Elisabeth in Viscontis „Ludwig“ mit der deutschen Filmbranche gebrochen hat. Alles ist auf den gleichen süßlichen Ton gestimmt, selbst Helmut Käutners Paris-Romanze „Monpti“, in der Romy-la-Douce vor Geiselgasteiger Studiokulissen ein Musicalglück mit Horst Buchholz (er spielt einen ungarischen Studenten) mimen muss, bevor das Schicksal zuschlägt.

Geklöppel und Haute Couture

In „Gruppenbild mit Dame“ ist dieser Schmock mit Dissonanzen versetzt; dennoch erkennt man die alte, vertraute Melodie. Da ist keine Einstellung, die etwas von der einzigartigen Fähigkeit Romy Schneiders ahnen ließe, Gefühle im Augenblick ihres Entstehens und Erlöschens zu zeigen, keiner jener Blicke wie aus Meerestiefen, welche die Franzosen so an ihr liebten. Man muss nur die ersten Szenen der „Bankiersfrau“ dagegenhalten, um den Unterschied zwischen dem deutschen Geklöppel und der Pariser Haute Couture zu ermessen: Da nutzt ein Elsässer Ladenmädchen seine Chance in der Hauptstadt, erheiratet ein Vermögen, schläft mit Männern wie Frauen und wird durch Börsenspekulationen zur mächtigen Unternehmerin Frankreichs.

Ihr Gegenspieler ist Jean-Louis Trintignant, Marie-France Pisier und Jean-Claude Brialy spielen ihre Verbündeten, und wenn der Film trotz seiner Besetzung nie so richtig in Fahrt kommt, liegt das weniger an den Zwanziger-Jahre-Kulissen als an seiner pseudodokumentarischen Machart, die einem realen Fall hinterherklappert, statt sich von ihm beflügeln zu lassen.

Sie wollte real und lebendig sein

“Die Bankiersfrau“ war bisher so wenig auf deutsch zu haben wie Leonard Keigels leicht aufgeblasen wirkender Psychothriller „Die Geliebte des anderen“ (“Qui?“) von 1970, der Romy Schneider nach dem „Swimmingpool“ ein zweites Mal mit Maurice Ronet zusammenspannt, oder Pierre Granier-Deferres „Le Train - nur ein Hauch von Glück“, in dem sie 1973 zum ersten Mal auf Trintignant traf. Aber während man auf die Filme von Girod und Keigel notfalls verzichten könnte, gehört „Le Train“ unbedingt in jeden Romy-Kanon.

Die Geschichte spielt im Mai 1940, als Millionen Franzosen vor der blitzartig vorrückenden deutschen Wehrmacht ins Innere des Landes flüchten. Der Mechaniker Julien (Trintignant) ist mit seiner schwangeren Frau in einen der nach Westen fahrenden Züge gestiegen; bei einem Zwischenaufenthalt werden sie getrennt, und Julien schlägt sich mit Anna Kupfer (Romy Schneider) weiter durch, einer Zufallsgefährtin, die im gleichen Viehwaggon sitzt.

Auch hier spielt Romy Schneider eine Deutsche, eine Jüdin, die aus einem Internierungslager in Belgien geflohen ist, aber der Film hakt diese Vorgeschichte nur beiläufig ab. Ihm geht es um die Beschreibung des Ausnahmezustands, der bei Julien die Dämme bürgerlicher Moral brechen lässt. Die Kamera folgt seinem Blick an Annas Beinen entlang, während sie eine Laufmasche zu kitten versucht, dann streift sie über ihren Hals, ihr Ohr, ihre Wange und ihren Mund, als wollte sie sich vergewissern, dass diese Schönheit kein Traum ist. Im Bonusmaterial erzählt Pierre Granier-Deferre, wie er Romy Schneider bei den Dreharbeiten regelrecht davon abhalten musste, sich für eine Szene am Brunnen auszuziehen. So real wollte sie sein, so lebendig, während die französischen Regisseure immer nur von ihr träumen wollten wie von einer Göttin, einem unerreichbaren Bild.

Ein unfassbarer Kinomoment

Das Wunder von „Le Train“ besteht darin, dass Trintignant und seiner Partnerin beides gelingt, die göttliche und die irdische Liebe, und dass beides im Epilog zu einem unfassbaren Kinomoment verschmilzt. Da treffen sie noch einmal zusammen, im Verhörzimmer der Gestapo, sie ist eine gefangene Résistance-Kämpferin, er hat sich mit der deutschen Besatzung arrangiert, aber auf ihrem Pass steht sein Name, Maroyeur. Alles, was er tun muss, um davonzukommen, ist, sie zu verleugnen. Und er tut es.

Aber dann dreht er sich, bereits in der Tür, wieder um und legt seine Hand an ihr Gesicht, in einer Geste, die alles enthält, was das Kino Romy Schneider schuldet und was man selbst empfindet, wenn man ihre Filme wiedersieht. Neun Jahre später ist sie gestorben, an Alkohol, an Tabletten, an der Trauer, der Sehnsucht, am Schmerz. An Herzstillstand.

Romy Schneider Edition, StudioCanal, 12 DVDs, ca. 1100 Minuten; Deutsch, Französisch; Extras: Interview, Trailer.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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