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DVD : Die Scheibe zum Filmereignis: "Animatrix" hält, was die Fortsetzung versprach

  • -Aktualisiert am

Matrix: Die Mutter aller Mangas Bild:

Der Rummel um die "Matrix" hat sich noch kaum gelegt, da folgt schon der nächste Schlag der Wachowski-Brüder. Keine zwei Wochen nach dem Start von "Matrix Reloaded" ist nun "Animatrix" auf DVD und Video erschienen.

          Der Rummel um die "Matrix" hat sich noch kaum gelegt, da folgt schon der nächste Schlag der Wachowski-Brüder. Keine zwei Wochen nach dem Start von "Matrix Reloaded" ist nun "Animatrix" auf DVD und Video (Warner Home Video) erschienen, ein ambitioniertes Projekt, das den hohen Erwartungen an eine Fortsetzung der "Matrix" eher gerecht wird als das eigentliche Filmereignis "Matrix Reloaded".

          bullet time

          Andererseits liegt das wahre Ereignis womöglich gerade in dieser Uneigentlichkeit, die den Film selbst einbettet in ein ganzes Netzwerk von Parallelaktionen. So ist es zwar längst üblich, Filme auf dem Computer nachzuspielen oder sie in Groschenromanform nachzulesen, aber all das war immer nur ein fernes Echo des Kinoerlebnisses. Was hingegen für die Matrix-Saga an begleitenden Aktionen ersonnen wurde, geht schon deswegen darüber hinaus, weil die brüderlichen Regisseure dabei selbst überall die Finger im Spiel haben. Das Computerspiel "Enter the Matrix" macht sich ebenso seinen ganz eigenen Reim auf die Geschichte von "Reloaded" wie das Projekt "Animatrix" aufs Universum der Matrix.

          Als Andy und Larry Wachowski 1999 zum Start von "Matrix" in Japan waren, nutzten sie die Gelegenheit, all ihre Idole und Vorbilder kennenzulernen, die Anime-Regisseure und Manga-Zeichner, ohne deren Einfluß der revolutionäre Look ihres Films nicht denkbar gewesen wäre. Gerade der vielzitierte Effekt der sogenannten bullet time, jene Momente, in denen die Action ihre eigenen Hierarchien der Wahrnehmung aufstellt und die Akteure zu Skulpturen zu gefrieren scheinen, sind ein typisches Motiv des japanischen Animationsfilms, das dort kurioserweise aus der Not geboren wurde.

          Um die Produktionskosten zu senken und Zeichenphasen zu verkürzen hat man dort die Posen der Kämpfer auf eine Weise zelebriert, die alle Bewegungen zu Zeitlupe gerinnen ließ. Die Wachowskis wiederum haben sich den Luxus erlaubt, diesen Effekt mit gewaltigem Aufwand in Realfilm rückzuübersetzen. Ihr Genie lag darin, um diesen Transfer herum die ganze Geschichte zu spinnen.

          Nahrungskreislauf

          Aus den Begegnungen mit den japanischen Künstlern entstand jedenfalls die Idee, die Fortsetzung mit einer Reihe von Animations-Kurzfilmen zu flankieren, die sich von der "Matrix" inspirieren lassen. Neun Kurzfilme sind auf diese Weise entstanden (vier davon kann man kostenlos auf der Website theanimatrix.com besichtigen), die mit der Geschichte selbst nur so viel zu tun haben, daß sie Figuren und Konstellationen entlehnen, ansonsten aber eigenständige Kunstwerke sind. Damit die Phantasien der Japaner nicht allzu sehr ins Kraut schießen, haben die Wachowksis vier der Storys selbst geschrieben, ansonsten aber den Regisseuren freie Hand gelassen, so daß man sagen kann, daß die Matrix in "Animatrix" in gewisser Weise zu ihren Ursprüngen zurückkehrt. Ein großartiges Panorama von wechselseitigen Beeinflussungen und Durchdringungen zwischen Ost und West ist dabei entstanden: Erst haben sich die japanischen Mangas nach dem Krieg von amerikanischen Comics genährt, dann die Wachowskis von den Japanern und die nun wiederum von der Matrix.

          Die Kurzfilme stoßen in die Lücken der Erzählung vor, füllen sie mit eigenen Geschichten aus, spinnen sie fort und mitunter tauchen Figuren aus dem Original auf, die dann auch von Keanu Reeves oder Carrie-Ann Moss gesprochen werden. In "Detective Story" von Shinichiro Watanabe wird die Suche nach Trinity in stimmungsvollen Noir-Tableaus erzählt, in "World Record" von Takeshi Koike der Ausbruch eines Leichtathleten aus der Matrix, in "Kid's Story" die Flucht eines gelangweilten Schülers aus seinen Tagträumen in Neos Welt und Wirklichkeit. Jede Episode hat ihre ganz eigene Handschrift, und man muß es den Wachowskis hoch anrechnen, daß sie das Risiko eingegangen sind, den unverwechselbar strengen Look der Matrix dadurch quasi kompromittieren zu lassen.

          Andererseits verhalten sie sich dabei nicht anders als Modehäuser, die ihre Linie von neuen Designern weiterführen lassen, oder wie Komponisten, die andere Künstler zu ihrer Musik improvisieren lassen.

          Abdankung des Kinos

          Tatsächlich gibt es eine zweiteilige Episode von Mahiro Maeda, die einen ganz entscheidenden Teil der Matrix-Saga fortschreiben darf - allerdings von den Wachowskis selbst verfaßt -, sozusagen das Prequel, in dem erzählt wird, wie es dazu kommen konnte, daß die Maschinen die Macht übernehmen und die Menschen nur noch als Energielieferant ausbeuten. "The Second Renaissance Part 1 & 2" ist sozusagen das Layout für die Genesis der Matrix, eine eindrucksvolle Blaupause des Tokioter 4oC-Studios für einen Realfilm, der die Imagination befeuert. Gerade der hochmögende Ton von "Matrix Reloaded", das messianische Gehabe, läßt es aber um so verwunderlicher erscheinen, daß die Schöpfer diese Eingriffe in die Erzählung ihrer Saga zugelassen haben. Das entspricht jedoch wiederum durchaus dem Wesen des Mediums DVD, weil das ganze Projekt mit seinen Verzweigungen und Verästelungen ohnehin deren Baumstruktur ähnelt.

          In "Animatrix" kann man nun zum ersten Mal in vollem Umfang erleben, was sich mit der Einführung von DVD schon andeutete: daß das Kino als Ort, wo ein Film seine definitive Form findet, irgendwann abdanken könnte. Was mit den Director's Cuts und alternativen Enden begonnen hat, wird von den Wachowskis konsequent weitergedacht. Es ist nicht mehr das Filmerlebnis, das allein selig macht, sondern das Eintauchen in die verschiedenen Parallelwelten, sei es im Computerspiel, sei es in die "Animatrix". Der Kinofilm ist nicht mehr eine Welt für sich, sondern nur noch ein schöpferischer Urknall, der sich immer weiter ausdehnt.

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