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DVD : Das Spiel der Veteranen: "Bob le flambeur" von Jean-Pierre Melville

Ob die Entscheidung, Jean-Pierre Melvilles Film "Bob le flambeur" in die illustre Reihe der amerikanischen DVD-Serie von "Criterion" aufzunehmen, sich Neil Jordans Remake "The Good Thief" verdankt? Der Vergleich lohnt sich.

          Ob die Entscheidung, Jean-Pierre Melvilles Film "Bob le flambeur" in die illustre Reihe der amerikanischen DVD-Serie von "Criterion" aufzunehmen, sich Neil Jordans Remake "The Good Thief" verdankt? Man muß es fast vermuten, denn die meisten Liebhaber Melvilles hätten gewiß anderen Filmen den Vorzug gegeben: dem unheimlichen Resistance-Drama "Armee im Schatten" von 1969 etwa oder dem "Eiskalten Engel". Beides sind unübertroffene Meisterwerke, die nicht nur das französische Kino verändert haben, doch beide sind als DVD nicht lieferbar. Überhaupt sind aus dem schmalen OEuvre Melvilles, der mit richtigem Namen Grumbach hieß und bis zu seinem frühen Tod 1973 nur dreizehn Spielfilme als Regisseur drehen konnte, derzeit nur drei Titel regulär erhältlich: neben "Bob le flambeur" noch als französische Ausgaben die beiden letzten Werke "Le cercle rouge" (Vier im roten Kreis) und "Le flic" (Der Chef). Daß sich alle lohnen wie kaum sonst eine DVD, ist keine Frage.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Auch "Bob le flambeur", der auf deutsch unter dem Titel "Drei Uhr nachts" verliehen wurde, ist natürlich eine Preziose; immerhin nahm er das Prinzip der Nouvelle vague bereits 1955 vorweg, als Melville aus dem Studio auf die Straßen von Paris zog, weil er sich Kulissenbauten in seinen eigenen Studios Jenner gar nicht leisten konnte (und berühmte Darsteller erst recht nicht). Überhaupt zogen sich die Dreharbeiten über zwei Jahre hin, weil Melville immer nur für einzelne Drehtage Geld auftrieb und dann seine Akteure aus anderen Produktionen heraustelefonieren mußte, wie sich einer der Hauptdarsteller, Daniel Cauchy, in einem 2002 für die Criterion-DVD geführten Gespräch erinnert.

          Reizvoll ist natürlich der Vergleich mit Jordans Bearbeitung des Themas. Nick Nolte gibt den alternden Spieler in "The Good Thief" brillant, doch Melville hat mit Roger Duchesne einen Darsteller für die Titelfigur gefunden, der die Ruhe und die Kälte und vor allem die Manierismen der Filmästhetik des Regisseurs perfekt umsetzt. Die Rolle des Veteranen, der sich an einem letzten Coup probiert, ist Duchesne, der selbst von Melville für den Film als Schauspieler reaktiviert wurde, auf den Leib geschrieben - ihm und dem nächtlichen Paris um Montmartre, das bei Jordan in Monte Carlo zwar eine interesssante, aber nicht gleichwertige Nachfolgekulisse gefunden hat. Man merkt den Bildern an, daß in Monaco nur eine Würstchenbude stand, als Paris längst Metropole war. Die Nostalgie von "Bob le flambeur" wäre in Monte Carlo nicht vorführbar gewesen.

          Daß Jordan das zynische, wenn auch hochkomische Ende von Melville ins Gefällig-Lustige gedreht hat, ist der größte Vorwurf gegen seine Neuinterpretation des Stoffs. Ansonsten beweist gerade der Blick aufs Original, wie originell die Adaption im Umgang mit Figuren und Themen verfahren ist. Die Geschichten verlaufen fast parallel, doch jeder Film kann ästhetisch für sich bestehen. Nur daß Melvilles frühe Fingerübung ein Werk ohne Beispiel einleitete, während Jordan noch immer solche Vorbilder braucht.

          "Bob le flambeur". Franz. mit engl. Untertiteln. Regionalcode 1. Criterion 150.

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