Er hat Prostatakrebs, sie hat Heimweh nach der schönen Zeit. Seit fünfzig Jahren verheiratet, wohnen sie in einer Villa am Stadtrand: Sie kümmert sich um den Garten, er fährt, obwohl pensioniert, noch immer jeden Tag ins Büro. Oder so scheint es. Eines Tages, als sie Einkäufe in der Stadt erledigt, sieht sie ihn von weitem auf der Straße. Sie folgt ihm in ein Apartmenthaus und erfährt, dass er sich dort eine Wohnung gekauft hat, zum Nachdenken, wie er sagt. Sie aber denkt nicht lange nach, sondern zieht, gekränkt und verbittert, in ein Altersheim. Die schöne Zeit, sie ist vorbei.
Sie ist Senta Berger, er ist Bruno Ganz, und wenn sich Sophie Heldman in ihrem Regiedebüt ganz auf ihre Darsteller verlassen hätte, dann wäre „Satte Farben vor Schwarz“ vielleicht ein großer Film geworden: über das Altern, die Liebe und das Sterben in einer heillos aufgeklärten Welt. So ist es nur ein kleiner Film mit großen Momenten: wie Anita am Frühstückstisch auf das Kratzen von Freds Messer über den gebutterten Toast mit lautem Zeitungsrascheln antwortet; wie sie ihr Zimmer im Altersheim besichtigt, als wäre es ein Sarg; oder wie beide auf der Abiturfeier ihrer Enkelin zur Discomusik tanzen, als wären sie keine siebzig, sondern noch einmal zwanzig Jahre alt.
Entschärfte Lebenssplitter
Aber Sophie Heldman wollte in ihrer Abschlussarbeit an der Berliner Filmhochschule den Kreis um ihre Hauptfiguren offenbar nicht enger ziehen, als es die Zuschauer vom Bildschirm her gewohnt sind. Deshalb bekommt „Satte Farben vor Schwarz“ immer dann, wenn es ernster wird, etwas Vages, Verhuschtes, Verpuzzeltes. Nebenfiguren treten ins Bild, geben Stichworte, sagen Verse auf, gehen wieder ab, ohne dass man dabei etwas über Anita und Fred erführe, was man nicht auch aus den Blicken von Bruno Ganz und Senta Berger lesen könnte.
Nicht dass er stellenweise fragmentarisch wirkt, wie manche Kritiker bemängelt haben, schadet diesem Film, sondern dass er die Lebenssplitter durch Erklärungen entschärft, als müsste er unsere Nerven schonen. Dabei ist sein Blick auf die Geschichte schonend genug. Eher würde man sich, nicht nur hier, eine gewisse Härte im Erzählen wünschen, eine Direktheit, wie sie Bruno Ganz in seiner Körpersprache gelegentlich andeutet, aber leider nicht ausleben kann.
Eine Wohnung zum Sterben
„Satte Farben vor Schwarz“ wurde größtenteils in Nordrhein-Westfalen gedreht, aber der Film hat nichts Nordrhein-Westfälisches. Seine Straßen und Passagen wirken großstädtisch und beinahe südlich, seine Plätze erinnern an Plätze in Wien oder Berlin. Oberflächlich betrachtet, ist diese Ortlosigkeit ein Vorzug des Films; in Wahrheit verengt sie seinen Blick. Die Geschichte schlägt nirgendwo Wurzeln, deshalb hängen auch die Gefühle, von denen sie erzählt, halb in der Luft.
Senta Berger und Bruno Ganz wirken so vollkommen aufeinander eingespielt, als hätten sie schon viele Male gemeinsam vor der Kamera gestanden, aber auch sie können ihre Figuren nicht aus der Falle der Abstraktion befreien, in die das Drehbuch sie geführt hat. Am Ende bleibt der markanteste Zug im Leben von Anita und Fred ihr gutbürgerlicher Wohlstand. Denn wer kann sich schon eine Wohnung allein zum Sterben kaufen?