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Dunkle Zukunftsaussichten Ein Dokument über die Dokumentaristen

Mindestgage wäre das mindeste - deutsche Dokumentarfilmer sind das Prekariat des Fernsehens. Eine neue Studie macht die ganze Misere deutlich: Viele können von ihrer Arbeit kaum leben.

© dpa An der Grenze zur Armut: Dokumentarfilmer sind unterbezahlt

Man hat es geahnt, jetzt ist es schwarz auf weiß nachzulesen: Die Dokumentarfilmer nagen am Hungertuch. Viele von ihnen verdienen so gut wie nichts, sie sind das Prekariat des deutschen Fernsehens. Sie sind abhängig von ARD und ZDF, weil die Privatsender für das dokumentarische Fernsehen nur das Nötigste tun. Und die Öffentlich-Rechtlichen machen das für sie Beste aus ihrem Nachfrageoligopol: Sie zahlen so wenig wie möglich. Wie wenig, das lässt sich nun in einer Studie der Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm (AG Dok) nachlesen. Demnach verdienen etwa Dokumentarfilmregisseure im Schnitt 1380 Euro netto im Monat, rund achtzehn Prozent der für die Studie befragten liegen sogar unter dem zu versteuernden Minimum von 636 Euro netto im Monat. Nur fünfzehn Prozent der Dokumentarfilmer können von ihrer Arbeit leben, alle anderen verdienen Geld in anderen Jobs und sind auf finanzielle Unterstützung angewiesen. Weniger geht nicht.

Michael Hanfeld Folgen:

Und weil weniger nicht geht, sähen siebzig Prozent der Kollegen ihre berufliche Zukunft negativ oder sehr negativ, sagt die Berliner Regisseurin Alice Agneskirchner, zweite Vorsitzende der AG Dok. Kein Wunder, arbeiten die Dokumentarfilmer im Schnitt doch 82 Tage im Jahr für buchstäblich nichts - will heißen, sie leisten für ihre Filme Arbeit, die vom Sender nicht honoriert wird. Das Bruttotageshonorar für Autoren und Regisseure von Dokumentarfilmen liegt bei 99 Euro, der Brutto-Stundenlohn bei 9,91 Euro. Oder nehmen wir die durchschnittlichen Autorenhonorare für Dokumentationen und Reportagen: bei einer Länge von dreißig Minuten sind das 3635 Euro brutto, bei 45 Minuten 6890 Euro und bei Neunzigminütern 8147 Euro.

Honorare weit unter den Festangestellten

Das macht - wenn man auf den Aufwand schaut, den die Autoren treiben müssen -, ein Tagessaldo von 214 Euro bei einem dreißig Minuten langen Film, bei einem abendfüllenden sind es noch 54 Euro. Das sind Honorare, mit denen die freien Autoren und Regisseure meilenweit unter den Einkünften der Festangestellten liegen, der fest angebundenen freien Mitarbeiter und aller anderen Gewerke - Kameraleute oder Cutter. „Das durchschnittliche Tageshonorar für freie Autoren“, heißt es, liege „zwischen 54 und 238 Euro“, das seien dreizehn bis 59 Prozent der tariflichen Mindesttagesgage für Kameraleute (405,28 Euro).

Das sind nur einige der Zahlen, die verdeutlichen, dass ein Berufsstand vom Aussterben bedroht ist, dass Einzelkämpfer und kleine Firmen keine Chance haben. Bezeichnend sind auch die allgemeinen Zuschreibungen der knapp hundert für die Studie befragten Dokumentarfilmer (die AG Dok zählt 870 Mitglieder): „Ich und viele meiner Kollegen können uns kaum über Wasser halten, ich weiß oft nicht, ob ich die Miete zusammenkriege, bin manchmal komplett ohne Geld. Ich kann mir im Jahr eine Hose, einen Pullover und alle zwei Jahre ein paar Schuhe leisten. Möbel finde ich oder bekomme sie geschenkt“, heißt es da, oder: „Die Honorare stagnierten fünfzehn Jahre, seit fünf Jahren fallen sie. Ich stehe vor der Entscheidung, den Beruf aufzugeben.“

Mindestgage muss sein

Nicht allen freien Dokumentarfilmern gehe es so, sagt der Vorsitzende der AG Dok, Thomas Frickel, doch sei die Studie schon ziemlich aussagekräftig. Was ist zu tun? Eine Mindestgage. Im Grunde müssten sich die Honorare verdreifachen, sagt Frickel. Eine Umschichtung der Programmetats - für den Sport geben ARD und ZDF jährlich mehr als 800 Millionen Euro aus. Das sorgt zwar beim Fußball für hohe Quoten, aber um welchen Gebührenpreis? Und seien es nicht Journalisten und Dokumentarfilmer, die für den Bildungsauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks stünden? Losgehen müsse es, sagt Jörg Langer, der die Studie der AG Dok betreut hat, schon bei den Arbeitsgrundlagen. Es wäre auch einiges gewonnen, bürdeten Sender und Redakteure den freien Autoren nicht das ganze Risiko und einen immer größeren Teil der Arbeit auf - bis zur Rechteabsicherung.

Die Studie ist eine Pflichtlektüre vor allem für diejenigen, die bei ARD und ZDF in den Aufsichtsgremien sitzen. Denn hier können sie überprüfen, was sich die Sender wirklich leisten. Einfach mal nachfragen! Transparenz schaffen! Und es gibt einen Maßstab für die Aufforderung, welche die Ministerpräsidenten in einer Protokollerklärung an den letzten Rundfunkstaatsvertrag gehängt haben. Tenor: Behandelt die freien Autoren, Regisseure, Dokumentarfilmer fair, bezahlt sie angemessen! Die Studie der AG Dok zeigt, wie weit wir davon entfernt sind.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 28.10.2012, 10:55 Uhr

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