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Dokumentation „The Cleaners“ : Wie Facebook bestimmt, was wir sehen

  • -Aktualisiert am

Die „Cleaners“ sitzen auf den Philippinen und filtern das Netz. Bild: dpa

Die Dokumentation „The Cleaners“ zeigt, was bei Netzwerken wie Facebook wirklich los ist: Sie löschen nicht nur grausame Inhalte, sondern steuern gezielt, was an die Öffentlichkeit kommt.

          Wieder ist ein Leck bei Facebook aufgetaucht, wieder sollen Millionen Datensätze mit privatesten Informationen öffentlich zugänglich gewesen sein. Ob die Implosion des Vertrauens in die Sozialnetzwerke langfristige Folgen haben wird, muss sich erst noch zeigen. Unbestreitbar jedoch erleben wir eine Umbruchphase, in der sich viele (reich gewordene) Führungsfiguren der Gründertage mit Grausen von dem Monstrum abwenden, das sie erschaffen haben.

          Just in diesem Moment überraschen uns die aus dem Theaterbereich stammenden jungen Regisseure Hans Block und Moritz Riesewieck mit einem erstaunlichen Dokumentarfilm, der seit Monaten Publikum und Kritik auf den wichtigsten Festivals der Welt elektrisiert. Völlig zu Recht: Es ist, als würden einem die Scheuklappen weggerissen, als sähe man das, was sich seit Jahren direkt vor unseren Augen abspielt, zum ersten Mal unverschleiert. Gleich mehrere ehemalige leitende Mitarbeiter der Technologiefirmen aus dem Silicon Valley warnen im Film kaum verblümt vor den eigenen Produkten, Brandbeschleuniger, die zu einem guten Teil davon lebten, Aggressionen zu verstärken. Die Weltgesellschaft, so lautet die große Botschaft, ist auf dem Weg in den Weltbürgerkrieg, und das, ohne es zu bemerken. Wir sind der Frosch im bald siedenden Wasser.

          Heute endlich kommt „The Cleaners“ in die Kinos. Die Filmemacher suchen darin die schmutzigsten Winkel der vermeintlich sozialen Kommunikation via Facebook, Twitter, Youtube, Instagram und Co. auf, um von dort aus das Ganze einer uns längst entglittenen digitalen Öffentlichkeit in den Blick zu nehmen. Geplant war zunächst eine Fernsehdokumentation, bis man bei der Produktionsgesellschaft Gebrüder Beetz (mehrere ARD-Anstalten sind beteiligt) bemerkte, welch ein kaum bekanntes Kapitel die beiden Regisseure da aufblätterten und was sie mit ihrem unbedingten Formwillen – schicke Visualisierungen; erhellende Gegenschnitte; wuchtiger Soundtrack von Paradox Paradise – aus diesem Material zu machen in der Lage waren: eine fesselnde ,Doku noir‘ mit höchstem Anspruch.

          Digitale Müllsortierer

          Der journalistische Scoop besteht darin, in Manila, wo unter strenger Geheimhaltung Zehntausende von sogenannten Content-Moderatoren damit beschäftigt sind, anstößige Inhalte aus den Netzwerken zu löschen, mehrere Personen ausfindig gemacht zu haben, die offen über diese an obskure Drittfirmen ausgelagerte, schlecht bezahlte und psychisch schwer belastende Arbeit sprechen. Man habe selbst mit einem guten Abschluss auf den Philippinen sonst oft nur die Möglichkeit, sich als Müllsortierer durchzuschlagen, berichtet eine junge Frau: So wurde sie zur digitalen Müllsortiererin, bis sie es nicht mehr aushielt. Viele der Porträtierten sind durchaus stolz auf ihre Arbeit, sehen sich als „Wachleute“, die das Netzwerk sündenfrei halten. Gruselig wird es, wenn einer der Säuberer sagt, er tue dasselbe wie der von ihm verehrte Präsident Duterte, der mit der staatlichen Ermordung vermeintlich Krimineller und Drogenabhängiger prahlt.

          Die Bedeutung des Films liegt darin, dass er es sich nicht einfach macht. Dass er Fragen stellt, ohne vorzugeben, die Antworten zu kennen. Auf der einfachsten Ebene lautet das Problem, dass die Löschindustrie selbst intransparent ist und kaum vorbereitete Billiglöhner mit Kinderpornographie und Enthauptungsbildern konfrontiert. Anhand von Beispielen wird weiter gezeigt, dass kulturelle Unterschiede zu nicht nachvollziehbarer Zensur führen können: Die gemalte Karikatur eines nackten Donald Trump etwa gilt einer sehr katholischen Philippinin als anstößig. Der Account der Künstlerin wurde gesperrt. Ebenso erging es einem syrischen Künstler, der den auf der Flucht ertrunkenen Kindern seines Landes ein Denkmal setzen wollte. Er immerhin hat einen Weg gefunden, die Zensur zu umgehen, indem er die Opfer in Silhouetten verwandelt.

          Unliebsame Informationen mit Geoblocking gesperrt

          Bald weitet sich die Perspektive zu der Frage, wer eigentlich darüber entscheiden darf, was wir sehen und was nicht. Die Technologiefirmen, die den Arbeitern in Manila den Löschbefehl geben und damit unsere Weltsicht beeinflussen, folgen der Ethik des neopuritanischen Amerikas (Nacktheit gilt per se als anstößig), lassen aber mit Verweis auf Meinungsvielfalt (und ohne Verweis auf die mittels Empörung in die Höhe getriebenen Klickzahlen) die Verbreitung von Hass in großem Maßstab zu. Üblich ist inzwischen auch die direkte Kooperation mit gewalttätigen Regimen, die ansonsten den gesamten Dienst abzuschalten drohen. Mittels Geoblocking sperren die Netzwerke also unliebsame Informationen in diesen Ländern, werden zu einem Agenten der Gegenaufklärung.

          Block und Riesewieck gehen auch hier an die Front, finden sowohl in der Türkei als auch in Burma Beispiele dafür, wie soziale Netzwerke – insbesondere Facebook – an der Errichtung einer nahezu geschlossenen Wahrnehmungsblase beteiligt sind, was für Regimegegner oder unterdrückte Minderheiten wie die Rohingya tödliche Folgen haben kann. Das ist mitunter schwer zu ertragen, aber bequemes Wegsehen, das lernt man bei „The Cleaners“, ist keine Alternative. Die wichtigsten Sätze des Films sagt ein Journalist in Manila, der auch darauf hinweist, dass zugespitzte Häppcheninformationen deshalb so gefragt seien, weil sie den Menschen – uns allen – das Gefühl gäben, etwas verstanden zu haben: „Wir könnten die Demokratie verlieren. Weil wir bereit sind, sie aufzugeben.“ Dieser Film müsste an allen Schulen gezeigt werden.

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