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Dokumentarfilm „Wochenendkrieger“ : So montieren wir uns ein richtiges Leben im banalen

  • -Aktualisiert am

Die Ohren verraten sie: Elfenkönigin Lenora, gespielt von einem Menschen Bild: Neue Visionen

Andreas Geigers Dokumentarfilm „Wochenendkrieger“ begleitet Live-Rollenspieler auf ihre Schlachtfelder. Schüchterne Studentinnen verwandeln sich hier in Elfenköniginnen und Sekretäre in Herrscher der Untoten.

          Wo liegt Auenland? Für Fans von Tolkiens „Herr der Ringe“ ist der Fall klar: in Mittelerde. Auf jenem verwunschenen Kontinent hatte der britische Schriftsteller die Hobbits, Elfen und Orks angesiedelt, die in seiner Fantasy-Trilogie mal in friedlicher Eintracht, mal in kriegerischer Zwietracht miteinander leben. Für Live-Rollenspieler hingegen gilt: Auenland ist immer woanders. Zum Beispiel im Dreihundertseelendorf Brokeloh in Niedersachsen, nahe dem Steinhuder Meer.

          Einmal im Jahr treffen sich dort bis zu achttausend Fantasyfiguren aus Fleisch und Blut - neben Hobbits, Elfen und Orks auch Fürsten, Bettler, Magier, Siedler, Druiden, Heiler, Ritter, Gaukler, Kobolde oder Vampire. Sie nehmen rund um das alte Rittergut Brokeloh am „Conquest of Mythodea“ teil, einem der landesweit größten „Cons“, wie die Veranstaltungen für Live-Rollenspieler genannt werden.

          Allein in Deutschland zählt die Gemeinschaft solcher kostümierten Spieler mehr als eine Viertelmillion. Zwischen Frühling und Herbst versammeln sich an jedem Wochenende Hunderte von ihnen an entlegenen Orten, um nach bestimmten Regeln, aber ohne exaktes Drehbuch Schlachten auszufechten, Gelage abzuhalten oder Rätsel zu lösen. Publikum gibt es nicht, die Teilnehmer sind Schauspieler und Zuschauer zugleich.

          Aufbruch zur Schlacht im Morgennebel

          Um diese in Deutschland seit den neunziger Jahren stetig wachsende Szene zu ergründen, hat Andreas Geiger fünf „Wochenendkrieger“ mit der Kamera begleitet - zu Hause, bei der Arbeit und auf dem Schlachtfeld. Und wenn es so etwas wie die reflektierte Bestätigung von Vorurteilen gibt, dann ist es das, was sein in dieser Woche anlaufender Dokumentarfilm hinsichtlich der Rollenspieler leistet.

          Da ist zum einen Dirk, der sich selbst als „Parteisoldat“ bezeichnet und als Sekretär bei den Grünen Protokoll führt. Am Wochenende aber führt er als „Herrscher des Untoten Fleisches“ die ihm untergebenen Soldaten in den Kampf. Dann ist da Gregor, ein schwuler Maskenbildner, der zur Abwechselung den „Erzmagier Lamathiel“ verkörpert. Die schüchterne Studentin Nicole wird für einige Tage zur verehrten „Elfenkönigin Lenora“, der korpulente Montagearbeiter Sven zum geschätzten „Gärtner der Öligen Pestilenz“ und die Gymnasiallehrerin Chris zur allseits gefürchteten „Aniesha Fey, der Herrin der Leere“.

          „Wir arbeiten mit Bildern, die in Diktaturen auch benutzt werden“

          Live-Rollenspiele stellten fiktive Karrieresprünge für ganz gewöhnliche Zeitgenossen dar, so das gängige Vorurteil. Diese Einschätzung ist richtig, die ihr beigemischte Portion Verachtung aber unangebracht. Denn wenn Gregor Live-Rollenspiele als „perfekte Trainingseinheiten für Lebensentwürfe“ bezeichnet, wenn Chris betont, dass nie die Rolle, sondern nur der Spieler selbst sich entwickele, und wenn Sven gesteht, dass es ihm leichter falle, sich in andere Menschen hineinzuversetzen und sie zu verstehen, weil er sich auch immer wieder in andere Rollen hineinzudenken habe, dann werden die Möglichkeiten des Live-Rollenspiels ohne jede Bosheit einsichtig.

          Dass die simplifizierenden Gut-böse-Schemata der Spiele auch Probleme bieten können, ist dem Wochenendherrscher Dirk durchaus bewusst: „Wir arbeiten mit Bildern, die in Diktaturen auch benutzt werden“, sagt er angesichts seines Bataillons an Kämpfern. Es sei „ein starkes Bild, ein böses Bild“, was in diesen Massenaufmärschen liege. „Die Illusion, die wir spielen“, arbeite stets auch mit einer „gewissen Form von Manipulation“. Dies zu sehen zeigt aber auch, dass man ihr nicht erliegt.

          Während es Andreas Geiger in seinen Gesprächen mit den Protagonisten gelingt, die Facetten des Live-Rollenspiels differenziert einzufangen, scheitert er damit, sobald das tatsächliche Rollenspielgeschehen ins Bild gesetzt wird. Statt die Umstände der „Cons“ genau zu dokumentieren, wandelt sich das Werk gerade hier immer wieder zum Spielfilm - mit einem unsäglichen Sprecher, der mit exaltierter Stimme Belanglosigkeiten beschwört.

          Komplexität des Rollenspiels wird unterschlagen

          Weil dabei in Sachen Farbgebung, Format und Sounddesign an aktuelle Genre-Produktionen wie „Game of Thrones“ oder „Spartacus“ angeknüpft wird, ist die simple Rezeptur für pathetische Blockbuster-Fantasy nur allzu deutlich sichtbar; die Komplexität des Rollenspiels wird jedoch unterschlagen. Das ist ärgerlich, weil gerade sie den Beweis liefert, dass es gar kein „Second Life“ des inkarnierten Menschen geben kann - weder real, noch digital. Ja, Figuren in Live-Rollenspielen sind holzschnittartiger als im wahren Leben. Die Personen jedoch, die diese Rollen spielen, sind es ebenso wenig wie das Spiel selbst, das höchste Anforderungen an Koordination und Improvisation stellt.

          Bereits 1982 verkörperte der damals sechsundzwanzigjährige Tom Hanks in „Labyrinth der Monster“ einen Rollenspieler, der den Bezug zur Realität verliert, indem er sich mehr und mehr mit seiner Figur verwechselt. In postmodernen Zeiten, in denen althergebrachte Bindungen wie Sippe, Stamm oder Staat aufgeweicht worden sind, werden selbstgewählte Gemeinschaften immer mehr zu Orten realer Erfahrungen, die sonst nicht mehr selbstverständlich zur Verfügung stehen. Die Sehnsucht nach solchen Erfahrungen scheint der Grund dafür zu sein, dass immer mehr Menschen am Wochenende Auenland suchen. Solange sie dabei sich selbst und nicht tatsächlich Auenland zu finden glauben, ist das alles kein Problem.

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