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Dokumentarfilm Spiel mir das Lied vom Brot

28.04.2006 ·  Sein Regisseur nennt ihn einen „Film über leider völlig gewöhnliche Dinge“. Das ökonomische Kalkül der globalen Nahrungsmittelindustrie, wie „We feed the World“ es zeigt, ist in höchstem Maße rationell, aber völlig irrational.

Von Andreas Platthaus
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Die Schlange steht bis weit auf den Bürgersteig hinaus, der große Saal des Kinos „Harmonie“ in Frankfurt ist ausverkauft - seit zwei Tagen schon. Unter den Wartenden, die noch hoffen, eine der nichtabgeholten Karten zu ergattern, steht im Freien ein schmächtiger Mann in gelber Cordjacke. Das ist Erwin Wagenhofer, dessen Anwesenheit diesen Auflauf verursacht hat. Niemand kennt ihn, und Wagenhofer will auch gar nicht erkannt werden. Er ist Dokumentarfilmer, und diese Arbeit wird durch eigene Berühmtheit nicht erleichtert. Was nichts daran ändert, daß sein neuer Film berühmt werden wird.

Zuvor hatte der 1961 geborene österreichische Regisseur unter anderem Dokumentationen über Donauschiffer gedreht, über den serbischen Schriftsteller Aleksandar Tisma, über Wien, Alkohol und Künstler. Nun ist Wagenhofer seit einigen Tagen in Deutschland auf Reklametour für einen Film, der in seiner Heimat der große Durchbruch war: „We Feed the World“, ein Bericht über die globale Verknüpfung der Lebensmittelindustrie. Seit sieben Monaten läuft der Film in österreichischen Kinos, zweihunderttausend Zuschauer haben ihn gesehen, so viel wie nie zuvor ein Dokumentarfilm in Österreich zählte. Rechnete man diese Zahl auf Deutschland hoch, bedeutete das mehr als zwei Millionen Kinogänger, eine Zahl, die hier seit „Die Wüste lebt“ aus dem Jahr 1953 keine Dokumentation mehr erreicht hat. Man muß wünschen, daß es viele werden.

In den Hunger getrieben

Die Chancen stehen gut. Der Verleih Delphi hatte sich die deutschen Rechte gesichert, bevor der Film in Österreich seinen Siegeszug begann. Nun bringt er ihn mit fünfzig Kopien in die Kinos - auch das eine für Dokumentationen selten erreichte Zahl. Am Vortag war Wagenhofer in Münster: „Da haben sie kurzerhand einen zweiten Saal für die Massen aufgemacht, und wir haben die Rollen von einer Vorführkabine sofort in die nächste geschleppt. Wenn es Verzögerungen gab, wurde eben so lange diskutiert.“ In Frankfurt findet die Diskussion nach dem Ende des Films statt. Auf der Bühne stehen neben Wagenhofer Vertreter von Greenpeace und der Naturkosthandelsorganisation Bioland, die beide den Vertrieb des Films unterstützen. Beim Einlaß wurden Bio-Möhren ans Publikum verteilt: „Laßt es krachen!“ Auf der Treppe kann man Saatgutproben von Demeter mitnehmen.

Auch „Brot für die Welt“ hat einen Vertreter gesandt, denn was Wagenhofer mit der Kamera in zweijähriger Drehzeit eingefangen hat, ist Wasser auf die Mühlen der Kritiker einer industriell betriebenen Landwirtschaft. In Brasilien filmte er hungernde Familien, während das dort massenhaft angebaute Soja als Futtermittel nach Europa exportiert wird, wo es Tiere ernährt, von denen nach der Schlachtung nur die feinsten Teile an europäische Kunden verkauft werden. Die gewaltigen Fleischreste gehen subventioniert nach Afrika oder Asien, wo sie die einheimischen Bauern und Züchter ruinieren, weil sie mit den bezuschußten Preisen nicht konkurrieren können.

Zwei Millionen Kilo Brot

Das alles wußte man vorher auch; unter anderem hat der letztes Jahr mit moderatem Erfolg in deutschen Kino gelaufene und erst kürzlich im Fernsehen ausgestrahlte Dokumentarfilm „Darwins Albtraum“ solche aberwitzigen Handelsketten für den einzelnen Fall des Victoriabarschs vorgeführt. Aber Wagenhofers Meisterschaft als Dokumentarist besteht darin, daß er allein die Bilder und seine Gesprächspartner sprechen läßt - und das Ganze mit einer grandios unauffälligen Tonkulisse unterlegt, für die der Sounddesigner Helmut Neugebauer gar nicht genug gelobt werden kann. Schrecken nähert sich hier in seiner niedlichsten Form: als Meer von gelben Küken, die für Hühnermastbetriebe gezüchtet werden. Nach wenigen Wochen sieht man die Tiere auf dem Schlachtband unten gesammelt herein- und darüber fein säuberlich geköpft wieder herausfahren. Brust und Keulen bleiben, aufs Gramm genau sortiert, in Europa, die Innereien gehen nach Afrika.

Es gibt noch eine Szene in „We Feed the World“, die man nie mehr vergessen wird: den Abtransport des überschüssigen Brotes aus den Wiener Bäckereien auf gewaltigen Kippladern. Zwei Millionen Kilo Brot werden allein in dieser Stadt jedes Jahr gesammelt und vernichtet. Ein Transporteur berichtet: „Die Leute schauen einfach zu und können es nicht glauben.“

Der Nestlé-Chef hat ein Problem

Das ist der Eindruck, der auch nach dem Film bleibt, aber man hat es gesehen, neutral eingefangen und kühl reportiert. Nur die Montage kommentiert: Man hört den Nestlé-Vorstandschef Peter Brabeck, der dafür plädiert, Wasser endlich zu Marktpreisen zu handeln, und in der nächsten Einstellung zeigt die Kamera den Blick aus Brabecks Büro auf den Genfer See. Auf dieses Gespräch ist Wagenhofer stolz: „Ich ließ ihn reden, und irgendwann sagte er das, was nun im Film geblieben ist. Brabeck hat von allen meinen Gesprächspartnern den dicksten Vertrag vorgelegt bekommen, ihn nicht gelesen und blank unterschrieben - das war sein Problem.“

Was Wagenhofer entlarven will, sind jedoch nicht einzelne Menschen, sondern die Intransparenz des Wirtschaftssystems. Sein nächster Film wird „Money oder Das Geldsyndrom“ heißen. Doch vorher wird „We Feed the World“ Deutschland erobern und hoffentlich noch etliche weitere Länder, vielleicht auch die, in denen er gedreht wurde: außer Österreich und Brasilien noch Frankreich, Spanien, Rumänien, die Schweiz. Es ist kein Trost, daß Deutschland nicht vorkommt. Denn es ist klar, daß hier „ein Film über leider völlig gewöhnliche Dinge“, wie Wagenhofer es nennt, gezeigt wird. Er führt ein ökonomisches Kalkül vor, das in höchstem Maße rationell, aber völlig irrational ist. Man könnte verrückt werden.

Quelle: F.A.Z., 29.04.2006, Nr. 100 / Seite 35
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