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Dokumentarfilm Freiheit für Flipper und alle, die ihm folgten

22.10.2009 ·  Früher war Ric O'Barry Flippers Trainer, heute bekämpft er die Konsequenzen seiner Arbeit, die zum Schichtbetrieb in den Delphinarien der Welt führte. Der Dokumentarfilm „Die Bucht“ begleitet ihn in seinem Kampf für den beliebten Säuger, der in Japan ein Nahrungsmittel wie jedes andere ist.

Von Bert Rebhandl
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Ric O’Barry ist ein Mann, der von dem Eifer eines Konvertiten angetrieben wird. Früher einmal hat er maßgeblich dazu beigetragen, dass viele Menschen ein besonderes Verhältnis zu Delphinen haben. Sie sehen in den schwimmenden Säugetieren eine Kreatur, die dem Homo sapiens irgendwie nahesteht – durch Intelligenz, Edelmut, lustigen Gesichtsausdruck. Ric O’Barry war in den sechziger Jahren der Trainer des Fernsehdelphins „Flipper“, noch heute müssen viele anonyme Nachfahren dieses Tierstars in Delphinarien tägliche Schicht schieben: Sie schnellen aus dem Wasser empor und vollführen all die akrobatischen Kunststücke, zu denen sich ein fauler Löwe im Zoo nie herablassen würde.

Ric O’Barry aber macht da nicht mehr mit. Er bekämpft inzwischen diese Industrie, zu deren Entstehung er maßgeblich beigetragen hat; wo immer er kann, sorgt er dafür, dass Delphine in die Freiheit entlassen werden. Inzwischen ist er sogar dazu übergegangen, nach Kräften den Nachschub zu unterbinden. Zu diesem Zweck ist er immer wieder nach Taiji gereist, einer kleinen Stadt in der japanischen Präfektur Wakayama. Hier werden alljährlich zahlreiche Delphine gefangen und an die Abnehmer in aller Welt verkauft. Vor allem aber werden die Tiere in Taiji auch noch getötet und für den Verzehr verkauft. Dieser Delphinfang, der saisonal organisiert ist und überlieferten Vorgehensweisen folgt, findet an einem bestimmtem Ort in Taiji statt: in einer Bucht, die vom Land aus schwer einsehbar ist und die in der Perspektive O’Barrys und seiner Mitstreiter zu einem klassischen locus horribilis stilisiert wird.

Gewaltbereite Starrköpfe

„The Cove – Die Bucht“ heißt der Film, in dem sie den Delphinozid von Taiji der Weltöffentlichkeit enthüllen. Es bedurfte einer konspirativen Aktion, um dieses Verbrechen aufzudecken. Mit allen möglichen Überwachungskameras, mit Tauchern und Ballons, mit der ganzen logistischen Übermacht eines Spezialkommandos weisen Ric O’Barry und der Regisseur Louie Psihoyos nach, dass das Meer in Taiji vom Blut der Delphine getränkt wird. Sie sind von ihrer Mission so überzeugt, dass sie an entscheidenden Stellen weit über die Usancen des dokumentarischen Kinos hinausgehen und sich agitatorischer Mittel bedienen, die man auch dann für dubios halten muss, wenn man die prinzipielle Berechtigung ihres Anliegens nicht in Frage stellen möchte.

In der Filmdokumentation "Die Bucht" zeigen der Aktivist und ehemalige Delfin-Trainer Ric O'Barry und Regisseur Louie Psihoyos eindringlich das Abschlachten zehntausender Delfine in einem japanischen Fischerdorf.

Der massivste Einwand ist kultureller Natur. Japan beansprucht als Nation eine Sonderstellung im Umgang mit Walen (zu denen die Delphine gehören). Inwiefern diese Haltung noch eine Plausibilität haben kann, kann ein Film wie „Die Bucht“ nicht entscheiden. Sehr wohl aber kann man verlangen, dass die Position der Fischer von Taiji in irgendeiner Form fair dargestellt wird. Louie Psihoyos und der Drehbuchautor Mark Monroe lassen sie von vornherein als dumpfe, latent gewaltbereite Starrköpfe erscheinen, die alles in Bewegung setzen, damit ihr jährliches Schlachtfest (als solches wird es in diesem Film gezeichnet) ihr Geheimnis bleibt. Dieser verstockten Haltung gegenüber stellen die Profis aus dem Westen ein Projekt auf die Beine, das an einer Stelle halb im Ernst, aber mit unverhohlener Befriedigung mit „Ocean’s Eleven“ verglichen wird, jener Truppe des populären Kinos, die sich auf waghalsige und sehr komplizierte Verbrechen spezialisiert hat und den guten, alten Coup zu neuen Ehren gebracht hat.

Es geht um Konversion

So landet auch „Die Bucht“ einen echten Coup: Wir sind gewissermaßen live dabei, wie sich das Meer vor Taiji rot zu färben beginnt, als die Delphine sterben müssen. Man muss schon sehr genau hinsehen, um die vielen Konjekturen der Montage zu bemerken, auf denen dieser Effekt der Unmittelbarkeit, der direkten Augenzeugenschaft beruht.

Die ganze kriegerische Dramaturgie von „Die Bucht“ steht dem fiktionalen Kino näher als der dokumentarischen Erforschung komplexer Umstände. Es ist reizvoll, sich als Kontrast dazu einen Film über die Fischer von Taiji vorzustellen, wie ihn Shinsuke Ogawa gemacht hätte, der große Chronist der japanischen Agrargesellschaft – er hätte sicher auch das Anachronistische herausgearbeitet, die Selbstwidersprüche von Menschen, die sich (und andere) wissentlich mit Quecksilber vergiften, weil sie an ihren Gewohnheiten festhalten wollen.

Für diese Facetten des Geschehens haben die Macher von „Die Bucht“ kein Gespür, weil sie sich ganz und gar auf einem Feldzug wähnen und strikt von der Sonderstellung der von ihnen unter Schutz gestellten Kreatur ausgehen. Dass die gesamte Fischereiwirtschaft und unser persönlicher Konsum von Fisch zu einem globalen Problem geworden sind, kommt nur am Rand in den Blick (dazu gibt es allerdings ohnehin schon einen eigenen, sehr erfolgreichen Film: „The End of the Line“).

Das ist auch nicht weiter überraschend, denn in „Die Bucht“ geht es nur vorgeblich um Aufklärung, de facto geht es um Konversion – zu einer säkularen Religion, die das ozeanische Gefühl in der Überidentifikation mit einer bedrohten Kreatur sucht.

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