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Doku über Ingmar Bergmann : Nachklänge

Mit den Augen des Meisters: der schwedische Filmregisseur Ingmar Bergman im Jahr 1957 in Stockholm. Bild: dpa

Wie kann ein Dokumentarfilm aussehen, der einen Giganten der Filmgeschichte zum Gegenstand hat? Zum Beispiel so: Margarethe von Trottas Dokumentation über den Regisseur Ingmar Bergman.

          Wie könnte sinnvollerweise ein Dokumentarfilm über einen der Giganten der Kinogeschichte aussehen, der mit seinen Filmen und seinem Auftreten wie kaum ein anderer Eindruck auf die nachwachsenden Generationen gemacht hat? Lässt sich vermeiden, dass einem bei diesem Vorhaben die Ehrfurcht ins Gehege kommt? Eine Menge Mittelmaß gibt es im Werk, neben dem Genialen (wie könnte es anders sein) und Kollateralschäden im Menschlichen. Es geht natürlich um Ingmar Bergman. Hundert Jahre wäre er heute alt geworden, aber wenn man sich an einige seiner Filme erinnert, an „Die Zeit mit Monika“, an „Wilde Erdbeeren“, „Das Schweigen“, an „Schande“ oder „Passion“ oder auch die „Szenen einer Ehe“, denkt man unwillkürlich: Wirklich? Erst hundert? Das zwanzigste Jahrhundert Bergmans liegt weit in der Ferne. Was ja nicht bedeutet, dass uns die Filme nichts mehr sagten. Nur sagen sie es eben nicht aus einer Zeitgenossenschaft heraus.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Den Dokumentarfilm zum Anlass des Gedenktags hat Margarethe von Trotta gedreht (Jane Magnussons Film „A Year in a Life“, der das Jahr 1957 in Bergmans Werk behandelt, hat noch keinen deutschen Verleih). „Auf der Suche nach Ingmar Bergman“ heißt von Trottas Film. Das ist kein rasend origineller, aber ein guter Titel, weil er betont, dass sie mit einer Landkarte im Sinn, aber nicht mit einem Ziel vor Augen unterwegs und offen war für das, was sie finden würde. Sie wollte, so legt der Titel nah, im Gespräch und in der Reflexion etwas herausfinden, was möglicherweise bisher zu kurz kam im Geniekult, der um den Meister betrieben wird. Das Bergman-Archiv des Schwedischen Filminstituts gehört immerhin zum Weltdokumentenerbe, wie Beethovens Neunte, die Gutenberg-Bibel und der Azteken-Codex.

          Die Regisseurin in den Klippen unter einem Gewitterhimmel

          Ihre Annäherung beginnt am Strand von Fårö. Da sitzt die Regisseurin in den Klippen unter einem Gewitterhimmel, schaut über das graue Meer und beginnt zu erzählen. Davon, wie Max von Sydow am Strand liegt und schläft, sein Knappe ein wenig entfernt und ebenfalls schlafend, und das Bild vom Strand, auf den sie schaut, wird zum Bild des Strands im „Siebten Siegel“, wir sehen die weißen Figuren auf dem großen Schachbrett leuchten, und von Trotta erzählt weiter, beschreibt, wie Max von Sydow aufwacht, sich im Meer das Gesicht wäscht, und der Tod auf ihn zutritt, wie ein Vogel ins Bild kommt und wie Bergman das filmt, in der Supertotalen erst, dann nah, wann er überblendet und übers Meer schwenkt und wieder in die Totale geht. Hier spricht keine Schülerin vom Meister, sondern eine Regisseurin von einem Kollegen. Das ist die Grundhaltung. Unprätentiös. Weniger an Legenden als am Handwerk interessiert. Es wäre herrlich gewesen, diese Erzählung den ganzen Film hindurch einfach weiterzuspinnen, von Trotta in den Klippen, die Bilder wechselnd zwischen heute und dem „Siebten Siegel“.

          Aber so unkonventionell, auch so eingleisig, wollte von Trotta dann doch nicht vorgehen. Sie hat getan, was gewissenhafte Dokumentarfilmer meistens tun: Sie hat Menschen getroffen, die mit Ingmar Bergman gearbeitet haben, darunter viele seiner Schauspielerinnen, sie hat mit seinen Söhnen gesprochen, sie hat Archivaufnahmen ausgegraben, die Bergman selbst zeigen, und Filmausschnitte gibt es auch zwischendurch ebenso wie Gespräche mit Filmemachern von heute (Olivier Assayas, Mia Hansen-Løve, Ruben Östlund). Geschnitten aber ist das (von Bettina Böhler, die auch als Ko-Regisseurin genannt wird, wie von Trottas Sohn Felix Moeller) auf ruhige Weise so, als tauchten wir in einen Fluss von Bildern, Dialogen, Filmen und Erinnerungen, in dem sich Verbindungen ergeben zwischen Bergmans Schaffen und Margarethe von Trotta und ihrer Beziehung zu diesem Künstler, der, wie sie sagt, sie mit dem „Siebten Siegel“ derartig beeindruckte, dass sie beschloss, selbst Filmemacherin zu werden.

          Die Bezugsgröße in der Filmgeschichte war immer Bergman

          Das war 1960 in Paris. Dorthin war von Trotta gezogen, um dem Klima im Nachkriegsdeutschland zu entkommen, in dem sie zu ersticken fürchtete. Sie lernte die Regisseure der Nouvelle Vague kennen und über sie die Filme Bergmans. Olivier Assayas sagt heute, für seine Generation (er ist Jahrgang 1955) sei die Bezugsgröße in der Filmgeschichte immer Bergman gewesen, nicht Godard oder Truffaut – und das, obwohl Bergman in Schweden zu seiner Zeit keineswegs der Avantgarde angehörte. Die repräsentierte Bo Widerberg. Bergmans Leuchttürme in der Filmgeschichte wiederum waren die Stummfilme Sjöströms, der Expressionismus, den er mit Elementen des Neorealistischen verwob.

          Weil Margarethe von Trotta tatsächlich auch in den Gesprächen einer Bewegung folgt, in der sie als Suchende präsent bleibt, ist dies fast ein Doppelporträt geworden. Liv Ullmann etwa macht eine Bemerkung zum roten Teppich beim Filmfestival von Venedig und wie sie, die beiden Frauen, dort wie „glückliche Mädchen“ posiert hätten, und damit wird klar, hier sprechen zwei Künstlerinnen, zwei Frauen über einen Mann, der in ihrem Leben wichtig, aber nicht übermächtig war und neben dem Platz blieb für Erfahrungen, die sie ohne ihn machten. Was, angesichts von Bergmans Statur, Souveränität und ein beglückendes Selbstbewusstsein der Frauen zum Ausdruck bringt. Und damit eine Brücke zu den Frauen in Bergmans Filmen schlägt, die modern waren wie vor ihnen selten.

          Wie ein Dokumentarfilm sinnvollerweise aussehen könnte, der einen der Giganten der Filmgeschichte zum Gegenstand hat? Zum Beispiel so wie dieser. Und sollte es Zeit und Gelegenheit geben, dass Margarethe von Trotta am Strand von Fårö uns doch noch „Das siebte Siegel“ in voller Länge erzählt – das wäre was.

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