http://www.faz.net/-gqz-8p23o
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Veröffentlicht: 06.01.2017, 14:34 Uhr

Doku über Vietnam Die Verschwundenen und die Unerlösten

Der Film „Ein Haus in Ninh Hoa“ zeigt eine besondere Familiengeschichte. Die Suche nach der vietnamesischen Identität steht dabei im Zentrum dieses exzellenten Dokumentarfilms.

von Bert Rebhandl
© Grandfilm Identität ist eine Idee, die man nur sanft in den Wind der Geschichte halten sollte, schreibt Bert Rebhandl über „Ein Haus in Ninh Hoa“.

Wer im Jahr 1972 aus Südostasien nach Deutschland fliegen wollte, musste sich auf eine lange Reise einstellen. Fünf Zwischenlandungen notierte ein vietnamesischer Diplomat: Westpakistan, Iran, Griechenland, Italien, Schweiz. Und obwohl es so langsam ging, hatte er doch den Eindruck, vor der Sonne zu fliehen. Die Sonne geht im Osten auf, das Tageslichtfenster wandert gemächlich um den Globus, das Flugzeug ist viel schneller. Pham hieß der Mann, der in einem Brief an seine in Vietnam zurückgebliebene Familie von diesem Abenteuer berichtete. Er war diplomatischer Vertreter eines Landes, das es wenige Jahre später nicht mehr geben sollte. 1975 endete die Teilung Vietnams mit dem Sieg des kommunistischen Nordens.

In der offiziellen Sprachregelung der heutigen Sozialistischen Republik Vietnam gilt 1975 als das Jahr der Befreiung. Das Dorf Ninh Hoa in der Provinz Khanh Hoa in Südmittelvietnam wurde damals auch befreit. Viele Jahre später kehrt Kim Anh, eine Tochter des Diplomaten Pham, in dieses Dorf zurück, um ein Haus zu verkaufen. Es wird nicht mehr gebraucht. Gedacht war dieses „Palmenhaus“ für die Eltern, die hier ihren Lebensabend zubringen sollten, nachdem sie viele Jahre lang in der Nähe von Bonn gelebt hatten. Aber 2010 starb Pham unerwartet während eines Heimaturlaubs. Er ist nun in Ninh Hoa begraben. Auf seinem Grabstein befindet sich ein Hakenkreuz – das deutlichste Zeichen für die kulturellen Unterschiede, von denen der Dokumentarfilm „Ein Haus in Ninh Hoa“ Zeugnis ablegt. Passenderweise werden zwei Regisseure genannt: der Berliner Philip Widmann sowie Nguyen Phuong-Dan, der in Hamburg lebt und vor allem als Musiker und DJ bekannt ist. Er ist der Bruder von Kim Anh.

44075376 © Grandfilm Vergrößern Das „Palmenhaus“ für die Eltern, die hier ihren Lebensabend zubringen sollten.

Versuche, mit den Toten in Verbindung zu treten

Phuong kommt nach Hanoi und nimmt von dort aus die Spur seines Bruders Ham auf. Der kämpfte im Krieg auf der Seite des Südens. Er gilt als vermisst. In der Weltanschauung vieler Menschen in Vietnam bedeutet das, dass er unerlöst ist. Aber selbst von dem Ahnherrn Pham, der in einem prächtigen Grab liegt, ist man sich nicht sicher: „Ist Papa erlöst?“ Diese Frage könnte allenfalls ein Medium beantworten. Phuong, der an seiner vietnamesischen Identität nie gezweifelt hat, bis er zum ersten Mal sein Heimatland besuchte, teilt offensichtlich den Geisterglauben seiner Verwandten. Er sucht eine Frau auf, von der es heißt, dass sie mit Toten in Verbindung treten kann. Aber das Medium hat geringen Erfolg. Der tote Bruder Ham gibt sich nicht zu erkennen.

Mehr zum Thema

Eine in Teilen vergleichbare Lebensgeschichte hat der 62 Jahre alte Cousin von Ham. Sein Name ist Le Thi Trong Ai, er lebt in Ninh Hoa mit dem anderen Zweig der Familie. Die Befreiung 1975 bedeutete für ihn, dass er in ein Umerziehungslager kam. Ob seine schwache Gesundheit auf diese Zeit zurückzuführen ist? „Ein Haus in Ninh Hoa“ wahrt in vielerlei Hinsicht Diskretion. Von den ideologisierten Kämpfen ist kaum noch etwas zu spüren, stattdessen ist das Leben von einem sanften Gleichmaß bestimmt. Bei gemeinsamen Mahlzeiten taucht auch ein Vertreter der jüngsten Generation auf. Er studiert in Saigon Post- und Telekommunikationswesen. Von der 92 Jahre alten Schwester des Diplomaten Pham trennen ihn offensichtlich deutlich mehr als die zwei Generationen, die er jünger ist; man spürt aber auch eine tiefe familiäre Verbundenheit.

Erst allmählich setzt sich ein größeres Bild zusammen

Philip Widman und Nguyen Phuong-Dan haben sich dafür entschieden, keine Testimonials zu verwenden. Der übliche Modus in so einem Film wäre, die Protagonisten direkt in die Kamera sprechen zu lassen und ihre Erzählungen mit Archivmaterial (Fotografien, Briefe, Zeitzeugnisse) zu verbinden. Hier aber sprechen die Menschen vor der Kamera miteinander, ganz so, wie es einem bei einem persönlichen Besuch bei so einer Familie auch ergehen würde. Erst allmählich setzt sich ein größeres Bild zusammen, und auch dann hat man immer noch die freie Wahl, dieses mit eigenem Wissen zu vermitteln.

© Grandfilm Kinotrailer: „Ein Haus in Ninh Hoa“

Gibt es eine vietnamesische „Identität“? Diese Frage, mit der sich Phuong zu Beginn des Films einmal gesprächsweise herumschlägt, steht wohl im Zentrum. Das hochmoderne Deutschland liegt nur einige Flugstunden westlich, die Gräber sehen da wie dort recht ähnlich aus. Menschen wie Kim Anh oder Phuong gehören mindestens zwei Welten an, und wenn es in „Ein Haus in Ninh Hoa“ auch nicht im Entferntesten um so etwas wie Multikulti oder Migrationskunde geht, macht dieser exzellente Dokumentarfilm doch hinreichend deutlich, dass Identität (wie auch Familie) eine Idee ist, die man vielleicht am besten nur sanft in den Wind der Geschichte halten sollte.

Glosse

Wutprobe mit Wedel

Von Hubert Spiegel

Bei den Bad Hersfelder Festspielen hat der Luther-Darsteller Paulus Manker seine Rolle bei Dieter Wedel verloren. Halb so schlimm, es gab vier Thesen-Anschläger auf der Bühne. Doch Manker will klagen. Mehr 4 8

Zur Homepage