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Veröffentlicht: 16.03.2017, 14:50 Uhr

Die Schöne und das Biest Computercode im Zottelpelz

Disney übersetzt seine Zeichentrickfilme ins Reale – jetzt ist „Die Schöne und das Biest“ dran. Selten verdient die Animation ihren ursprünglichen Wortsinn so wie hier: Das Leblose erweckt sie zum Leben.

von Tim Slagman
© dpa Schau mir in die Augen, Schöne: Emma Watson in den Armen des Biests

Man muss sich den großen Walt Disney so vorstellen wie den schrulligen Erfinder Maurice. Kevin Kline spielt ihn, den Vater der Schönen Belle, in der einzigen erinnerungswürdigen Performance dieses Films wunderbar geerdet und dennoch in Gedanken ständig abwesend, ziemlich oft überfordert und dabei stets mit mühsam unterdrücktem Schmunzeln: ein herzensguter Kreativer. Ein liebender Vater. Einer, der deshalb aus seiner selbst schon ungeheuer anachronistisch imaginierten Zeit herauszufallen scheint, weil er ihr in seinem Tatendrang eigentlich voraus ist.

Wie die Vergangenheit, etwa die eines Konzernlenkers und seines Konzerns, wirklich aussah, ist der Nostalgie dabei naturgemäß vollkommen schnuppe. Die Realfilmwelle, die in den vergangenen Jahren über das „Dschungelbuch“, über „Cinderella“, „Dornröschen“ und andere schwappte, lässt sich als gigantisches Projekt verstehen, einen verschütteten Markenkern wieder ans Licht zu heben. Damals, wann immer und ob überhaupt das auch war, waren Disney-Filme von Hand gezeichnet, Tiere begannen grundlos zu singen, und am Ende siegte immer die Liebe, wogegen auch die Ideologiekritik wenig ausrichten konnte.

Tote Mütter, grausame Väter

Heute rasen im Namen der Firma Zombiepiraten über die Weltmeere, und Starkiller-Basen schießen ganze Planeten kaputt, während die Berauschten wie die Kritischen längst den Überblick über die Verflechtungen der globalisierten Unterhaltungsindustrie verloren haben. Gleichzeitig umweht die ganze forcierte Pracht dieser neuen Adaptionen der heimliche, aber erkennbare Wunsch, so etwas wie definitive Versionen ihrer Stoffe zu erschaffen. Das französische Märchen um die Holde und das Monstrum wurde Mitte des 18. Jahrhunderts von Gabrielle-Suzanne Barbot de Villeneuve erstmals niedergeschrieben, Cinephile erinnern sich garantiert an Jean Cocteaus Film von 1946, während Bill Condons Fassung sich als offizielles Remake relativ streng an das hauseigene Zeichentrick-Musical von 1991 hält.

Drei neue, eher introspektive Nummern hat Alan Menken zu seinen eigenen Stücken hinzukomponiert, die Ensemblesongs erklingen nun satter, vielstimmiger und druckvoller, etwa in „Unsere Stadt“, einem Streifzug Belles durch ihr Heimatdorf. Von toten Müttern und der entweder grausamen oder zärtlichen Macht der Väter, die aus dem emotionalen Vakuum entsteht, ist in Condons Film die Rede und von der Pest und einem vor nicht allzu langer Zeit beendeten Krieg. Das Ensemble ist ethnisch vielfältiger geworden, und die Homosexualität einer Nebenfigur hat dem Film in Russland eine arg strenge Freigabe erst ab 16 Jahren beschert.

© Laurie Sparham/Disney, Disney Kinotrailer: „Die Schöne und das Biest“

Der Rest? „A tale as old as time“, wie Celine Dion und Peabo Bryson damals schon sangen: Im Körper des Biestes versteckt sich ein verfluchter Mensch, den nur die Liebe erlösen kann. Maurice verirrt sich in das Schloss der Bestie und wird gefangen genommen, Belle bietet sich im Austausch für ihn an, und während der tumbe und von Belle zurückgewiesene Muskelprotz Gaston die kaum weniger tumben Dörfler aufwiegelt, versuchen die ihrerseits verwunschenen Hausgegenstände im Schloss sich als Kuppler. Die Kamera des gebürtigen Baden-Badeners Tobias Schliessler schwebt durch und um die singenden und tanzenden Gruppen von Menschen oder Dingen; Formen und Farben ziehen in beeindruckender Plastizität an ihr vorbei, und mehr als einmal rast sie aus der Weite des offenen Himmels in die Intimität eines Turmzimmers oder zurück – eine Bewegung, die vor mehr als zehn Jahren allerdings schon Peter Jacksons „Herr der Ringe“-Trilogie in ihr Spektakelkonzept integriert hatte.

Was die Animation zum Leben erweckt

Zwischen dem ganz Großen und dem heimeligen Kleinen zu alternieren ist ohnehin seit je Konzept und Dialektik des amerikanischen Blockbusters, der stets die Ehrfurcht ob seiner Schauwerte mehr oder weniger gelungen an das Gefühl der Einzelnen zu binden sucht. Im Zeitalter der digitalen Effekte, von denen Condon selbstverständlich eine Unmenge aufbietet, kann dieses Kleine aber auch eine Textur sein, eine Oberfläche. Das Phantastische real zu machen, eine endgültige Fassung einer Geschichte zu schaffen, heißt auch, dem immer kritischer prüfenden Blick standzuhalten.

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Ausgerechnet das Biest selbst, unter dessen zerzaustem Computerfell der britische Darsteller Dan Stevens sich ins Plakative flüchtet, verschwimmt unter diesem Blick. Und wo Emma Watson, die Schöne, auch nicht über die Typisierung ihrer Kindfrauenhaftigkeit hinauskommt, treten eben die Dinge an ihre Stelle. Die scheinbar bis in die letzten Blütenfasern gestalteten floralen Ornamente an Geländern und Wänden etwa oder die tausendfach verschnörkelten Reliefs überall am Schloss. Lumière, dem lebenden Kerzenhalter, flattern die Falten seines winzigen Bronzemantels um die Hüften, während im mechanischen Körper des Herrn von Unruh die fragilsten Räder eines Uhrwerks nur scheinbar chaotisch ineinandergreifen und feinste Maserungen das Porzellangesicht von Teekanne Madame Pottine verzieren. Es mag helfen, dass sie von Ewan McGregor, Ian McKellen und Emma Thompson gesprochen werden, doch selten verdient die Animation ihren ursprünglichen Wortsinn so wie hier: Das Leblose erweckt sie zum Leben.

45323126 © Disney Vergrößern Wer ist hier wohl am meisten wert? Der Schönling mit dem schönsten Schwert! Gaston (Luke Evans) trumpft auf.

Grauenhaft nah an diesem ambivalenten Versprechen liegt jedoch seine Umkehrung. Wird der Fluch nicht gebrochen, so verlieren die Dinge ihre Seelen. Die Bewegungen werden ganz plötzlich knarzig und frieren ein, letzte Grüße entbieten gelähmte Münder, die Gesichter verschwinden von den Oberflächen. Was der Code erschaffen hat, kann er im Zahlenumdrehen wieder zerstören. Es ist kein Tod, sondern ein Verschwinden, das sich da zeigt, eine Auslöschung, die tiefer packt als jedes orchestral melodramatisierte Dahinscheiden. Zugegeben, so wie die Helden Hollywoods erwachen hier auch die Gegenstände in letzter Sekunde wieder und schütteln sich den Schrecken aus ihren plötzlich menschlichen Gliedern. Aber eine Drohung steht von nun an in den digitalen Räumen der neuen Weltenbauer, die weder weggetanzt noch weggesungen werden kann.

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