http://www.faz.net/-gqz-8wak2

Wie das Filmerbe sichern? : Das Kino passt auf keine Festplatte

  • -Aktualisiert am

Erst im Kino wurde aus Film ein Film: In der Diskussion um unser Filmerbe ist das bisher untergegangen. Bild: Evelyn Rois & Bruno Stubenrauch

Wenn in Deutschland über die Rettung des Filmerbes diskutiert wird, geht es um Digitalisierung und um die Frage, welche Filme den Aufwand wert seien. Doch das ist der falsche Ansatz. Film ist nicht nur Inhalt und Material, sondern auch eine Kulturtechnik.

          Erfreulicherweise gewinnt die Debatte rund um das „sichtbare Gedächtnis unserer Nation“ (so Kulturstaatsministerin Monika Grütters über das Medium Film) derzeit selbst eine Sichtbarkeit, die sie in Deutschland bisher nie hatte. Weniger erfreulich ist die Art und Weise, wie die Bewahrung dieses Gedächtnisses vielfach öffentlich und politisch diskutiert beziehungsweise beworben wird – nämlich stark verkürzt und mittels irreführender Bilder und Begriffe.

          Dies gilt für die Vertreter der Filmarchive und Kinematheken, die sich in ihrem Streben nach besserer Dotierung meist nur jener Sprachregelungen bedienen, die der Medienmarkt durchgesetzt hat. Und es gilt selbst für versierte, filmkulturell engagierte Kommentatoren, die Gefahr laufen, sich an einer international schon abgehakten Nebenfront zu verzetteln, wenn sie „besonders wertvolle“ Gebiete und Inhalte des deutschen Filmerbes gegeneinander in Stellung bringen (wie zuletzt in dieser Zeitung der Historiker Dirk Alt am 8. Dezember 2016 und der Filmwissenschaftler Klaus Kreimeier am 9. Januar). Vor lauter Hoffnung, dass sich die Bundesregierung nun zwar verspätet, aber doch irgendwie zu einer Finanzierung der Filmerbe-Bewahrung bekennen könnte, gehen prominente Akteure verschämt über das eigentliche Problem hinweg: dass die derzeit geprobte Form der Filmüberlieferung in Deutschland ein noch viel prominenteres Opfer in Kauf nimmt – den Film selbst.

          Die zwei wichtigsten Verkürzungen, Missverständnisse, Irrtümer sind diese: Die Überlieferung des Films sei gleichbedeutend mit seiner Digitalisierung, oder gar: Digitalisierung sei eine adäquate Form der Bewahrung. Der zweite Irrtum: Der Film sei ein „Text“, abstrakter „Content“, oder auch, polar entgegengesetzt: eine Art skulpturales „Originalobjekt“ oder „Originaldokument“, das friedlich zusammengerollt in einer Dose liegt.

          Auch die „Dinge“ des Films müssen überliefert werden

          Um beim zweiten Komplex zu beginnen: Das „Axiom des Originalerhalts“, wie es der deutsche Kinematheksverbund stets betont, wäre voll und ganz zu unterschreiben. Aber was ist beim Film das „Original“, das es zu erhalten gilt? Film kann nicht einfach im Modus der Konservierung von Objekten oder Dokumenten überliefert werden. Der Filmstreifen allein, als Objekt in der Hand oder in der Dose, gibt den Film nicht her, zumindest dann nicht, wenn man seine geschichtliche und ästhetische Rolle auch nur ansatzweise erklären will. Der historische Charakter des Mediums wird erst begreiflich, wenn man darin nicht primär ein „Ding“ sieht, sondern ein Aufführungsereignis, das maschinell hervorgebracht wird und zeitlich bestimmt ist. Vor dem Beginn und nach dem Ende dieses Ereignisses ist kein Film, es sei denn ein anderer, mit demselben Ereignischarakter.

          Es war nicht die Praxis „Filmstreifen-in-der-Hand-gegen-das-Licht-halten“, sondern die Projektion, die Aufführung, die der Kulturtechnik Film ihre globale Bedeutung und ihren Platz unter den Künsten verlieh – von der neuartigen Varieté-Nummer bis zur Filmpropaganda, vom Home Movie bis Hollywood, vom europäischen „Kunstfilm“ als Pendant der modernen Literatur bis zum Film als bildender Kunst. Ein täuschend lebensnahes oder auch ganz artifizielles, in Farbe und Rhythmus aufgelöstes Geschehen aus Licht und Bewegung, dessen „Originalerhalt“ ganz schlicht von seiner fortgesetzten Zugänglichkeit als projizierter Film abhängt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Sorge um Iran-Atomabkommen : „Große Konflikte und Gefahren“

          Weil die Amerikaner als einzige nicht zufrieden sind, könnte das Iran-Abkommen „zerstört“ werden, warnt Außenminister Sigmar Gabriel. Angesichts der Atomkrise mit Nordkorea brauche man keine weitere, hieß es nach einer Sechserrunde in New York.
          Janet Yellen ist die Chefin der amerikanischen Notenbank Federal Reserve

          Historische Wende : Fed dreht den Geldhahn langsam zu

          Die Federal Reserve gibt den Einstieg in den Austieg bekannt. Die Stimulierung der Märkte soll nach und nach zurückgefahren werden. Es geht um Anleihen im Wert von knapp 4,5 Billionen Dollar.
          Sprachkenntnisse lassen sich im Aus- oder im Inland erwerben. Was ist sinnvoller?

          Nachzug von Ehepartnern : Viele scheitern am Deutschtest im Ausland

          Viele Ausländer, die zu ihrem Ehepartner nach Deutschland ziehen wollen, müssen Deutschkenntnisse nachweisen – und zwar schon vor der Einreise. Kritiker finden das unsinnig. Für Flüchtlinge gilt die Regel ohnehin nicht.
          Abu Walaa, der als einer der einflussreichsten Prediger der deutschen Salafisten-Szene galt, auf einem Video-Screenshot.

          Terror-Prozess in Celle : Wichtiger Zeuge kann wohl nicht aussagen

          Beim Verfahren gegen eine mutmaßliche Führungsfigur des „Islamischen Staats“ in Deutschland wird ein Zeuge offenbar fehlen: Für einen V-Mann, der Abu Walaa und die Salafistenszene ausspioniert hatte, soll eine Aussage zu gefährlich sein.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.