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Diskussion um „Antichrist“ : Ja, ich hasse die Frauen

Man spürt nur Mitleidlosigkeit: Charlotte Gainsbourg in „Antichrist” Bild: ddp

In Cannes gab es nach der Vorführung von Lars von Triers Film „Antichrist“ Proteste, in Toronto blieb alles ruhig. Beim deutschen Filmstart hielt die Mehrzahl der Kritiker das Werk für eine Provokation, einen Beweis für die Kraft des Kinos. Doch bleiben viele Fragen an den Film offen. Verena Lueken stellt sie.

          Zwei Monate lang hätten die Bilder dieses Films ihn verfolgt, erzählte der Programmverantwortliche Steve Gravestock vor der nordamerikanischen Premiere von „Antichrist“ beim Festival in Toronto. Er warnte das Publikum, gleich werde es etwas sehen, was es in dieser Form noch nie zuvor zu Gesicht bekommen habe. Ein Meilenstein, so fügte er hinzu, gesetzt von seinem Lieblingsregisseur, einem der ganz großen Meister des Kinos, von Lars von Trier.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Das Publikum dankte ihm diese Worte, die es als Versprechen verstehen sollte, mit brausendem Beifall. Und auch während der Filmvorführung tat es alles wie vorgesehen – es schrie auf, als die Frau mit einem Holzscheit dem Mann die Genitalien zertrümmerte, es stöhnte mit, als der Mann mit einem in der Wade verankerten Schleifstein versuchte, in einem Fuchsbau Sicherheit zu finden, es quiekte erschrocken, als dort unten ein verletzter Rabe zu kreischen begann, und es murrte, als der Mann zu einem Stein griff und immer wieder auf den Kopf des heftig flatternden Vogels einschlug; es rief „Oh, no!“, als die Frau zur Schere griff, um sich die Klitoris abzuschneiden, und atmete hörbar auf, als schließlich der Scheiterhaufen brannte. Alles lief wie geplant, jeder Schock tat seine Wirkung, und als es vorbei war, taumelte eine erschöpfte Menge dem Ausgang zu.

          Fragen, auf die wir nicht gewartet haben

          In Cannes gab es Proteste, in Toronto nicht, beim deutschen Filmstart lag die Mehrheitsmeinung der Kritik auf der Linie von Gravestock – „Antichrist“ sei das Kunstwerk eines radikalen Filmemachers, eine Provokation, ein Beweis für die Kraft des Kinos als transformierender Kunst.

          Stellvertreter bei der Filmvorführung in Toronto: Willem Dafoe

          Für mich war die Schockwirkung beim zweiten Sehen unvermindert und die Frage dieselbe wie im Mai in Cannes: Warum muss ich das aushalten? Die Mittel von Triers, mich in diesen Zustand zu versetzen, sind ja eher plump, der Gewinn, nun endlich eine Kliterosektomie von nahem an einem lebensechten Modell (statt wie in Michael Hanekes „Klavierspielerin“ von nicht ganz so nah) zu erleben, ist nicht auszumachen, und die Fragen, die etwa Daniel Kehlmann beim Komponieren seiner Hymne auf den Film für die „Zeit“ umtrieben – „was, wenn die Hexenverbrennungen berechtigt waren? Wenn es den Teufel gibt und wenn böse Frauen existieren, die mit ihm im Bunde sind?“ –, auch nicht gerade die, auf deren Beantwortung ich immer schon gewartet hätte.

          Lebensfeindliche Sündenmythologie

          Was, wenn das Ganze viel einfacher wäre? Wenn „Antichrist“ tatsächlich eine aus archaischer Männerangst geborene Zerstörungsphantasie ist, an deren Ende der Mann mit Schrecken erkennt, dass eine böse tote Frau unzählige lebendige Schwestern hat? Was bleibt, wenn wir das Gerede von Provokation und Radikalität beiseitelassen und ein paar ganz klare Fragen stellen? Zum Beispiel die, ob mit Lars von Triers privaten Dämonen, die sich mit den Phantomen einer überkommenen, lebens- und frauenfeindlichen christlichen Sündenmythologie verbrüdern, heute noch Kunst zu machen ist?

          Wir halten viel aus im Kino, etwa um zu sehen, wie Menschen sich in Situationen entscheiden, in die wir hoffentlich nie kommen werden, deren moralischer Kern uns aber nicht fremd ist; um zu sehen, was Menschen, die in die Welt ziehen, widerfährt und wer sie sind, wenn sie nach Hause zurückkehren; was sie empfinden angesichts von Verlusten, die für uns unvorstellbar sind, und ob und wie sie ins Leben zurückfinden. Wir halten viel aus, um mit unseren Ängsten oder auch mit unseren niederen Instinkten konfrontiert zu werden, und wir können uns nicht beklagen, wenn wir bekommen, wonach wir verlangt haben. Wir wissen ja, wenn wir uns zum Beispiel eine Kinokarte für „Die Nacht der lebenden Toten“ kaufen, worauf wir uns einlassen. Auf den Filmen von Lars von Trier aber steht „Kunst“ und darüber „eigenwilliger Regisseur“, und was er im „Antichrist“ tut, hat mit all dem, was wir im Kino aushalten, weil wir uns dafür entscheiden, nichts zu tun.

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