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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Diplom-DJ Heute haben wir Plattenspielerkunde

 ·  Für die Generation Elektro bietet Frankreich einen weltweit einmaligen Kurs an - einen staatlichen Ausbildungsgang für DJs. Aber der Weg bis an die Plattenteller ist auch für Diplomierte hart.

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Ob sie das mit Absicht gemacht haben, dieses Wellblech-Haus mitten in Lyon ohne Klimaanlage zu bauen? Denkbar wäre es. Immerhin ist in diesen containerartigen Bau an der Rue Toulon die einzige Schule Frankreichs eingezogen, die DJs ausbildet, und weil DJs nun einmal von Natur aus in Räumlichkeiten arbeiten, in denen die Temperaturen hoch und die Kleider meist spärlich sind, herrschen für die Schüler in dieser Einrichtung wirklich hervorragende Voraussetzungen. Der größte Saal ihrer Schule ist ein mit schwarzer Farbe gestrichener fensterloser Raum mit einer Bühne, auf der ein riesiges DJ-Pult steht, mit Scheinwerfern, Stroboskoplampen und einer Diskokugel an der Decke. Draußen zeigt das Thermometer dreiunddreißig Grad Celsius im Schatten an, drinnen kann es maximal ein Grad kühler sein.

Achtzehn Schüler im Alter von achtzehn bis fünfundzwanzig Jahren, darunter nur zwei Frauen, sitzen hier an ihren Bänken; sie gehen seit drei Monaten in eine Klasse. Die Voraussetzungen sind bei allen gleich: Jeder von ihnen arbeitet bereits als DJ in einer Disco irgendwo in Frankreich, in Nizza, Marseille, Montpellier, Sable d'Olonne, in Tours, in Clermant-Ferrant oder dem achtzehntausend Einwohner zählenden Romorantin im Niemandsland der Region Centre. An den Wochenenden setzen sie ihre Heim-Discos unter Strom, an den Wochentagen aber lernen sie in Lyon, wie sie das in Zukunft noch besser machen können. Ihr Studiengang nennt sich „Animation musicale et scénique“, er dauert knapp zwei Jahre. Nach bestandener Abschlussprüfung gibt es ein staatlich anerkanntes Diplom. So etwas gibt es nur in Frankreich.

DJs sind Animateure, die „Leben einhauchen“

Der Lehrer, der „Master of Ceremony“ dieser Schule, heißt Patrick Arnissolle. Er ist Mitte vierzig, Anfang der neunziger Jahre ist er drei Mal zum besten DJ Frankreichs gewählt worden. Er hat schon überall im Land aufgelegt, er war Radiomoderator und Unternehmensberater. Und dann, Anfang 2001, hat er zusammen mit ein paar Freunden diese Schule aufgebaut. Patrick Arnissolle ist ein guter Lehrer, er kann die Schwächen seiner Schüler sofort in Worte fassen, er kann nach einer Sekunde sagen, warum beispielsweise ein Übergang gut war oder nicht. Er sagt: „Als Erstes muss ich wissen, wer sie sind.“

DJ-Sein, so wie er es begreift, hat in erster Linie etwas mit Kommunikation zu tun. Für ihn sind DJs nicht nur Leute, die Platten auflegen, sondern Animateure, deren Aufgabe es ist, einem Publikum „Leben einzuhauchen“. Dass man die Aufgaben eines DJs in Lyon auf diese Weise definiert, hat etwas mit der Entstehungsgeschichte der Schule zu tun. Sie gehört zur „Union nationale des Centres sportifs de Plein Air“ (UCPA), einer 1965 gegründeten, aus staatlichen Mitteln finanzierten Einrichtung, die Ferien für Jugendliche anbietet. Die UCPA unterhält allein in Frankreich mehr als hundertzwanzig Ferienheime, in den Bergen, am Meer und auf dem Land. Tausende Kinder haben dort ihren Urlaub verbracht, und weil es so viele waren und die UCPA immer beliebter wurde, war bald klar, dass man mehr geschultes Personal benötigen würde, das die Kinder betreuen und eben auch unterhalten kann. So entstand erst in Valbonne unweit von Nizza eine Schule, die Animateure mit dem Schwerpunkt Sport ausbildet. Dann wurde eine zweite Schule in Lyon gegründet, die sich der Musik widmet. Und weil heute eine „Generation Elektro“ heranwächst, wie Patrick Arnissolle sie nennt, konzentriert sich diese Schule auf DJs.

Der Unterrichtsplan sieht deshalb natürlich Stunden vor, die sich der Funktionsweise eines Plattenspielers widmen oder der Frage, wie man das Licht in Einklang mit der Musik bringt. Und natürlich müssen die Schüler lernen, was eine gute Playlist ist, wie ein guter Übergang funktioniert, wie man Hiphop in R'n'B, Techno in House, Lady Gaga in Modern Talking mixt. Was ist überhaupt gute Musik? Und eben auch: Wie präsentiert man sich vor einem großen Publikum?

Anmoderation vor großem Publikum

Wenn man DJs als Animateure begreift, wie es in Lyon geschieht, dann müssen sie eben nicht nur ein Gespür dafür haben, was die Menschen auf der Tanzfläche gerade hören wollen. Sie müssen auch wissen, wie man das Publikum mit anderen, zusätzlichen Mitteln als der Musik in Bewegung versetzt, mit Gesten, mit einem bestimmten Habitus, mit einer guten Moderation. Für all jene aber, denen die Gaben eines Entertainers nicht in die Wiege gelegt worden sind, hat diese Art von DJ-Sein immer auch etwas mit Schauspielerei zu tun. Viel mehr als bei anderen Berufen wird der DJ auf diese Weise zu einer Rolle, in die man schlüpft. Und viel mehr als bei anderen Berufen wird sofort sichtbar, wer sie beherrscht und wer nicht.

Stellt sich die Frage: Kann man überhaupt lernen, anderen Menschen Spaß zu bereiten? Dafür zu sorgen, dass andere einen guten Abend verbringen? Patrick Arnissolle glaubt daran. Er muss das natürlich glauben, andernfalls wäre seine Schule überflüssig. Und doch wird in der Stunde, die er an diesem Nachmittag gibt - das Thema lautet: Anmoderation vor großem Publikum -, deutlich, dass es so einfach nicht ist. Zehn Minuten haben die Schüler Zeit, um sich zu überlegen, wie sie einen fiktiven Abend anmoderieren wollen. Reihum müssen sie sich dann vor die Klasse stellen und einen zwei Minuten dauernden Monolog ins Mikrofon sprechen, der die Mitschüler wenn's geht bitte von den Hockern reißen soll.

Wie schwierig das ist, zeigt sich bei ausnahmslos jedem: Einer braucht viel zu lange, bevor er überhaupt anfängt zu sprechen, ein anderer kommt über drei zusammenhängende Worte nicht hinaus, ein dritter leiert einen auswendig gelernten Text herunter, einem vierten zittert das Blatt derart in der Hand, dass es kaum mitanzusehen ist. Einem einzigen gelingt es, der Gruppe am Ende johlenden Applaus zu entlocken, und das auch nur, weil der junge Mann auf der Bühne mit einer Konsequenz das HB-Männchen gibt, die einfach eindrucksvoll ist - leider ist sie aber auch vollkommen daneben. Es ist traurig, doch einen Abend, der mit einer der hier vorgetragenen Moderationen beginnen würde, hätte man umgehend verlassen. Fremdschämen geht bei RTL nicht besser.

Man muss die Feinheiten kennen und beherrschen

Als MCs (Master of Ceremony) würden einige der jungen Studenten sicher durchgehen, aber es gibt Unterschiede zwischen einem MC, einem DJ und einem Moderator. Und wer am Ende dieses Studiengangs sein Diplom haben will, muss diese Feinheiten kennen und beherrschen. Die Rechnung dahinter ist einfach: Wer mehr kann, als nur Musik zu spielen, hat größere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Und dennoch ist schwer vorstellbar, wie das funktionieren soll: Stellt man sich mit seinem Zeugnis in der Hand, sagen wir, bei André Saraiva, dem König des Pariser Nachtlebens, vor und sagt: „Ich bin diplomierter DJ und möchte gerne im ,Régine' auflegen“? Patrick Arnissolle winkt ab: Kommunikation bedeute für ihn auch, Kontakte aufzubauen, ohne die im Leben allgemein und in dem eines DJs sowieso gar nichts gehe.

Die Clubs aus Lyon allerdings stehen der Schule eher skeptisch gegenüber. Nur ein Schüler des neuen Jahrgangs arbeitet in der Stadt, und das auch nur, wie er selbst zugibt, weil er hier aufgewachsen ist und die Szene kennt. Nach bekannten Größen der internationalen DJ-Szene, die in Lyon ausgebildet wurden, muss man ebenfalls lange suchen. Einer, Yoann Rousseau, der sich DJ Fly nennt, ist im Jahr 2008 zum Weltmeister der DJs gekürt worden, ein anderer hat es immerhin zum Résident-DJ im New Yorker Club „Pacha“ gebracht. Die meisten aber haben sich über ganz Frankreich verteilt und versuchen, im Kleinen das Land zu bespaßen.

Für den Fall allerdings, dass auch daraus nichts wird, können die Schüler zumindest sicher sein, dass ihre Zeit an der „Ecole des DJ“ in Lyon eine gute sein wird. Als Hausaufgabe über die Sommerferien müssen sie beispielsweise eine Playlist für einen ganz normalen Disco-Abend zwischen Mitternacht und drei Uhr erstellen. Die Musik muss auf CD gebrannt und dem Lehrer zum Unterrichtsbeginn auf den Tisch gelegt werden. Hand aufs Herz: Es gibt Schlimmeres.

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Jahrgang 1979, Redakteurin im Feuilleton.

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