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Diplom-DJ : Heute haben wir Plattenspielerkunde

Wenn man DJs als Animateure begreift, wie es in Lyon geschieht, dann müssen sie eben nicht nur ein Gespür dafür haben, was die Menschen auf der Tanzfläche gerade hören wollen. Sie müssen auch wissen, wie man das Publikum mit anderen, zusätzlichen Mitteln als der Musik in Bewegung versetzt, mit Gesten, mit einem bestimmten Habitus, mit einer guten Moderation. Für all jene aber, denen die Gaben eines Entertainers nicht in die Wiege gelegt worden sind, hat diese Art von DJ-Sein immer auch etwas mit Schauspielerei zu tun. Viel mehr als bei anderen Berufen wird der DJ auf diese Weise zu einer Rolle, in die man schlüpft. Und viel mehr als bei anderen Berufen wird sofort sichtbar, wer sie beherrscht und wer nicht.

Stellt sich die Frage: Kann man überhaupt lernen, anderen Menschen Spaß zu bereiten? Dafür zu sorgen, dass andere einen guten Abend verbringen? Patrick Arnissolle glaubt daran. Er muss das natürlich glauben, andernfalls wäre seine Schule überflüssig. Und doch wird in der Stunde, die er an diesem Nachmittag gibt - das Thema lautet: Anmoderation vor großem Publikum -, deutlich, dass es so einfach nicht ist. Zehn Minuten haben die Schüler Zeit, um sich zu überlegen, wie sie einen fiktiven Abend anmoderieren wollen. Reihum müssen sie sich dann vor die Klasse stellen und einen zwei Minuten dauernden Monolog ins Mikrofon sprechen, der die Mitschüler wenn's geht bitte von den Hockern reißen soll.

Wie schwierig das ist, zeigt sich bei ausnahmslos jedem: Einer braucht viel zu lange, bevor er überhaupt anfängt zu sprechen, ein anderer kommt über drei zusammenhängende Worte nicht hinaus, ein dritter leiert einen auswendig gelernten Text herunter, einem vierten zittert das Blatt derart in der Hand, dass es kaum mitanzusehen ist. Einem einzigen gelingt es, der Gruppe am Ende johlenden Applaus zu entlocken, und das auch nur, weil der junge Mann auf der Bühne mit einer Konsequenz das HB-Männchen gibt, die einfach eindrucksvoll ist - leider ist sie aber auch vollkommen daneben. Es ist traurig, doch einen Abend, der mit einer der hier vorgetragenen Moderationen beginnen würde, hätte man umgehend verlassen. Fremdschämen geht bei RTL nicht besser.

Man muss die Feinheiten kennen und beherrschen

Als MCs (Master of Ceremony) würden einige der jungen Studenten sicher durchgehen, aber es gibt Unterschiede zwischen einem MC, einem DJ und einem Moderator. Und wer am Ende dieses Studiengangs sein Diplom haben will, muss diese Feinheiten kennen und beherrschen. Die Rechnung dahinter ist einfach: Wer mehr kann, als nur Musik zu spielen, hat größere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Und dennoch ist schwer vorstellbar, wie das funktionieren soll: Stellt man sich mit seinem Zeugnis in der Hand, sagen wir, bei André Saraiva, dem König des Pariser Nachtlebens, vor und sagt: „Ich bin diplomierter DJ und möchte gerne im ,Régine' auflegen“? Patrick Arnissolle winkt ab: Kommunikation bedeute für ihn auch, Kontakte aufzubauen, ohne die im Leben allgemein und in dem eines DJs sowieso gar nichts gehe.

Die Clubs aus Lyon allerdings stehen der Schule eher skeptisch gegenüber. Nur ein Schüler des neuen Jahrgangs arbeitet in der Stadt, und das auch nur, wie er selbst zugibt, weil er hier aufgewachsen ist und die Szene kennt. Nach bekannten Größen der internationalen DJ-Szene, die in Lyon ausgebildet wurden, muss man ebenfalls lange suchen. Einer, Yoann Rousseau, der sich DJ Fly nennt, ist im Jahr 2008 zum Weltmeister der DJs gekürt worden, ein anderer hat es immerhin zum Résident-DJ im New Yorker Club „Pacha“ gebracht. Die meisten aber haben sich über ganz Frankreich verteilt und versuchen, im Kleinen das Land zu bespaßen.

Für den Fall allerdings, dass auch daraus nichts wird, können die Schüler zumindest sicher sein, dass ihre Zeit an der „Ecole des DJ“ in Lyon eine gute sein wird. Als Hausaufgabe über die Sommerferien müssen sie beispielsweise eine Playlist für einen ganz normalen Disco-Abend zwischen Mitternacht und drei Uhr erstellen. Die Musik muss auf CD gebrannt und dem Lehrer zum Unterrichtsbeginn auf den Tisch gelegt werden. Hand aufs Herz: Es gibt Schlimmeres.

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