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Veröffentlicht: 12.07.2017, 21:47 Uhr

Kulturerbe-Digitalisierung Kino geht auch ohne Film

Das deutsche Filmerbe vor dem Verfall zu retten ist eine Jahrhundertaufgabe. Was kann die Digitalisierungsinitiative dabei leisten? Und warum steht sie in der Kritik? Ein Gastbeitrag.

von Rainer Rother
© Wolfgang Eilmes Kostbare Filmkassette: Fritz Langs Meisterwerk Metropolis

Es ist etwas Seltsames um die Diskussion über den Umgang mit dem deutschen Filmerbe. Geführt wird sie in der F.A.Z, auf Podien in Berlin, Frankfurt, Düsseldorf und anderswo – und weist einen zwiespältigen Grundtenor auf. Einerseits könnte man angesichts der notorisch ungenügenden Ausstattung der Institutionen, denen die Pflege des Filmerbes anvertraut ist, eine gewisse Genugtuung darüber spüren, dass es zu dieser Debatte überhaupt gekommen ist. Andererseits zeigt sich eine bedauerliche Unschärfe der Argumentation. So beziehen sich Dirk Alt und Alexander Horwath in ihren Beiträgen auf den Vorschlag für ein Digitalisierungsprogramm analoger Filme. Dieses repräsentiert aber nicht, wie unterstellt, „die“ Strategie „der“ Filmerbeinstitutionen. Er soll vielmehr einer spezifischen Aufgabe gerecht werden.

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Daher zunächst: Was soll die sogenannte Digitalisierungsinitiative leisten, was kann von ihr erwartet werden? Es handelt sich um ein noch immer nicht gesichertes Programm, das dringend realisiert werden müsste. Seine Zielsetzung ist es, ganz allgemein gesprochen, die Zugänglichkeit des analog produzierten Films auch in der mittlerweile fast vollständig digital aufgestellten Filmlandschaft zu gewährleisten. Es geht darum, analogen Film in einer Qualität zu digitalisieren, die seine Distribution in allen Auswertungswegen einschließlich des Kinos erlaubt.

Hohe Kosten der Digitalisierung

PricewaterhouseCoopers, beauftragt von der Filmförderungsanstalt (FFA), erstellte dazu eine „Kostenabschätzung“, deren Ergebnis nicht grundsätzlich in Frage gestellt worden ist. Danach wäre für die Digitalisierung der in den großen öffentlichen Archiven bereits bewahrten Titel eine Summe von etwa 450 Millionen Euro zu veranschlagen. In einem ersten Schritt solle ein über zehn Jahre laufendes Programm aufgelegt werden, in dem pro Jahr jeweils 10 Millionen Euro zur Verfügung stünden. Der Sinn der Initiative: mit der Digitalisierung endlich zu beginnen, um analoge Filme unter gewandelten technologischen Verhältnissen sichtbar zu halten.

Die große, im internationalen Vergleich singuläre Qualität dieser Konzeption ist es, Festlegungen auf bestimmte Formen oder Genres auszuschließen. Das Programm ruht auf drei Säulen: Filme mit kommerzieller Auswertungsperspektive sollen von Produzenten und Lizenzinhabern digitalisiert werden können – und zwar sicherlich wie bisher vorrangig in der Verantwortung der FFA. Daneben sollen Werke, deren physischer Erhalt gefährdet ist, ebenso digitalisiert werden wie filmhistorisch, kulturell oder zeithistorisch bedeutende Filme. Die konservatorischen und kuratorischen Entscheidungen werden gewiss von einer unabhängigen Jury zu treffen sein. Bei dem Vorschlag zu dem mit jährlich 10 Millionen Euro zu fördernden Programm handelt es sich also nicht um „die“ Strategie zum Filmerbe schlechthin. Im Gegenteil: Dass es sich selbst in der Frage der Digitalisierung nur um einen ersten Schritt handele, dass dieser die Bewahrung der Ausgangsmaterialien weder obsolet macht noch sie gar zu ersetzen vermöge, ist immer wieder betont worden, auch vom Verfasser dieser Zeilen, so zum Beispiel im zuständigen Ausschuss des Bundestages. Monika Grütters sprach zu Recht von einer Jahrhundertaufgabe.

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