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Neonazisatire „Heil“ : Ihnen fällt zu Hitler nichts ein

  • -Aktualisiert am

Der Schriftsteller Sebastian Klein (Jerry Hoffmann, Mi.) wird in „Heil“ zu Sven Stanislawskis (Benno Fürmann, li.) Marionette im Medientheater. Bild: dpa

Eine Filmsatire aus dem Stoff, aus dem der NSU gemacht ist – geht das? Dietrich Brüggemanns „Heil“ versucht es und rettet sich ins Getöse.

          Der beste – und schwärzeste – Witz in Dietrich Brüggemanns Satire „Heil“ kommt gleich zu Beginn: Drei schwarzweiße Fotografien, die gerade einmal einen Wimpernschlag lang zu sehen sind, erinnern an die Jahre des Nationalsozialismus. Leichenberge aus den Konzentrationslagern, eigentlich ein Bild, auf das man sich konzentrieren müsste, werden sofort wieder vom Schwarz verschluckt – und dann kommt auch schon das Insert, das daraus eine grimmige Pointe gewinnt: „Siebzig Jahre später“.

          Siebzig Jahre später ist Deutschland zwar mit Karacho in der Gegenwart angekommen, aber noch immer an das konstitutive Geschehen gekettet, das seine Identität bestimmt. Die Bundesrepublik ging aus dem Untergang des NS-Regimes hervor, dazwischen liegt ein schwarzes Loch, eine unüberbrückbare Zeitfalte, ein abgründiges Kontinuum, aus dem Brüggemann die Geister heraufbeschwört, die er auf die Wohlstandsnation von heute loslässt.

          Dümmer, als die Geheimpolizei erlaubt

          In „Heil“ gibt es niemanden, mit dem sich Vergangenheit bewältigen ließe. Ganz einfach deswegen, weil es den meisten Figuren an Grips mangelt, sich überhaupt einen Begriff von Vergangenheit zu machen. Zwar würde man die Gruppe rund um den zackigen Sven Stanislawski (Benno Fürmann) aus dem ostdeutschen Prittwitz vermutlich als neonazistisch bezeichnen müssen, was im Vergleich dazu aber paläo- oder origonazistisch war, davon haben sie nur einen sehr ungefähren Begriff: In der Morgenröte mit einem Panzer nach Polen fahren, das könnte hinkommen. Aber nicht einmal Feindbilder bekommen diese Milizionäre so richtig hin, bei denen ohnehin die privaten Motive überwiegen. Fast alle Rabauken sind in Doreen verknallt, eine lokale Faschobraut, die von Anna Brüggemann verkörpert wird, der Schwester des Regisseurs, mit der gemeinsam er noch kürzlich einen ganz anderen Film geschrieben hat: Das Drama „Kreuzweg“ lief im Wettbewerb der Berlinale und brachte ungefähr das Maß an Formwille und Konzentration auf, das in „Heil“ auf das Gegenteil verwandt wird – auf Exzess, Formlosigkeit, wucherndes Erzählen.

          Die meisten Unholde in „Heil“ sind dümmer, als die Geheimpolizei erlaubt, vor allem auch deswegen, weil es vor lauter V-Männern kaum einen richtigen Rechten zu geben scheint. Die Vorgesetzten der Männer vor Ort sitzen in Büros, in denen Fahnen des FC Bayern hängen und in denen computertechnisch erst ungefähr die erste Hälfte der 70 Jahre seit 1945 absolviert wurde. Der Verfassungsschutz wirkt so, als wäre er nicht einmal in der Lage, die Verfassung zu buchstabieren, geschweige denn zu verstehen. Und dann schaltet Brüggemann auch noch pünktlich, nämlich gleich zu Beginn, den einzigen Intellektuellen aus. Der afrodeutsche Autor Jerry Hoffmann, eine Figur aus dem Bilderbuch des liberalen Multikulturalismus, bekommt einen Schlag auf das Oberstübchen und wankt danach als Parolenzombie von einer Wortspende zur nächsten, gesteuert von dem Anti-Stanislawski Sven Stanislawski, der das große Rollentheater einer dauertalkenden Nation zu manipulieren versucht.

          Der Film sucht Rettung im Getöse

          Dass das alles „nur ein großes Medientheater“ ist, das fällt zwischendurch als eine jener „kritischen“ Stellungnahmen, die auch nichts anderes sind als Teil des nie versiegenden Geschwätzes. Sie trifft aber unversehens den Nerv von Brüggemanns Film. Denn Satire macht zwar, wenn sie gut gemacht ist und, wie in diesem Fall, mit Gusto vorgetragen wird, meist großen Spaß. Sie braucht aber so etwas wie einen Umschlag, um sich nicht irgendwann nur noch von der eigenen Witzigkeit zu ernähren. Man muss lachen, bis es weh tut, erst dann kommt man in die Nähe von Erkenntnis, in die Nähe einer Komödie, die an etwas rührt.

          Brüggemann sucht in „Heil“ nach diesem Punkt, und dies umso stärker, als er im richtigen Leben ja unübersehbar vor uns liegt: die NSU-Morde, die beschämende Arbeit der Ermittler, die Blamage auch der seriösen Medien, all das liegt „Heil“ zugrunde. Aber der Film erweist sich als letztlich taub dafür, und so rettet er sich buchstäblich ins Getöse. Mehr als hundert Figuren, zahllose Schauplätze, Idioten in allen gesellschaftlichen Bereichen und Schichten bietet Dietrich Brüggemann auf für seine Vision eines heillos dämlichen Deutschlands, das er auf diese Weise seiner vollständigen Harmlosigkeit versichert. So besiegelt er den großen Sprung. Siebzig Jahre später ist Deutschland abgenabelt und sich selbst das größte Gaudium. Nur die Schmerzgrenze, die spürt hier niemand mehr.

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