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Veröffentlicht: 10.03.2012, 18:01 Uhr

„Die vierte Macht“ im Kino Was will Baby Schimmerlos bloß in Moskau?

Terror gegen die Tschetschenen, Tanz auf dem Vulkan in Russlands Diskos - Dennis Gansels Film „Die vierte Macht“ behauptet: Alles fiktiv. Dabei lässt er zu viele wichtige Fragen offen.

von Bert Rebhandl
© dapd Gerät immer wieder hart an den Rand der Karikatur, wenn es um etwas Ernsthaftes geht: Moritz Bleibtreu spielt den Journalisten Paul Jensen

Die Partykolumne eines Moskauer Nachrichtenmagazins muss überarbeitet werden. Der Mann, der für mehr Glanz und Glamour sorgen soll, wird aus Deutschland eingeflogen: Paul Jensen (Moritz Bleibtreu) war einmal ein Hoffnungsträger des politischen Journalismus. Wie es scheint, hat er aber seine Ideale längst verloren und gibt sich nun mit den Detailfragen der Regenbogenpresse ab. In Moskau, der Stadt der pompösen Restaurants und willigen Frauen, ist er damit am richtigen Ort. Nachdem er aber in den ersten Minuten von Dennis Gansels Film „Die vierte Macht“ ein pompöses Restaurant besucht und eine willige Frau genossen hat, sieht er sich auf weitere Aspekte des russischen Lebens verwiesen: auf die Undurchsichtigkeit der politischen Lage und auf die Sicherheitsrisiken im täglichen Leben.

Zuerst wird er zum Augenzeugen eines brutalen Mords, dessen Opfer ein bedeutender politischer Journalist ist. Wenig später bittet ihn ein Mann vor einer U-Bahn-Station um Feuer, und nur diese kleine Verzögerung bringt es mit sich, dass er nicht zu den Opfern eines Sprengstoffanschlags gehört, den nach offizieller Sprachregelung tschetschenische Terroristen verübt haben. Die Frau mit dem schweren Rucksack, die allem Anschein nach die Bombe bei sich getragen hat, war erst kurz zuvor die Geliebte von Paul Jensen geworden. Und spätestens jetzt ist klar, dass die Überarbeitung der Partykolumne von „Moscow Match“ warten muss. Denn zuerst einmal muss die eigene Situation durchschaut werden, und das ist, nach Lage der Thriller-Dinge, die allgemeine Situation in einem Russland, das Dennis Gansel zu Beginn ausdrücklich als von „fiktiven“ Persönlichkeiten bevölkert ausweist. Gemeint ist aber eindeutig das Russland von Wladimir Putin, und dass der Film gerade jetzt herauskommt, wo dieser zum dritten Mal zum Präsidenten gewählt wurde, geschieht vermutlich mit Bedacht.

Kinostarts - "Die vierte Macht" © dpa Vergrößern Paul Jensen wird von Katja (Kasia Smutniak) auf eine Demonstration mitgenommen: Gansels Ambition, das ganze nachsowjetische Russland zu verarbeiten, geht zu Lasten der notwendigen Detailarbeit

Die vor allem juridisch relevante Einschränkung, die Gansel seinem Film vorausschickt, ist zugleich eine Verstärkung der Spannungsdimension. Denn das, was diesem Paul Jensen, der nicht Russisch spricht, in Moskau widerfährt, wird erst dadurch richtig bedrängend, dass es so eng mit den kolportierten Umständen in Russland zusammenhängt. Was durchschnittlich konzentrierte Mediennutzer in Deutschland vom großen östlichen Nachbarn und „strategischen“ beziehungsweise „Modernisierungspartner“ (Angela Merkel) wissen können, ist bei Gansel alles feinsäuberlich verarbeitet. Diese Grundierung im Faktischen stellt aber auch ein beträchtliches Problem für die Thrillerhandlung dar. Denn Gansel geht es um ein sehr großes Bild, in dem gewissermaßen das ganze nachsowjetische Russland verarbeitet ist, und diese Ambition geht zu Lasten der notwendigen Detailarbeit.

Am Sujet verhoben

Von Beginn an mangelt es dem Film „Die vierte Macht“ nicht so sehr an faktischer Plausibilität (denn dass in Moskau einfach so ein Wohnhochhaus in die Luft fliegen kann, das wissen wir aus den Nachrichten), sondern an der spezifischen Welthaftigkeit, die erst ein Faktum in der Erzählung zum Leben erweckt. In einem Formel-Thriller wie „Mission Impossible“ oder „Bourne“ kommt es darauf nicht an, denn dort ist das politische Ambiente nur Vorwand für die spektakulären Aktionen der Helden. Gansel, der mit Filmen wie „Napola“ oder „Die Welle“ schon einen sehr pragmatischen Umgang mit den Formeln des Kinos gezeigt hat, geht es aber offensichtlich um einen anderen Typus des Erzählens, der am ehesten bei den italienischen Polit-Thrillern der sechziger und siebziger Jahre ein Vorbild haben könnte. Doch fehlt es im Vergleich dazu der „Vierten Macht“ gerade an dem spezifischen Vermögen, eine Welt zu entwerfen, die auf originären Beobachtungen beruht, auf Gesten, Details, aus dem, was man sieht, wenn man hinter die Schlagzeilen blickt.

Gansels Russland aber besteht ausschließlich aus Versatzstücken. Und so hängt seine im Prinzip kluge Konstruktion schon nach wenigen Minuten durch. Paul Jensen ist nämlich der Sohn eines engagierten deutschen Kommunisten, der sein journalistisches Leben dem Kampf für Recht und Transparenz gewidmet hat. Die besondere Traditionslinie, die hier erkennbar wird, könnte aus diesem Paul Jensen eine hochinteressante Figur machen, doch in „Die vierte Macht“ ist davon nichts zu sehen. Das liegt sicher auch an Moritz Bleibtreu, dessen mutmaßliche Starqualität hier nicht zum ersten Mal ein wenig rätselhaft bleibt - es gibt wenige deutsche Schauspieler, die immer wieder so hart an den Rand der Karikatur geraten, wenn es um etwas Ernsthaftes geht.

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„Die vierte Macht“ verhebt sich an seinem Sujet, daran vermag auch die eindeutig zugespitzte Identifikationsperspektive nichts zu ändern. Was Paul Jensen in Moskau erlebt, lässt zu viele Fragen offen - und es sind dies nicht die Fragen, die Journalisten beantworten müssen, sondern die Fragen des Kinos.

Quelle: F.A.Z.

 

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