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Sachbücher des Jahres

Die Sprache der Elben Sag es auf Sindarin

Tolkien schuf seine Sprachen nicht für sein Erzählwerk, sondern umgekehrt. Aber darf man auch jenseits von Mittelerde damit hantieren? Ein Blick auf die Philologie des Elbischen.

© Archiv Vergrößern „Hymne an Elbereth“, im „Herrn der Ringe“ der längste Text in Sindarin: A Elbereth Gilthoniel / Silivren penna miriel / O menel aglar elenath / Na-chaered palan-díriel / O galadhremmin ennorath / Fanulios, le linnathon / Nef aear, sí nef aearon. /// O Elbereth, die du die Sterne entzündet hast / Kristallen neigt sich wie Edelstein/ Vom Firmament der Glanz der Sterne / In die Ferne habe ich geschaut von den waldumwobenen Ländern Mittelerdes / Du Ewig-Weiße, nun werde ich dir singen / Auf dieser Seite des Meeres, hier, auf dieser Seite des großen Meeres. /// Aus dem Sindarin von Ulf von Rauchhaupt.

Sie heißt Lucia. Die 21-jährige Italienerin studiert Deutsch und Russisch, auf ihrem Youtube-Kanal aber ist sie in einer anderen Sprache zu hören: „Átaremma i ëa han ëa, na aire esselya, aranielya na tuluva, na care indómelya, cemende tambe Erumande . . .“

Ulf von Rauchhaupt Folgen:    

Lucia spricht Quenya, eine Sprache, in der die Elben in J. R. R. Tolkiens Erzählwerk alte Lieder singen. Im Elben-Alltag dagegen spricht man Sindarin, in dem sich ebenfalls prima dichten lässt, wenn vielleicht nicht so vollendet wie in Quenya. Allerdings, jene Verse auf Lucias Kanal stehen nicht im „Herrn der Ringe“. Es ist das Vaterunser. „Ich freue mich auf den Tag“, schreibt Lucia dazu, „an dem Quenya oder Sindarin auf der ganzen Welt gesprochen wird.“

Crashkurs in  Elbisch 

Kann man so - oder überhaupt - für Idiome schwärmen, die nicht einmal tot sind, weil sie nie lebendig waren? Nun ist Vitalität bei Sprachen kein ganz klarer Begriff, außer vielleicht für Gegner des Lateinunterrichts. Lucia mag eine besonders romantische Elbenfreundin sein, allein ist sie damit nicht, und das nicht erst, seit Liv Tyler in Peter Jacksons „Herr der Ringe“- Verfilmung mit elektronisch tiefergelegter Stimme auf Sindarin parlierte. Die Elvish Linguistic Fellowship (E.L.F.) wurde 1988 gegründet und gibt gleich drei Fachjournale für Elbisch-Studien heraus. Daneben existieren viele Foren, Websites mit elbischer Lyrik und ausführlichen Sprachkursen samt Übungen. Das kann man für exzentrisch oder eskapistisch halten, doch dieses Nerdtum hat ein Vorbild: Tolkien selbst. Im Gegensatz zu anderen artistischen Kunstsprachen (siehe „Erfundene Idiome“) entsprangen Tolkiens Kreationen keinem literarischen Kalkül. Sie wurden nicht ersonnen, um Geschichten lebendiger zu machen - auch wenn sie genau diesen Effekt haben.

Tolkien schuf das Elbische nicht für Mittelerde, sondern Mittelerde für das Elbische. „Die ,Geschichten’ wurden eher gemacht, um den Sprachen eine Welt zu geben als umgekehrt“, schrieb Tolkien nach Erscheinen des „Herrn der Ringe“ im Jahr 1954. „Ich hätte es vorgezogen, auf Elbisch zu schreiben.“

Wie Tolkin die Mittelerde fand

Den 1937 erschienenen „Hobbit“ hatte er noch in rein erzählerischer Absicht geschrieben, um ihn seinen Kindern vorzulesen. Dabei hatte er zu diesem Zeitpunkt bereits eine Liste mit rund 600 Wortwurzeln angelegt, aus denen er Tausende von Wörtern zweier Sprachen ableitete, aus denen dann im „Herrn der Ringe“ Quenya und Sindarin wurden. Dem Spracheerfinden hatte Tolkien seit seiner Jugend gefrönt. Spätestens in seiner Militärzeit im Ersten Weltkrieg entstand das Elbische und mit ihm die Elben. Dabei ging er mit der führenden linguistischen Schule seiner Zeit, den sogenannten Junggrammatikern, davon aus, dass Sprachwandel von beschreibbaren und selbst unveränderlichen Regeln regiert wird. „Er hat neue Wörter und Namen nicht willkürlich ,erfunden“, erinnerte sich Christopher Tolkien an das Vorgehen seines Vaters. „Er entwickelte sie grundsätzlich aus der historischen Struktur heraus. Dabei ging er von den Wurzeln aus, fügte Präfixe oder Suffixe an, bildete Verbindungen, entschied (oder ,fand heraus’, wie er es nannte), wann ein Wort in die Sprache kam, und verfolgte es durch die regelhaften Abwandlungen, denen die Form dann unterworfen gewesen wäre.“

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Daher mussten mit der Sprache auch eine Sprachgeschichte und mit dieser die Geschichte und Mythologie der Sprechenden entwickelt werden. Mittelerde entstand damit, wie es der Tolkien-Forscher Helmut Pesch formuliert hat, als „eine Welt aus Sprache“.

Ein sprachästhetischer Vollrausch 

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