15.01.2007 · Hollywood liebt den Showdown. Doch ganz gleich, wie verlockend die Vorstellung ist, dass Clint Eastwood und Martin Scorsese um die Oscars für den besten Film und den besten Regisseur kämpfen, sicher ist es nicht. Die Oscar-Prognose.
Von Kenneth TuranHollywood liebt den Showdown. Ob es der „Gunfight am O. K. Corral“ ist oder Rocky Balboa gegen den amtierenden Schwergewichtschampion, man weiß es immer zu schätzen, wenn zwei Titanen gegeneinander antreten. Doch ganz gleich, wie verlockend die Vorstellung ist, dass Clint Eastwood und Martin Scorsese um die Oscars für den besten Film und den besten Regisseur kämpfen, sicher ist es nicht.
Obwohl die Oscar-Nominierungen erst am 23. Januar verkündet werden, ist Hollywood voller überraschender Spekulationen über den Sieger. Dass Scorseses „The Departed“ mit großer Wahrscheinlichkeit in den Kategorien bester Film und bester Regisseur nominiert werden wird, hatte kaum einer erwartet, als der Film in Produktion ging. Denn nachdem er jahrelang die Academy mit „wichtigen“ Filmen wie „The Aviator“ oder „Gangs of New York“ erfolglos hofiert hatte, schien Scorsese das alles hinter sich gelassen zu haben und in die vertraute Welt der Gangsterfilme zurückgekehrt zu sein, als er sich zum Remake des exzellenten Hongkong-Films „Infernal Affairs“ entschloss. Doch der Film kam bei Publikum und Kritik gleichermaßen gut an, und so behaupten nun viele Leute, es sei das Jahr, in dem Scorsese endlich den Oscar für den besten Regisseur gewinnen werde.
Mann gegen Mann
Hätte Clint Eastwood 2006 nur einen Film herausgebracht, wäre er zweifellos zu Scorseses schärfstem Rivalen geworden. Doch Eastwood brachte zwei, eng miteinander verbundene Filme heraus, „Flags of Our Fathers“ und „Letters from Iwo Jima“, und das scheint die Stimmberechtigten zum Nachteil beider Filme zu polarisieren. Die Regisseursgilde DGA, oft eine Art Leithammel für die Entscheidung der Academy, berücksichtigte unter den fünf besten Filmen keinen der beiden. Beide Filme fehlten auf der Liste der Produzentengilde, auch die Schauspielergilde nominierte die Darsteller nicht für das beste Ensemble, was normalerweise ein großes Oscar-Potential signalisiert.
Dennoch, die Academy hat Eastwood in der Vergangenheit wohlwollend behandelt, so dass zumindest eine Nominierung für „Flags“, den in Hollywood populäreren der beiden Filme, mehr als wahrscheinlich ist. Aber selbst wenn Eastwood nominiert wird - Scorsese dürfte in diesem Jahr von niemandem zu schlagen sein.
Eine sichere Sache
Obwohl sich ein klarer Favorit in der Kategorie bester Film noch nicht abzeichnet, dürften einige Filme ziemlich sicher nominiert werden. Neben „The Departed“ sind Bill Condons „Dreamgirls“ eine sichere Sache: Musicals sind heute so selten geworden, dass Hollywood ihnen kaum widerstehen kann, wenn sie gut gemacht sind. Setzen kann man auch auf zwei Filme, die nicht in Amerika gedreht wurden. Alejandro González Iñárritus „Babel“ hat jene vorgetäuschte Ernsthaftigkeit, welche der Academy immer gefällt (wie bei „L. A. Crash“ im Vorjahr). Stephen Frears' „The Queen“ war die Überraschung des Jahres, gewinnt immer mehr Anhänger und könnte am Ende der erfolgreiche Außenseiter sein. Wenn sich „Letters from Iwo Jima“ nicht unter den besten fünf findet und wenn die Academy ihre traditionelle Abneigung gegenüber Komödien überwindet, könnte es auch „Little Miss Sunshine“ schaffen.
In der Kategorie bester Regisseur haben Stephen Frears und der schon einmal nominierte Pedro Almodóvar mit „Volver“ gute Aussichten. In Frage kommen auch Bill Condon, González Iñárritu, möglicherweise noch Paul Greengrass mit „United 93“.
Allein gegen die „Queen“
In der Schauspielkategorie werden zwei Männer mit Sicherheit nominiert werden und es unter sich ausmachen. Der eine ist Forest Whitaker, dessen Rolle als Idi Amin in „The Last King of Scotland“ die beste seiner Karriere ist. Aber Peter O'Toole in „Venus“ wird ihm eine harte Schlacht liefern. Die Academy kann britischen Schauspielern nur schwer widerstehen, schon gar nicht so ehrwürdigen Erscheinungen wie O'Toole. Sonst läuft einiges auf Ryan Gosling in dem kleinen Independentfilm „Half Nelson“, auf Leonardo DiCaprio in „The Departed“ und auf den beliebten Will Smith in „Das Streben nach Glück“ hinaus.
Unter den besten Schauspielerinnen werden wahrscheinlich fünf fähige Akteurinnen in starken Rollen auftauchen, aber es hilft alles nichts: Jeder in Hollywood hat längst Helen Mirren als „The Queen“ den Oscar zugesprochen. Sie ist Britin, sie war schon mal nominiert, ohne gewonnen zu haben, sie lebt in Los Angeles und ist allseits respektiert. Undenkbar, dass sie verliert.
Ihre Konkurrentinnen, nur der Vollständigkeit halber, hätten in jedem anderen Jahr gewinnen können: Kate Winslet in „Little Children“, Penélope Cruz in „Volver“, die sehr beliebte Meryl Streep in „Der Teufel trägt Prada“ und Judi Dench in „Notes on a Scandal“. Die Academy mag Überraschungen fast so sehr wie einen Showdown - aber in dieser Kategorie sollte man nicht damit rechnen.