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Im Kino: „Monsieur Claude und seine Töchter“ : Die Multikultimodellfamilienkomödie

Keine von diesen Frauen hat Marine Le Pen gewählt: Die Töchter des Monsieur Verneuil sind Frankreichs Zukunft Bild: A. Borrel

„Monsieur Claude und seine Töchter“ legt die Ressentiments allen Beteiligten gleichermaßen in die Münder. Am Ende steht eine harmlose Familienkomödie.

          In einer besonders kalauerhaften Szene in diesem an Kalauern nicht unbedingt armen Film sieht Claude Verneuil seine Tochter hoffnungsfroh an. Gerade hat Laure ihm erzählt, dass sie heiraten wird, einen jungen Mann aus gutem katholischem Hause, sein Name sei Charles. „Charles?“, sagt Claude, und sein Gesicht hellt sich auf – „wie Charles de Gaulle?“

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Ja und nein, denn Charles trägt zwar denselben Namen wie der Gründungs- und Übervater der fünften französischen Republik. Und er ist, genauso wie seine Verlobte, in einem Haus groß geworden, das derlei historischen Ikonen gern und fortwährend die Ehre erweist. Aber Charles stammt von der Elfenbeinküste. Sein Vater, der mit dem Rest der Familie noch immer dort lebt, verehrt also andere Götter als der Franzose Claude. Einzig in der Art, wie diese beiden Familienoberhäupter ihrer Verehrung Ausdruck verleihen, ähneln sie sich, denn ihre Liebe ist, um es freundlich zu formulieren, exklusiv.

          Dass nun auch seine jüngste Tochter Laure in die Hände eines Mannes ausländischer Herkunft geraten ist, macht Claude Verneuil (Christian Clavier) deswegen mehr als zu schaffen. Schon seine älteren Töchter Ségolène, Isabelle und Odile hatten sich erdreistet, Ausländer zu ehelichen – den Chinesen Chao, den Muslim Rachid und den Juden David.

          „Was haben wie dem lieben Gott nur getan“, fragt Monsieur Claude sich angesichts seines neuen Schwiegersohnes von der Elfenbeinküste.
          „Was haben wie dem lieben Gott nur getan“, fragt Monsieur Claude sich angesichts seines neuen Schwiegersohnes von der Elfenbeinküste. : Bild: dpa

          In der Folge musste Monsieur Verneuil wider Willen nach Paris reisen, um an der Zeremonie anlässlich der Beschneidung seines Enkels teilzunehmen. Kaum aber hat er sich gemeinsam mit seiner Gattin Marie (Chantal Lauby) von den Strapazen dieser Reise erholt und auf dem herrschaftlichen Familiensitz in der tiefsten Provinz des Departements Indre-et-Loire wieder Kräfte getankt, schlägt das Schicksal in Gestalt der wirklich bezaubernden Laure abermals zu.

          Fortan muss Claude seine vom Geist des Republikanismus und Gaullismus durchtränkten Hoffnungen begraben, wobei er sich und seiner Frau einmal die keineswegs rhetorisch gemeinte Frage stellt: Was haben wir dem lieben Gott bloß getan? „Qu’est-ce qu’on a fait au bon dieu?“ war denn auch der Originaltitel dieses in Frankreich im April angelaufenen Films, der in dieser Woche in die deutschen Kinos kommt.

          Ausländerfeindliche Ressentiments auf allen Seiten

          „Monsieur Claude und seine Töchter“, so die etwas lapidare Übersetzung hierzulande, ist eine Komödie, die bei unseren Nachbarn schon jetzt mehr als zehn Millionen Besucher in die Kinos lockte und sofort Vergleiche mit französischen Blockbustern wie „Ziemlich beste Freunde“ und „Willkommen bei den Sch’tis“ provozierte – mit jenen Komödien also, deren Erfolge zwar evident, aber trotzdem nicht leicht zu erklären waren.

          Sicher hatte „Monsieur Claude und seine Töchter“ das zweifelhafte Glück, zu einem Zeitpunkt anzulaufen, zu dem sich Frankreich gerade von dem Schock erholen musste, den das überragende Ergebnis des rechtsextremen Front National bei den Europawahlen ausgelöst hatte. Da kam ein Film, der Rassismus natürlich nicht gutheißt, aber doch dazu einlädt, über ihn zu lachen, gerade recht.

          Zudem mag das von Philippe de Chauveron (der auch Regie führte) und Guy Laurent verfasste Drehbuch insofern für eine gewisse Erleichterung sorgen, als es peinlich genau darauf achtet, ausländerfeindliche Ressentiments gleichmäßig zu verteilen, sie also nicht nur dem französischen, sondern auch dem Vater von der Elfenbeinküste und sogar den drei Schwiegersöhnen in den Mund zu legen. Und natürlich ist es schön zu sehen, wie sich am Ende trotzdem alle in den Armen liegen.

          Protagonisten aus dem französischen Bürgertum

          Als leichtfüßig daherkommender Mutmacher für eine ernsthaft verunsicherte Gesellschaft, die es erst unlängst wieder mit antisemitischen Protesten in ihren Pariser Vorstädten zu tun bekam, taugt der Film gleichwohl nicht. Man mag sich zwar, vor allem wegen des schnellen Schnitts und der unablässigen Folge von Gags, manchmal beim Mitlachen ertappen. Dennoch macht sich diese Komödie die Sache von Anfang an zu leicht.

          Oder anders: Sie nimmt sich, kaum überraschend für ein fiktionales Werk, die Freiheit heraus, von einer Grundkonstellation auszugehen, die einen Großteil des weiten Rassismus-Feldes von vornherein ausblendet. Die drei Schwiegersöhne etwa sind zwar ausländischer Herkunft, aber sie haben sich längst in das französische Bürgertum integriert. Über sie, die ihrerseits tadellose Väter sind, ordentlichen Berufen nachgehen und sogar die Marseillaise auswendig können, muss sich eigentlich niemand Sorgen machen.

          Der Muslim Rachid beispielsweise ist Anwalt, und zu seinen Mandanten zählen auch Jugendliche aus der Banlieue. In einer der wenigen denkwürdigen Szenen des Films steht Rachid neben einem dieser Jungen und widersteht der Versuchung, an dem Joint zu ziehen, den der Halbstarke ihm hinhält. Dass auch dieser kleine Kiffer indes Franzose ist, wagt diese Komödie nicht genau anzusehen.

          Zu Recht, möchte man sagen. Denn in ihrer Logik gedacht, würde dieser Umstand die Frustrationstoleranz des Claude Verneuil bei weitem überschreiten. Und der hat schließlich genug damit zu tun, beim Angeln an seinem geliebten See die Tränen zu unterdrücken, zu denen das aus dem Kofferradio erklingende Lied „Douce France“ von Charles Trenet ihn rührt.

          So bleibt dieser zwischen Jovialität und Verstocktheit schwankende Monsieur Claude zwar ein Zeitgenosse, dessen erzwungene Wandlung zum Weltbürger zuweilen unterhaltsam sein mag. Um eine Blaupause für den Umgang mit den im Rassismus gründenden Nöten des Landes zu sein, ist sein Schicksal gleichwohl zu harmlos.

          Quelle: F.A.Z.

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