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Regisseur Yilmaz Güney : Wo soll der stolze Kurde Zuflucht finden?

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Güneys frühe Regiearbeiten

Nach dem ersten Putsch wurde er als Kommunist inhaftiert. 1962 kam er wieder frei und wurde in den sechziger Jahren zu einem populären Schauspieler in der Türkei. Damals bekam er den Ehrentitel, auf den Hüseyin Tabak – er ist gebürtiger Deutscher aus kurdischer Familie und studierte an der Wiener Filmakademie – sich mit seinem Filmtitel bezieht: „hässlicher König“, weil er nicht dem geläufigen männlichen Ideal der Zeit entsprach.

Güneys Charisma als Schauspieler und seinen Sinn für Genreformeln kann man gut in einer seiner frühen Regiearbeiten sehen: „Seyyit Han“ (1968), international als „Bride of the Earth“ bekannt. Hier zeigen sich die männlich dominierten Dorf- und Familienverhältnisse, das kulturelle Erbe des autochthonen Kurdistans, dessen Brauchtum in der Lyrik des von Güney verehrten Ahmed Arif verewigt wurde. In „Arkadas“ („Der Freund“, 1974) kann man hingegen eine erstaunlich freizügige, radikal verwestlichte Elite sehen, die in einer „gated community“ außerhalb von Istanbul beinahe so lebt, wie man sich das „savoir vivre“ aus St. Tropez vorstellen mochte.

Das große Gefängnis

Güney stilisiert sich in dieser Welt als melancholischer Außenseiter, ein ideologischer Düsterling, der den moralischen Rigorismus der revolutionären Kader vertritt. Hüseyin Tabaks Porträt hätte hier noch einige Dimensionen hinzugewinnen können, wenn er einen etwas typologischeren Blick auf seinen Helden geworfen hätte: denn man kann in Güney eine prototypische Figur seiner Ära erkennen, in der von Andreas Baader bis zu Clint Eastwood auch ein Männlichkeitsideal steckt, das nicht zuletzt durch das Kino dieser Zeit kommuniziert wurde.

In der Freiheit im Westen, in die er sich aus seinem dritten Gefängnisaufenthalt während eines Freigangs flüchtete, drehte Güney dann noch einen Film, in dem er mit einer großen Zahl von türkischen und kurdischen Ausgewanderten ein großes Gefängnis in Szene setzte: „Duvar“ („Die Mauer“) ist so etwas wie eine politische Großallegorie, zugleich ein stellenweise kaum erträglicher Film über die Bedingungen in einer Haft, in der Kinder in einer Überlebenskonkurrenz gezwungen werden, die schließlich zu einer Entstellung einer Revolution führt.

Erinnerungen an eine andere Türkei

Hüseyin Tabak konnte auf Material von den Dreharbeiten zu „Duvar“ zurückgreifen, das einen diktatorischen Künstler zeigt, der mit Kindern genauso rücksichtslos umgeht wie früher mit den weiblichen Darstellerinnen. Die Interviews mit seinen früheren Partnerinnen sind so etwas wie der dialektische Kommentar zu einem autoritären Kunstverständnis, mit dem Güney auf die Umstände seiner Herkunft reagierte.

„Die Legende vom hässlichen König“ weckt nun mit einem Versuch, Güneys Leben und Werk zusammenzudenken, Erinnerungen an eine andere Türkei (und an andere türkische Oppositionslogiken). Sein Weg folgte letztendlich dem Verlauf, den auch die Karrieren so vieler anderer großer Kollegen dieser Zeit der Militärregimes nahmen: Er endete im Exil und damit auch schon beinahe bei den Verhältnissen des heutigen Weltkinos, in dem das Zentrum (zum Beispiel Frankreich) mit der Peripherie sich im komplexen ästhetischen und finanziellen Aushandlungen zu Koproduktionen zusammenfindet, mit denen die Wartezeit auf den Umsturz der Verhältnisse unendlich verlängert werden kann.

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