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„Die Kunst zu lieben“ im Kino : Jeder Millimeter kann zu viel sein

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Die blonde Frau von nebenan: Frédérique Bel und François Cluzet Bild: Camino Fimlverleih

Sichtbare Intimität: Emmanuel Mouret erklärt in „Die Kunst zu lieben“ auf ganz bezaubernde Weise das Pariser Liebesleben. Der ziemlich beste Freund François Cluzet überzeugt auch hier.

          Es gibt keine Liebe ohne Musik. Mit diesem Satz eröffnet Emmanuel Mouret seinen Film „Die Kunst zu lieben“, und dann erzählt er ein paar Liebesgeschichten, denen er Mottos voranstellt, die wie Varianten musikalischer Satzbezeichnungen wirken. „Geduld, aber nicht zu sehr.“ Man könnte also im Grunde eineinhalb Stunden über die einleitende Behauptung nachdenken, während man einer losen Reihe von Pariser Menschen dabei zusieht, wie sie miteinander an das große Geheimnis rühren, das die Liebe nun einmal ist. Eine Liebe, die hier ohne Weiteres zum Synonym für das Leben selbst wird. Eines bestimmten Lebens allerdings, eines Lebens, wie es Menschen in Paris leben, die ihre Tage mit Stoffen, Bildern, Büchern, Statuen zubringen und die jederzeit ein kleines Schild an ihren Laden hängen können, das ihre Abwesenheit für ein, zwei Stunden anzeigt.

          Das sind die Stunden, in denen im Hotel West-End ein jung gebliebener Antiquar namens Boris (Laurent Stocker) mit struppigen blonden Haaren ein Zimmer betritt, in dem eine Frau auf ihn wartet, die sich ausbedungen hat, dass für die Dauer ihres Stelldicheins der Raum im Dunkel bleiben muss und kein Wort gewechselt werden darf. Die gutbürgerliche Gesellschaft entdeckt den Darkroom. Dafür gibt es einen praktischen und einen prinzipiellen Grund. Amélie (Judith Godrèche) hat einen Freund - und einen Vorbehalt gegen die Leidenschaft, mit der Boris sie konfrontiert. Sie hat eben einen anderen Begriff von Liebe. Die Lösung, auf die sie verfällt, strukturiert den offenen Reigen, den Mouret choreographiert. Amélie lässt sich von ihrer Freundin Isabelle (Julie Depardieu) vertreten. Isabelle hat keinen Freund, sie lebt „célibataire“ wie Boris auch, da liegt ein entsprechendes Arrangement ganz nahe.

          Eine Affäre könnte ihm helfen

          In der Black Box des Hotelzimmers, in die wir nicht schauen dürfen, aus der Boris allerdings noch ein wenig ungekämmter herauskommt als er eingetreten war, rührt Mouret an das entscheidende Moment jeder Liebesbeziehung: Sie kann nur dann glücklich werden, wenn der nagende Verdacht aufgehoben ist, man könnte nicht eigentlich gemeint sein. Das wird an der nebenbei wie ein Kommentar mitlaufenden Geschichte von Achille und seiner Nachbarin deutlich. Der alleinstehende Herr in besten Jahren (François Cluzet, einer der beiden Stars aus „Ziemlich beste Freunde“, in einer wunderbar subtilen Rolle) sieht eines Tages die blonde Frau von nebenan vor der Tür stehen (sie bleibt namenlos, gespielt wird sie von Frédérique Bel).

          Sie trägt nur ein Negligé, und plaudert freimütig über eine Liebesenttäuschung und ihren Willen, darüber mit einer Affäre hinwegzukommen. Was dem Mann nun aber ganz natürlich erscheint, nämlich gleich anzufangen, erscheint ihr gerade deswegen verkehrt - als hätte sie ein Angebot gemacht, auf das er nur deswegen eingeht. Die Komplikationen zwischen den beiden zählen zu den besten Szenen in „Die Kunst zu lieben“. Emmanuel Mouret zeigt sich darin wie insgesamt als Meister einer komisch akzentuierten Regie, die aus den Bewegungen der Schauspieler im Raum und aus ihrem Wechselspiel mit den Hindernissen eine Form des Tanzens macht, die keinen sicheren Schritt mehr kennt. Jeder Millimeter kann hier zu viel sein, wie Cluzet und Bel zeigen, die sich zum Beispiel vom Dreivierteltakt eines Walzers nicht verführen lassen, sondern einen eigenen Schritt wählen.

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          In Frankreich ist Emmanuel Mouret mit seinen sezierenden Komödien (“Un baiser s’il vous plait“, „Fais-moi plaisir“) längst eine feste Größe. Der Vergleich mit Eric Rohmer ist fast unausweichlich, eben wegen der schönen Balance, die er immer wieder zwischen Bild und Sprache, Spiel und Reflexion findet. „L’art d’aimer“ gibt sich nun mit der sonoren Stimme eines Erzählers die verbindliche Form eines Traktats der praktischen Philosophie oder einer antiken Ars amandi.

          Dabei spielt die Großzügigkeit als das zweite Thema eine entscheidende Rolle. Liebe ist gerade hier nicht vor allem Bindung und Treue, sie ist Freiheit, Freigabe, Umweg, an deren Ende erst die Liebe stehen kann. Das gilt bei Mouret auch für die Komödienform selbst, die er so offen wie möglich hält - viele Episoden bleiben beiläufig, er führt nichts zu einem großen Finale zusammen, in einer bestimmten Perspektive kann man den ganzen Film auch als Vorbereitung eines einzigen visuellen Gags sehen, der eines kurzen Stromausfalls bei einer Party als Voraussetzung bedarf. Sich aus dem Bild in die Intimität zu stehlen, das ist ein Beginn jener Verschwörung, die jede gute Liebesgeschichte ist.

          Was hat nun aber die Musik damit zu tun? Entscheidend sind nicht die berühmten Stücke von Brahms oder Mozart, die Mouret aufruft. Entscheidend ist wohl, dass die Musik die unausdrücklichste der Künste ist, unübersetzbar und nur behelfsmäßig zu verschriftlichen. Man muss sich ihr überlassen, um von ihr getragen zu werden. „Die Kunst zu lieben“ macht vor, wie das gehen könnte.

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