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Celan und Bachmann : Welches Dunkel ist älter?

  • -Aktualisiert am

Bild: Grandfilm

„Die Geträumten“ bringt den Briefwechsel zwischen Paul Celan und Ingeborg Bachmann ins Kino. Entstanden ist ein eigentümlicher Film, der den Originaltexten Raum gibt und sie zugleich auf eine Zeitreise schickt.

          Die ersten Zeilen, die Paul Celan an Ingeborg Bachmann richtete, schrieb er in einen Bildband über den Maler Matisse. Sie bilden ein Gedicht mit dem Titel „In Aegypten“, die österreichische Dichterin, die damals, im Frühling 1948, nominell noch keine war, sieht sich in von einem Namenskreis umgeben: Ruth. Noemi. Mirjam. Jüdische Frauennamen, davor, in der Zueignung, der Name der Tochter eines Kärntner Nazis: Für Ingeborg. Wenn Dichter einander schreiben, muss das nicht unbedingt bedeutsamer sein als bei anderen Menschen. Auch sie haben irdische Dinge zu erledigen, müssen beim Bügeln im Hotel vorsichtig sein, wenn die Hausordnung das nicht erlaubt. Es ist die Verbindung solcher Details mit Wehmut, die aus der Korrespondenz zwischen Paul Celan und Ingeborg Bachmann eines der großen Zeitdokumente über die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg und der Schoah machen.

          Unter dem Titel „Herzzeit“ sind die Briefe als Buch veröffentlicht worden, die Wiener Filmemacherin Ruth Beckermann hat gemeinsam mit der Autorin und Kritikerin Ina Hartwig daraus ein Drehbuch erarbeitet, das unter dem Titel „Die Geträumten“ verfilmt wurde. Es ist ein höchst eigentümlicher Film geworden, weil er den Originaltexten im wörtlichen Sinn vor allem Raum verschafft, und ihnen einen Stimme verleiht. Und doch ist das keine Zeitreise zu zwei Menschen, die für ihr „Märchen“ keinen Weg in ihre jeweilige Gegenwart finden konnte. „Die Geträumten“ ist ein Film über eine mögliche Beziehung, die zwei junge Menschen heute zu diesen beiden Idolen von damals haben können: zu Paul Celan, der das Überleben nach Auschwitz in existenziellen Zweifel zog, und zu Ingeborg Bachmann, die, umstellt und umlagert von Männern des literarischen Betriebs (von Hans Weigel bis Max Frisch), eine eigene Stimme suchte.

          Ein gemeinsames Glück war nicht zu finden

          Die Musikerin Anja Plaschg und der Burgschauspieler Laurence Rupp lesen in „Die Geträumten“ die Briefe, die ab 1949 zwischen Wien und Paris hin und her gingen, manchmal auch monatelang halbfertig liegenblieben, weil sich da schon zeigte, dass ein gemeinsames Glück wohl nicht zu finden war. Schon früh kommt deswegen ein Moment, in dem das Konzept von Ruth Beckermann fast schon überdehnt wird: Anja Plaschg stehen die Tränen in den Augen. „Jetzt Schluss bitte.“ Sie kann nicht mehr, jedenfalls vorläufig. Sie steht in einem Studio des österreichischen Rundfunks, einem großzügigen Resonanzraum mit auffälligen Wandbildern, und ist mit den Texten in die Zeit gefallen: „Welches Dunkel ist älter?“

          Mit den Texten in die Zeit gefallen: Celan hadert mit seinem Überleben, Bachmann sucht noch ihre Stimme.
          Mit den Texten in die Zeit gefallen: Celan hadert mit seinem Überleben, Bachmann sucht noch ihre Stimme. : Bild: Ruth Beckermann

          Die Tränen von Anja Plaschg verweisen auf das konventionelle Schauspiel, dessen Aufgabe es wäre, sich von den Texten rühren zu lassen, und diese Rührung sichtbar zu machen. Plaschg ist aber keine Schauspielerin (auch wenn sie das Zeug dazu hat, und das Gesicht, das an Anna Karina erinnert, die traurige Heroine beim frühen Godard), ihre Tränen sind „natürlich“ – in einem Setting, das zugleich artifiziell und alltäglich ist.

          Für Ruth Beckermann, die mit „Die papierene Brücke“ und „Jenseits des Krieges“ zu einer bedeutenden jüdisch-österreichischen (und damit europäischen) Filmemacherin wurde, steckt in „Die Geträumten“ ein Familienroman mit umgekehrten Vorzeichen. Denn auch ihr eigener Vater kam, wie Paul Celan, nach dem Krieg aus Czernowitz nach Wien. Anders als Celan aber blieb er, heiratete, hatte ein erfolgreiches Geschäftsleben und bekam eine Tochter. Sie heißt Ruth, hätte aber auch Noemi oder Mirjam heißen könne, kaum aber Ingeborg. Für diese Spannung zwischen Trauma und Vergangenheitsbewältigung, zwischen unüberwindlichem Dunkel und Neuanfang, findet „Die Geträumten“ eine perfekt angemessene, schwebende Form.

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