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Sachbücher des Jahres

Dickens-Verfilmung Flugversuche einer Oberklassenamsel

Klappe, die Zwölfte: Mike Newell hat die „Großen Erwartungen“ von Charles Dickens noch einmal verfilmt. Genau wie die elf Verfilmungen vorher, ist auch diese nicht perfekt.

© dpa Vergrößern Nachbarin, euer Dekolleté: Jeremy Irvine und Holliday Grainger in „Große Erwartungen“

Von Literaturverfilmungen kann man auf zweierlei Weise enttäuscht sein: davon, dass sie ihrer Vorlage nicht genau genug folgen; und davon, dass sie ihr zu genau folgen. Die eigentliche Enttäuschung aber besteht darin, dass das Buch überhaupt verfilmt wurde. Schließlich hat es einmal uns allein gehört, unserer eigenen Phantasie, und nun müssen wir es mit allen anderen teilen. Dabei geht oft gerade das verloren, was uns am Kino sonst reizt, die magische Verbindung zwischen Wort und Bild: Die Heldin der Geschichte haben wir uns als schmale Blonde vorgestellt, und nun ist sie eine dralle Rothaarige; der Held hat im Buch ungefähr unsere Schuhgröße, auf der Leinwand dagegen erscheint er als muskelbepackter Hüne.

Im Fall von Charles Dickens’ Romanklassiker „Große Erwartungen“ allerdings scheinen die Erwartungen der Leser noch immer nicht genügend enttäuscht worden zu sein, sonst würde das Buch nicht wieder und wieder verfilmt. Allein zwölf regelrechte Adaptionen - Parodien nicht mitgezählt - gab es seit 1934, darunter fünf Fernseh-Mehrteiler, und die Rolle der Miss Havisham, der geisterhaften Gegenspielerin des jungen Helden Pip, wurde unter anderen schon von Jean Simmons, Anne Bancroft, Gillian Anderson und Charlotte Rampling gespielt. Es gibt offenbar Geschichten, die unerschöpflich sind, für diejenigen, die sie verkörpern, wie für jene, die immer neue Bilder aus ihnen herauslesen, auch wenn die neuen Bilder den alten oft bis aufs Haar gleichen.

Respekt vor dem Roman

In Mike Newells Verfilmung der „Großen Erwartungen“ wird Miss Havisham von Helena Bonham Carter dargestellt, und an der Art, mit der sie ihre Rolle angeht, erkennt man einiges über die Stärken und Schwächen von Newells Film. Miss Havisham, eine verbitterte alte Jungfer, wohnt in einem abgedunkelten, von Unkraut umwucherten Herrenhaus, und die staubbedeckten Tüllschleier über dem vergilbten Hochzeitskleid, das ihr die Kostümdesignerin Beatrix Pasztor auf den Leib geschneidert hat, passen perfekt zu ihrer von Dickens mit Schaudern geschilderten Erscheinung.

Nur Bonham Carter selbst wirkt seltsam gehemmt. In der „Harry Potter“-Filmserie, zu der auch Newell eine Episode beisteuerte, hat sie vier Folgen lang eine ganz ähnliche Figur gespielt, die Hexe Bellatrix Lestrange, eine Verderberin von Gnaden. Aber was sie dort an Bosheit herausschrie, verbirgt sie hier unter ihren Schleiern. Es ist, als hätte sie zu viel Respekt vor dem Roman, um richtig fies zu sein. Und das gilt mehr oder weniger für den ganzen Film.

Die Kamera fliegt

Ein englischer Kritiker hat Newells Adaption boshaft mit einer Bustour zu den Personen und Schauplätzen des Buchs verglichen. An dieser Sottise ist tatsächlich etwas dran. Der Film lässt kaum eine Nebenfigur, keine Kutsch- oder Bootsfahrt aus, die im Roman erwähnt wird; selbst der taube Vater des Kanzlisten Wemmick, dessen einzige Funktion bei Dickens darin besteht, dem trockenen Rechtsverdreher ein paar menschliche Züge zu geben, bekommt seinen Auftritt. Auch die Kulissenbauer haben gründlich gearbeitet: Seit Polanskis „Oliver Twist“ hat das viktorianische London nicht mehr so prächtig und zugleich so dreckig ausgesehen, eine wahre Schlachtplatte der Innereien und Eitelkeiten.

Zum Ausgleich beginnt John Mathiesons Kamera zu fliegen, sobald sie sich den Marschwiesen an der Küste Kents nähert, wo Pip, der Held der Geschichte, aufgewachsen ist. Hier ist alles Licht und Luft und Liebe, und nur der dumme Pip begreift nicht, dass er mit dem Landmädchen Biddy das Glück seines Lebens in den Marschen zurücklässt.

Charaktere nur angedeutet

Doch an Pips Verblendung hängt bei Dickens eben alles. „Große Erwartungen“ ist ein Bildungsroman, in dem die Gönner und Gegner im Hintergrund, anders als bei Goethe oder Keller, ganz handfeste Interessen am Schicksal des Helden haben: Rachsucht, väterliche Liebe, Sehnsucht nach Erlösung. In einer Verfilmung kommt alles darauf an, wie deutlich diese Leidenschaften ins Gesichtsfeld einer Erzählung treten, die von Pips festem Willen geleitet wird, die Wirklichkeit nicht zur Kenntnis zu nehmen. Es geht, mit anderen Worten, um Kontraste: hier die Illusionen der Jugend, da die brutalen Wahrheiten des Alters.

Und genau an diesem Punkt schwächelt der Film. Er zeichnet keine Charaktere. Er malt sie nur aus. Ralph Fiennes - auch er eine Ikone der „Potter“-Filme - als Sträfling Magwitch, dem der ahnungslose Pip (Jeremy Irvine) seinen rasanten Aufstieg vom Schmiedeofen in Kent in die Londoner Clubs verdankt, wirkt in seiner Borstigkeit so wundermild wie die viel zu zahme Miss Havisham. Und Estella, Pips Versucherin, die von Dickens wie eine Mischung aus Mata Hari und Scarlett O’Hara beschrieben wird, flattert in Gestalt der jungen Engländerin Holliday Grainger als rosenwangige Upper-Class-Amsel durchs Bild, vor der vielleicht die eine oder andere Porzellanvase, aber kein junger Gentleman Angst zu haben braucht. Ohnehin gibt es, wenn man das Buch genau liest, im Grunde nur eine echte Idealbesetzung für diese Rolle: die blutjunge Elizabeth Taylor. Es hat nicht sollen sein.

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Ans Ende der Geschichte hat Dickens so etwas wie einen Showdown gesetzt, den Newell noch zusätzlich anschärft. Zwei Exsträflinge, die sich auf den Tod hassen, kämpfen in den grauen Wellen der Themse ihren letzten Kampf. Ein Schaufelraddampfer kommt vorbei und schlingt sie in sein mahlendes Rad. Den einen zermalmt es, den anderen speit es wieder aus. Es ist ein Bild für das, was große Filme mit den Büchern machen, an denen sie sich vergreifen. Kleinere Werke wie das von Newell lassen ein Beiboot zu Wasser und sammeln die vorbeitreibenden Figuren auf. In „Große Erwartungen“ dauert das knapp zwei Stunden. Es gibt Schlimmeres im Kino.

Quelle: F.A.Z.

 
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