http://www.faz.net/-gqz-12j5x

Deutschlands größter Fundus : Historische Genauigkeit? Unwichtig!

  • -Aktualisiert am

Filmgeschichte an der Stange im Kostümhaus der Theaterkunst GmbH Bild: Matthias Lüdecke

Die Theaterkunst GmbH ist Deutschlands größtes Kostümhaus und beherbergt gut zehn Millionen Stücke. Kein Wunder also, dass sich jede deutsche Kinoproduktion aus dem Fundus bedient. Nur das Platzproblem muss noch gelöst werden.

          Fritz Lang hat sie absichtlich begangen, aus der Verfilmung von „Ben Hur“ sind sie in Anekdoten überliefert, bei „John Rabe“ sieht man nichts davon, dafür aber in den „Buddenbrooks“ - Kostümfehler. „Einige Regisseure wollen historisch gar nicht so genau sein, weil es nicht zu bestimmten Charakteren, zu ästhetischen Aspekten oder zum Stil des Films passt.“ Christa Hedderich, die sogenannte Gewandmeisterin im größten Kostümhaus Deutschlands, der Theaterkunst GmbH, steht neben einer Glasvitrine, in welcher der Anzug von John Rabe ausgelegt ist, und überlegt kurz, wie sie das Geschäft noch erklären kann: „Na ja, und manchmal sind es auch die Schauspieler, die bestimmte Dinge nicht tragen wollen. Wohl eine gewisse Eitelkeit, die jeder kennt.“

          Seit dreißig Jahren durchsucht Christa Hedderich die mittlerweile gut zehn Millionen Kostümteile, die die Theaterkunst GmbH in Berlin, München, Köln und Hamburg auf die Stangen hängt, um das Geeignete für den Film, den Darsteller, die Geschichte und die jeweilige Zeit herauszufinden. Das heißt, Genauigkeit, Idee und Ausführung liegen in einer Hand - in ihrer. Zunächst setzt sie sich mit der Kostümbildnerin eines Filmprojekts zusammen, auch wenn „zwischen der Anprobe und Lieferung von Kostümen manchmal nicht einmal drei Werktage liegen“. Aber diese Frau scheint wenig zu schocken. Nachdem sie während der Arbeit an „John Rabe“ einen maßgeschneiderten Anzug für Daniel Brühl anpasste - der praktisch nie einen Anzug trägt -, bedankte der sich mit glühender Verehrung in ein paar Zeilen.

          Sissis Kleider und Hitlers Uniform

          Aber selbst Christa Hedderich weiß nicht so recht, wo man eigentlich anfangen soll. Fest steht: Wann immer wir einen deutschen Film im Kino sehen, wurde er von Theaterkunst ausgestattet.

          Französische Modezeitung von 1914 als Vorlage zur Kostümanfertigung

          Allein die letzten Projekte umfassen das aktuelle Kinoprogramm: „John Rabe“, „Der Baader Meinhof Komplex“, „Der Vorleser“, „Chiko“. Und das sind nur ein paar. Für „Inglourious Basterds“, der gerade noch in Berlin gedreht wurde, lieferte die Theaterkunst etwa 3.000 Kostüme, darunter originale Nazi-Galauniformen. Dass die Gewinner deutscher Filmpreise zu den Kunden des Kostümhauses gehören, verwundert also nicht.

          Seit seiner Gründung 1907 schneiderte und recherchierte das Haus von Sissi bis Hitler über heutige Klassiker wie „Ben Hur“, „Metropolis“, später Fassbinder- und Kluge-Filme, auch Werner Herzog und Ingmar Bergman gehörten zu den Auftraggebern. Das Sortiment vergrößerte sich stetig. Und das übersteigt schon mal die Kapazität der bisherigen Hallen.

          Formen für Frauenkörper

          „Wieder platzt alles aus den Nähten“, sagt Hedderich, und meint die neue siebenhundertfünfzig Quadratmeter große Zweigstelle in Berlin-Schmargendorf, in welcher sie schon jetzt von 160.000 Kostümteilen bedrängt wird. Die Geschäftsführerin Susanne Franke bedauert die gescheiterten Pläne der Babelsberger Studios, nicht nach Tempelhof umgezogen zu sein.

          Beim Durchstreifen der engen Gänge, wo links und rechts die Kleider des späten Rokoko - teilweise original - und gleich gegenüber Haute-Couture von Christian Dior oder märchenhafte Gewänder hängen, fallen Hedderich jetzt spontan, versteckt hinter Opernklamotten, die Kostüme aus „Mädchen in Uniform“ auf. Die habe man fast für verloren gehalten, bis man sie in der Kinderabteilung wiederfand. Kein Wunder, denn Romy Schneider hatte damals Größe 32. Auch da ging es nicht um historische Genauigkeit, sondern um das Symbol der Uniform, die grau und steif den Körper zu disziplinieren versuchte, während die junge Protagonistin erst in den Hosenbeinen des Romeo-Kostüms die verbotene Liebe zur Lehrerin gestehen konnte. Auch Fritz Lang hat sich nicht besonders für die traditionellen Gewänder im indischen Dschungel interessiert. Im „Tiger von Eschnapur“ unterstützen die Kostüme, sehr zum Missvergnügen detailversessener Historiker, zunächst einmal die Erotik der Frauenkörper und die Absichten der männlichen Kontrahenten, statt kulturhistorischer Evidenz zu gehorchen. Diese Präsentation der Weiblichkeit wäre im kolonialisierten Indien undenkbar gewesen. Stattdessen ergibt sich durch die Kleider ein besonderes Verhältnis zum Raum und den Traumbildern des Publikums.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Bewerbung um CSU-Vorsitz : Söders Reifeprüfung

          Auf seiner ersten Pressekonferenz als offizieller Bewerber um den CSU-Vorsitz macht Markus Söder einen gut sortierten Eindruck. Er übt sich in Selbstkritik – zumindest ein bisschen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.