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Deutscher Oscargewinner Der doppelte Heinrich

24.02.2009 ·  Alle Ingredienzen sind versammelt, die das Rezept für einen Oscargewinner verlangt: Der Kurzfilm „Spielzeugland“ zeigt Jochen Alexander Freydank als geschickten Handwerker. Zum großen Kinoerzähler aber fehlt doch noch etwas.

Von Andreas Platthaus
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Es gibt wohl keinen anderen Preis in der Welt, der so viel Prominenz verschafft wie der Oscar; das schlagartig erwachte Interesse für den einundvierzigjährigen Berliner Regisseur Jochen Alexander Freydank, der mit seinem Kurzfilm „Spielzeugland“ die begehrteste aller Filmtrophäen gewann, beweist es. Nicht einmal ein Nobelpreis kann die gleiche Neugier hervorrufen, weil wissenschaftliche oder literarische Leistungen schwerer zugänglich fürs Publikum sind.

Wir zeigen einen Ausschnitt aus „Spielzeugland“, denn noch hat den Film kaum jemand gesehen. Für Kurzfilme gibt es hierzulande keine regelmäßigen Abspielmöglichkeiten mehr. Wer nicht auf die einschlägigen und in Deutschland besonders breit gestreuten Festivals (herausragend sind Oberhausen und Dresden) geht, hat kaum eine Chance, die vielen Kurzfilme zu sehen, die etwa an den deutschen Filmhochschulen als Fingerübungen, aber auch vollwertige Abschlussarbeiten Jahr für Jahr entstehen. Dass Freydanks Film die Reihe von deutschen Oscar-Erfolgen der letzten zwei Jahrzehnte in dieser und der verwandten Animationskurzfilm-Sparte fortsetzt, verdankt sich einer guten Nachwuchs-Ausbildung. Doch dem Genre dankt man es in Deutschland nicht. Kinos, die noch regelmäßig Kurzfilme ins Programm nehmen, kann man an den Fingern zweier Hände abzählen, und selbst der Kulturfernsehsender Arte hat mittlerweile weniger Sendeplätze dafür im Programm.

Die Verklärung wird zur Verlockung

Dabei hat Freydanks Oscargewinner nur eine Länge von vierzehn Minuten und erzählt darin eine Geschichte, die man auch leicht auf Spielfilmformat ausdehnen könnte - und dann hätte „Spielzeugland“ es leichter gehabt, sein Publikum zu finden. Aber auch schwerer, die Balance zu halten zwischen einem schweren Thema und einem doch noch leicht geratenen Film. Dass Freydank der abendfüllenden Verlockung nicht nachgegeben hat, dürfte daran liegen, dass sein Film unabhängig, also ohne Fernsehgelder, produziert wurde. So musste das schlanke Drehbuch, das Freydank selbst zusammen mit Johann A. Bunners geschrieben hat, nicht unnötig aufgeblasen werden. Konnte es mutmaßlich aus finanziellen Gründen auch gar nicht.

„Spielzeugland“ erzählt ein Märchen aus der Zeit des Nationalsozialismus. Der sechsjährige Heinrich Meißner erlernt bei der jüdischen Nachbarsfamilie Silberstein mit deren gleichaltrigem Sohn David das Klavierspiel. Sein Vater, so dürfen wir vermuten, ist im Krieg, Marianne Meißner erzieht Heinrich allein. Den Silbersteins droht die Deportation, und Heinrichs Mutter glaubt, ihrem Jungen gegenüber dieses Verbrechen dadurch verheimlichen zu können, dass sie behauptet, die Nachbarn führen weg ins Spielzeugland. Als die Familie an einem frühen Morgen abgeholt wird, schließt sich Heinrich seinem Freund David und dessen Eltern an; die Mutter findet nur noch sein leeres Bett vor. Am Bahnhof, wo die Deportationszüge bereitstehen, bittet sie die SS um die Freilassung ihres Sohnes. Doch nur David findet sich mit seinen Eltern in einem der Waggons. Daraufhin gibt Marianne ihn als ihren Sohn aus und führt ihn nach Hause.
Da Heinrich von den Häschern am Morgen gar nicht erst mitgenommen wurde, überleben beide Jungen und werden als Freunde gemeinsam alt. Die letzte Einstellung von Freydanks Film zeigt zwei altersfleckige Händepaare beim Klavierspiel, auf dem Flügel stehen die Bilder ihrer beider Familien. Das ist ein schönes Happy-End, aber auch eines, das die Wirklichkeit arg strapaziert. Doch wie gesagt, es ist ein Märchen.

Zum großen Kinoerzähler fehlt noch etwas

Aufgewertet wird die schlichte erbauliche Handlung durch einen Kunstgriff: die Verschränkung mehrerer Zeitebenen. Der Film setzt ein mit der verzweifelten Suche der von Julia Jäger gespielten Mutter nach ihrem verschwundenen Sohn. Bis sie schließlich David aus dem Waggon rettet, wird das Geschehen immer wieder durch kurze Szenen unterbrochen, in denen die Vorgeschichte erzählt wird. Dass dabei von Kameramann Christoph Nicolaisen allzu selbstverliebt in steile Treppenhäuser hinauf und hinab fotografiert wird, dass die deutschen Polizisten und Offiziere verbal wie optisch alle Klischeevorstellungen erfüllen, dass die zentrale Allegorie des Films spätestens seit Polanskis „Klavierspieler“ im Kontext eines Films über die Schoa abgedroschen wirkt - das alles hat dem Oscar-Erfolg wohl eher genutzt. In Amerika schätzt man deutsche Filme zu diesem Thema, und je konventioneller sie sich geben, desto besser. Allerdings kann man es dann doch als etwas manieriert betrachten, einen deutschen Jungen ausgerechnet Heinrich zu nennen, wenn die Produktionsgesellschaft auch noch „Mephisto Film“ heißt und damit die Faust-Anspielung überdeutlich ist.

Was „Spielzeugland“ deutlich zeigt, in der Montage teilweise gar zu deutlich, ist die Ambition von Jochen Alexander Freydank, der ansonsten vor allem fürs Fernsehen und da speziell für MDR-Serien arbeitet. Bei seiner begeisterten Dankesrede auf der Oscar-Zeremonie kokettierte er damit, dass ein in Ost-Berlin geborener Junge nie daran hätte denken können, eines Tages in Hollywood ausgezeichnet zu werden. So Herz erwärmend das als Botschaft auch war, so wenig glaubhaft ist die Überraschung über den eigenen Erfolg. An diesem Film ist sehr überlegt gearbeitet worden, und es sind alle Ingredienzen versammelt, die das Rezept für einen Oscargewinner verlangt. Dass man sie zu einer geschmackvollen Mischung arrangieren muss, das ist die eigentliche Leistung. Sie weist Freydank als geschickten Handwerker aus. Zum großen Kinoerzähler aber fehlt noch etwas. Und das hat nichts mit der Länge von „Spielzeugland“ zu tun.

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Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.

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