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Deutscher Filmpreis Glamour vorm Balkon

13.05.2006 ·  Der Deutsche Filmpreis 2006: Moderator Bully Herbig und der Himmel über Berlin bemühten sich um Erheiterung, doch die düsteren Stoffe dominierten das Kinojahr. Am Ende gewann der Film „Das Leben der Anderen“ die meisten Preise.

Von Peter Körte
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Der Himmel mußte nicht weinen über den deutschen Film, die Abendsonne glänzte über der Masurenallee, keine Schirme, keine klammen Kleider wie im letzten Jahr; weinen mußten nur die, welche die Stars vermißten.

Aber da war ja der Minister, der versprach zu definieren, was ein Star sei, doch er sprach immer nur von den Stars der anderen, und anstatt zu definieren, versicherte er tröstend, wir hätten auch welche. Und daß kein deutscher Film in Cannes dabei sei, das müsse er jetzt mal „ganz ernsthaft ironisch“ sagen, da bedauere er die Franzosen, was ihnen entginge.

Bernd Neumann, in dessen Auftritte sich immer die leichte Bräsigkeit einer Provinzgröße schleicht, die sich auf der großen Bühne zurechtzufinden versucht, dieser erklärte Freund des deutschen Films müßte vielleicht mal seinen Redenschreiber zum Rücktritt bewegen, auch wenn er es selber geschrieben haben sollte, denn er klang ein bißchen wie das alte West-Berlin, in dem man sich zur Verleihung des deutschen Filmpreises versammelte.

Deutscher Filmpreis 2006: Glamour vorm Balkon

Düstere und ernste Stoffe

Im Palais am Funkturm, der aus den zwanziger Jahren stammt, reist man durch die Zeit wie im Kino. Der monumentalen Haupthalle, die den Gebäuderiegel der Messe überragt, ist anzumerken, daß sie in den Jahren 1935 bis 1937 errichtet wurde, das Palais mit seinen Treppenschwüngen und dem Sommergarten erzählt, was die fünfziger Jahre unter Eleganz verstanden, was einem heute wiederum so fern gerückt ist, daß es fast schon wieder an die Ostmoderne um den Alexanderplatz erinnert.

Auch der Moderator im Palais war der alte, der Spaßkanonier Michael „Bully“ Herbig, weil es beim ersten Mal so gut geklappt hatte, und mittlerweile braucht die Akademie auch nicht mehr zu beweisen, daß sie es besser kann als ihre Vorgängerin, die ministeriell bestellte Proporzjury. Sie kann sich an sich selber messen.

Herbigs Job war diesmal schwieriger, weil es keine Komödie wie „Alles auf Zucker!“ zu prämieren gab, sondern bis auf „Sommer vorm Balkon“ nur düstere, ernste Stoffe vom Exorzismus bis zum Selbstmordattentat, vom Stasi-Wahn bis zum Neuköllner Kiezalltag.

Filme werten den Filmpreis auf - und umgekehrt

Und der Mann, der uns demnächst als „Hui Buh - Das Schloßgespenst“ besuchen wird, kam nicht so recht in Schwung, auch wenn er sich ein Laufband auf die Bühne hatte legen lassen, auch wenn seine selbstgedrehten Einspieler lustiger waren als der Moderator, der sie ankündigte. Doch Profi, der Herbig ist, kam er leidlich durch den Abend, und selbst ein müder Bully würde schwer zu ersetzen sein, wenn ihn 2007 die Lust am „Kulturauftrag“ verlassen sollte.

Professionalität war ohnehin das große Filmpreiswort, und das heißt vor allem: Das Timing der Kinostarts richtet sich mittlerweile nach dem Filmpreis aus. Das führe zur „Kannibalisierung“, wie nach der Berlinale beklagt wurde, weil zu viele deutsche Filme in zu engem Zeitraum konkurrierten. Doch entscheidender ist der positive Effekt:

Die Branche darf darauf spekulieren, daß Vorauswahl, Nominierungen und in den Mai vorgezogene Preisverleihung die kommerzielle Anziehungskraft der Filme stärken, wie das bei den Oscars seit Jahren funktioniert. So werten die Filme den Filmpreis auf - und umgekehrt, weil das „Lola Festival“ zur Einstimmung noch mal die „zehn besten Filme“ durch die Republik schickt.

Zahlen allein entscheiden nicht

Eine Nebenwirkung dieser Professionalisierung ist allerdings, wie nicht nur Regisseure sagen, die nicht dabei sind, daß primär die gut gemachten und gut gemeinten Filme vorne landen. Natürlich sind nicht alle aus der Vorauswahlliste verschwundenen Filme preiswürdig, aber erklären müßte einem das schon mal jemand, warum etwa die in Frankreich auf „Nouvelle Vague Allemande“ getaufte „Berliner Schule“ an diesem Abend überhaupt nicht vertreten war, obwohl ihre Mitglieder ja Filme gedreht hatten - wobei wiederum keines der Schulmitglieder auch Mitglied der Akademie ist.

Gediegenheit, wenn sie sich nicht mit Größe verwechselt, ist ja auch nicht per se schlecht, selbst Hollywoods Akademie läßt sich nur selten zu mehr hinreißen. Und daß bei den Nominierungen nicht nur Zahlen zählen, ist allein schon daran zu erkennen, daß „Komm näher“ keine zwanzigtausend Zuschauer anlockte, daß weder „Knallhart“ noch „Requiem“ die Erwartungen erfüllten, daß „Paradise Now“ auch nur 85.000 Besucher hatte und allein „Sommer vorm Balkon“ und „Das Leben der anderen“ an der Kasse Erfolg hatten.

Umgekehrt läßt sich die Akademie nicht von den 2,1 Millionen Zuschauern beeindrucken, welche „Die weiße Massai“ erreichte. Und Bernd Eichinger, eine der Lokomotiven der Akademiegründung, wird auch nicht bevorzugt bedient - 2005 ging „Der Untergang“ unter, dieses Jahr brachte es „Elementarteilchen“ gerade mal auf zwei Nominierungen in Schauspielkategorien.

Das Fernsehen hat den Film im Griff

Um den mangelnden Glamour des Gediegenen zu kompensieren, neigt die Akademie zur Preishäufung. Sie ersetzt die Gießkanne, welche bei Festivals kreist. Aber darüber kann man sich nicht ernsthaft beklagen. Zumindest die Dramaturgie des Abends war so angelegt, daß die beiden Filme mit den meisten Nominierungen, „Requiem“ und „Das Leben der anderen“, lange Zeit gleichauf lagen, was die Zahl der Preise angeht, bevor der Mann mit der Basketballerstatur, Florian Henckel von Donnersmarck, seinen slam dunk bekam. Überraschend war da eigentlich nur, daß Andreas Dresens „Sommer vorm Balkon“ trotz sechs Nominierungen leer ausging.

Zugleich jedoch lag im Triumph des Stasi-Melodrams eine seltsame Routiniertheit. Der Funke sprang nicht recht über von der Bühne in den Saal, wie bei „Alles auf Zucker!“ im Vorjahr, wohl auch, weil die Favoritenrolle dieses Mal noch übermächtiger war. Und längst Routine ist es auch, daß das deutsche Fernsehen, der große Alimentierer des deutschen Films, die Veranstaltung nicht live übertragen mag und erst anfing, als Sieger und Verlierer längst am Büffet das Bisonragout erlegten.

Zweimal mußten Sequenzen für die TV-Aufzeichnung wiederholt werden, weil der Trompeter Till Brönner seinen Text vergessen hatte und weil es bei Bullys Entblätterung, welche unterm Smoking ein Nationalmannschaftstrikot zum Vorschein brachte, eine Mikrofonpanne gab. So fest hat das Fernsehen den deutschen Film im Griff.

Gute Fülle mit dünner Spitze

Berührend und bewegend, das war an diesem Abend nur der Ehrenpreis, als Bruno Ganz wunderbar sonore und warme Worte sprach, als Ulrich Tukur und Sebastian Koch sangen, als sich das Publikum spontan für die Künstleragentin Erna Baumbauer erhob und als schließlich, nachdem man schon beim Blick auf den Monitor um das Wohl der gebrechlichen und gerührten alten Dame gefürchtet hatte, mehr als ein Dutzend ihrer Klienten auf der Bühne stand, um sie zu empfangen. Die 87jährige kämpfte mit den Tränen und fragte dann fassungslos: „Wer hat mir das eingebrockt? Ich habe doch nur ab und zu mal eine Tür aufgemacht.“

So paßte der Abend zum Jahr, das er feiern soll. Es war kein so übles Kinojahr - nur ein Wunderjahrgang war es natürlich nicht. In der Spitze war's dünn, in der Fülle gut, würden die auch vom Filmpreis profitierenden regierenden Friseurmeister sagen, und die Akademie hat bei ihrer zweiten Vergabe bewiesen, daß sie an ihrem Profil arbeitet, nach innen wie nach außen.

Und als dann der Schokoladenbrunnen lautlos strömte, als draußen im aufgeschütteten Sand erschöpfte Funktionäre in Liegestühlen lagerten und die Kombination von Tattoo und schulterfreiem Abendkleid einen gelegentlich zusammenzucken ließ, da waren die meisten zufrieden, und die Akademie wäre wohl sogar „happy“ gewesen, wenn sie den amerikanischen Journalisten vor der Preisverleihung in sein Mobiltelefon hätten rufen hören, er müsse jetzt aufhören, „the German Oscars are kickin' off“.

Die Preisträger:

Bester Spielfilm, Filmpreis in Gold:
„Das Leben der Anderen“ von Florian Henckel von Donnersmarck

Filmpreise in Silber:
„Knallhart“ von Detlev Buck
„Requiem“ von Hans-Christian Schmid

Beste Schauspielerin, Hauptrolle:
Sandra Hüller („Requiem“)

Bester Schauspieler, Hauptrolle:
Ulrich Mühe („Das Leben der Anderen“)

Beste Schauspielerin, Nebenrolle:
Imogen Kogge („Requiem“)

Bester Schauspieler, Nebenrolle:
Ulrich Tukur („Das Leben der Anderen“)

Beste Regie:
Florian Henckel von Donnersmarck („Das Leben der Anderen“)

Beste Kamera:
Hagen Bogdanski („Das Leben der Anderen“)

Bester Schnitt:
Dirk Grau („Knallhart“)

Bestes Szenenbild:
Silke Buhr („Das Leben der Anderen“)

Bestes Kostümbild:
Bettina Marx („Requiem“)

Beste Filmmusik:
Bert Wrede („Knallhart“)

Beste Tongestaltung:
Lars Ginzel, Dirk Jacob, Marc Parisotto, M. Steyer („Requiem“)

Bestes Drehbuch:
Florian Henckel von Donnersmarck („Das Leben der Anderen“)

Bester Dokumentarfilm:
„Lost Children“ von Oliver Stoltz

Bester Kinder- und Jugendfilm:
„Die Höhle des gelben Hundes“ von Stephan Schesch

Ehrenpreis:
Erna Baumbauer, Künstleragentin

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 14.05.2006
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Jahrgang 1958, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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