05.05.2007 · So war's beim deutschen Filmpreis: Tom Tykwer und „Das Parfum“ verlieren, Bayern gewinnt, „Vier Minuten“ sind kein Tag. Ein Lokaltermin mit Peter Körte und Claudius Seidl.
Von Peter Körte und Claudius SeidlWer etwas übrighat für den deutschen Film, sollte rote Teppiche möglichst weiträumig umgehen. Als wir nämlich am Freitag, weil draußen noch sonniger Nachmittag war, vor dem dunklen Palais am Funkturm, weit im Westen Berlins, erst einmal stehenblieben, ein bisschen Rauch und frische Luft schnappten und schauten, wer da über den Teppich schritt, stand, deutlicher sichtbar als jedes Abendkleid, jede kühne Frisur und so manches riskante Dekolletee, vor allem diese eine Frage im Raum: Wer sind diese Leute eigentlich? Wer sind die Frauen, die, wie wir aus den Rufen der Fotografen schlossen, Eva oder Claudine, Tanja oder Sonya heißen müssen und die sich weisungsgemäß einmal um sich selbst drehten, dabei tapfer lächelten und die Farben ihrer Kleider und ihrer Haut so lange vorzeigten, bis jedes Foto geschossen war?
Der Kollege vom Fachblatt „Bunte“, nach seiner Expertise befragt, konnte nur seine Ratlosigkeit bekennen - und so waren wir, die wir anscheinend zu oft ins Kino gehen und zu selten RTL 2 schauen, versucht, uns auf folgende vorläufige Deutung der Lage zu einigen: All diese Tanjas werden wohl Statistinnen sein, von der Deutschen Filmakademie eigens dafür engagiert, Fotografen und andere Zaungäste abzulenken, damit die echten Filmschauspielerinnen, Hannah Herzsprung oder Sabine Timoteo zum Beispiel, unbehelligt das Palais betreten können.
Armin Mueller-Stahl bekam einen Preis für sein Lebenswerk
Drinnen, in den düsteren Hallen, klärten sich trotzdem ziemlich schnell die Verhältnisse. Der Mann, der sich anscheinend noch immer bemüht, so auszusehen, als hätte er soeben die Arbeit am „Doktor Faustus“ abgeschlossen, musste jener Armin Mueller-Stahl sein, der einen Preis für sein Lebenswerk bekam; den Nobelpreis, das strahlte sein Auftritt aus, hat er ja schon seit 1929. Der Mann, der Mario Adorf so erstaunlich ähnlich sieht, ist ja fast immer tatsächlich Mario Adorf. Und der Mann, der, als endlich alle Gäste ihre Plätze eingenommen hatten und eine Lautsprecherstimme schon dreimal gewarnt hatte, es gehe jetzt aber wirklich los, der Mann, der genau in diesem Moment noch hereinstürmte, in einer Smokingjacke, die so weiß war, dass man erst einmal meinte, es werde jetzt schon der Champagner serviert, das war der Mann, an dem im Moment keine Kamera, keine Rede über den deutschen Film und auch sonst niemand vorbeikommt.
Und es war dann doch erstaunlich, obwohl man es ja geahnt hatte, wie sehr der große Oscar die zierliche Lola verdeckte; wie präsent dieser Florian Henckel von Donnersmarck war, so dass man Momente lang glauben konnte, in einer Fernsehaufzeichnung vom Filmpreis 2006 gelandet zu sein, als „Das Leben der anderen“ mit sechs Lolas zum großen Sieger wurde. Donnersmarck war der erste Name, der in der Begrüßungsansprache der Akademiepräsidentin Senta Berger fiel, auch der Staatsminister schien mehr vom Vorjahr als von 2007 zu reden, und auch später, als die Lolas längst vergeben waren, schienen sich die Fotografen, mehr als für das Streben der anderen, für den Mann in der weißen Smokingjacke zu interessieren, der sehr vielen seiner Regiekollegen, wie sie einem unaufgefordert mitteilen, so langsam mächtig auf die Nerven geht.
Ohnehin weiß die Akademie ja nie so recht, ob sie nun zurück oder nach vorn schauen soll, ob sie einen Erfolg dem Jahr 2006 oder 2007 gutschreiben soll oder gleich beiden, weil, was im Mai wie ein gutes Jahr aussieht, eigentlich das Vorjahr ist; und weil der Stolz auf die 25,8 Prozent Marktanteil für den deutschen Film im Jahr 2006 Ende 2007 schon in sich zusammengefallen sein kann.
Ein Betriebsfest der Filmbranche
Es ist diese leichte Konfusion, die auch aus dem Staatsminister sprach, der vom Funkturm redete und davon, dass hier „vor mehr als siebzig Jahren die ersten Fernsehbilder laufen lernten“ - als habe der Redenschreiber sich in der Veranstaltung geirrt. Aber womöglich war dieser Schauplatz auch ein passendes Bild für den Zustand der Akademie. Im Vorjahr schaute man hier auf geschwungene Freitreppen, bewegte sich zwischen Innen und Außen, zwischen Saal und Innenhof, um sich diesmal im Foyer und in einem großen, fensterlosen Saal eingesperrt zu finden, in dem auch ein mittelständisches Unternehmen seine Außendienstmitarbeiter zum Betriebsfest versammeln könnte.
Die Party, die dort nach der Preisverleihung gefeiert wurde und die etwas schleppend anfing, weil so viele Gäste die Zeremonie ein wenig beklommen verließen - beklommen deshalb, weil anscheinend jeder, wirklich jeder, Tom Tykwer jenen Regiepreis gegönnt hätte, den dann aber Marcus H. Rosenmüller für „Wer früher stirbt, ist länger tot“ gewann -, diese Party war dann auch ein Betriebsfest der Filmbranche, mit ein paar auswärtigen Gästen, jenen Models und sogenannten Fernsehpersönlichkeiten, für welche sich aber besonders die Fotografen interessierten. Und umgekehrt. Weshalb weder die einen noch die anderen störten.
Und durchs Gewühl kämpfte und trank sich der Kulturstaatsminister, der aus der Nähe noch freundlicher und jovialer wirkt. Dass er einer sehr bekannten Schauspielerin erst versicherte, wie sehr er sie verehre, um dann aber zu fragen, in welchen Filmen sie in letzter Zeit eigentlich gespielt habe, das hat ihm diese Schauspielerin nachgesehen. Und das Thema, das die Gespräche sonst beherrschte, war ohnehin die Frage, ob eine Akademie, deren Mitglieder meist mit sehr kleinen Budgets sehr kleine Filme drehen, einen so großen Film wie „Das Parfum“ überhaupt fassen könne.
Mangel an einem großen Konsensstifter
Es war seit Wochen auffällig viel über die Akademie geredet worden, obwohl sie doch schon zum dritten Mal die Filmpreisgelder aus dem Etat des Kulturstaatsministers verteilt. Regisseure wie Hans Weingartner und Andres Veiel hatten das Vergabeverfahren kritisiert, die Verknüpfung von Preis und Geld; Weingartner hatte sogar vom „Massenabstimmungsverfahren“ gesprochen, was einen unguten Beiklang hat. Und wer immer einem im Laufe des Abends über den Weg lief, war irgendwie unzufrieden. Ein Mitglied der Auswahlkommission erzählte, dass nicht einmal in diesem Gremium jeder alle Filme gesehen hat, für die er dann stimmt; oder dass zwar jeder einen Karton mit DVDs geschickt bekommt, was aber nicht heißt, dass er sie auch anschaut, obwohl es ja nur 17 verschiedene Filme in 15 Kategorien sind. Dieser Karton sei die „Totenkiste“ des deutschen Films, hat ein Regisseur gesagt, welcher der Akademie nicht angehört, und Fatih Akin, der die Akademie vor einem Jahr wieder verlassen hat, hat mit Recht festgestellt, dass Filme erst einmal ins Kino und nicht in den DVD-Player gehören.
Auch auf den Präsidenten Günter Rohrbach waren die meisten nicht gut zu sprechen, weil der ein wenig konfus gegen die deutschen Filmkritiker geschimpft hatte. Viele Mitglieder fanden diesen Vorstoß ungeschickt. Auch deshalb, behaupteten sie, habe „Das Parfum“ keinen großen Preis bekommen. Denn Rohrbach sitzt auch im Aufsichtsrat der Firma Constantin, die „Das Parfum“ produziert und verliehen hat. Das kann man so sehen, man kann es auch bezweifeln - es ändert nichts daran, dass ein Abend, an dem nicht ein Film alle anderen überstrahlt, ein seltsam schales Gefühl hinterlässt, obwohl diese Konstellation die Spannung während der Zeremonie natürlich erhöht und der Mangel an einem großen Konsensstifter auch nicht weiter tragisch ist.
Monica Bleibtreu: sympathisch, erwachsen und gar nicht irre
Der Vorwurf jedenfalls, dass die Akademie, im Gegensatz zu einer sogenannten Fachjury, sich zwangsläufig nur auf den größten gemeinsamen Mainstream einigen könne, wirkt ein wenig provinziell, wenn man sich vergegenwärtigt, wer denn die Helden und Heldinnen dieses Jahres waren. Die Nominierten für den Preis als beste Hauptdarsteller hießen Josef Bierbichler (“Die Winterreise“), Karl Markovics (“Die Fälscher“) und Jürgen Vogel (“Der freie Wille“); es konkurrierten also ein durchgeknallter Bayer, ein notorischer Krimineller und ein Vergewaltiger. Wer da eigentlich noch fehlte, war Ben Whishaw, der Serienkiller Grenouille aus dem „Parfum“, wer gewann (aber nicht zur Verleihung kam), war Josef Bierbichler, ein Schauspieler, der vermutlich nicht einmal wissen will, wie man Mainstream schreibt.
Bei den Frauen waren Monica Bleibtreu, Hannah Herzsprung (“Vier Minuten“) und Jördis Triebel (“Emmas Glück“) nominiert, eine junge und eine alte Irre also und eine verrückte Bäuerin. Monica Bleibtreu gewann, hielt eine wunderbare kleine Rede, in welcher sie bekannte, dass sie auch noch Geburtstag habe, und das war der Moment, da man mit den Füßen trampeln, mit gigantischen Blumensträußen um sich werfen und sich die Verfilmung von Monica Bleibtreus Leben mit Monica Bleibtreu in der Hauptrolle wünschen wollte, einfach weil sie so sympathisch und erwachsen und gar nicht irre ist.
Man muss dem deutschen Film die vielen Verrückten und Verbrecher dieses Jahres nicht unbedingt übelnehmen. Aber man möchte, wenn mal wieder so ein Verantwortungsträger des deutschen Films sich über die angeblich typisch deutsche Unfähigkeit zur Heldenverehrung beschwert, unbedingt fragen, ob das deutsche Kino wirklich keine starken, coolen oder ironischen Helden im Angebot habe. Na gut, die entsprechenden Oscars gingen in diesem Jahr an Queen Elisabeth und Idi Amin. Aber zur Auswahl standen immerhin noch der Glücksritter Leonardo DiCaprio, der Investmentbanker Will Smith. Und natürlich Meryl Streep als Chefredakteurin der Herzen.
„Bully“ hatte seine Momente und einige Hänger
Das muss einen nicht in die Verzweiflung treiben oder zur trotzigen Versicherung, man müsse sich nicht verstecken hinter Hollywood. Das Problem ist eher, dass große, singuläre Schauspielerleistungen Filme wie „Vier Minuten“ größer erscheinen lassen, als sie sind; oder dass man den bodenständigen Charme von „Wer früher stirbt, ist länger tot“ schon für eine große Regieleistung hält. Warum die Akademie sie trotzdem prämiert, das ist so schwer zu erklären wie die Verlaufskurve des Abends. Michael „Bully“ Herbig, der zum dritten Mal den Conferencier gab, hatte seine Momente und einige Hänger, seine sogenannten Einspieler wirkten im Vergleich zu den Vorjahren fahriger, und bei der Laudatio von Mario Adorf schien es dann, bei aller rhetorischen Emphase, als nähme er es Armin Mueller-Stahl noch immer übel, dass der ihm vor 26 Jahren die Hauptrolle in Fassbinders „Lola“ weggenommen hatte.
Und so gingen wir schließlich über den roten Teppich, an dem immer noch ein paar Autogrammjäger standen, wieder ins Freie - mit der Gewissheit, dass es ja eine Menge interessanter und guter deutscher Filme gibt, dass im Ausland das deutsche Kino wieder wahrgenommen wird und insgesamt dann doch ein besseres Bild abgibt als an diesem Abend.
Es wäre natürlich viel unkomplizierter, wenn nicht zum Preis das Geld käme, wenn die Sieger sich einfach freuten über die Anerkennung ihrer Kollegen und die Verlierer ein bisschen enttäuscht wären, ohne immer daran denken zu müssen, dass ihnen die entgangenen 250.000 Euro im Budget ihres nächsten Films fehlen. Dass aber selbst 250.000 Euro nicht unbedingt glücklich machen und dass Sieger gar kein Geld brauchen, war in dem Moment klar, als Bernd Eichinger auf die Bühne kam, um die silberne Lola, nur die silberne, für „Das Parfum“ entgegenzunehmen. Er dankte sehr knapp und hielt inne, weil es im Saal unruhig wurde. „Ich meine es ernst“, sagte er dann, was eher wie ein Dementi klang. Als die Band die ersten Takte spielte, weil er die Redezeit überschritten hatte, wandte sich Eichinger kurz um, die Lola scherzhaft drohend erhoben, auf einmal mit einem Anflug von Schärfe in der Stimme: „So viel Zeit muss sein!“ Und als er dann von der Bühne ging, wirkten seine Schritte sehr, sehr müde, trotz der weißen Turnschuhe.
Peter Körte Jahrgang 1958, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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Claudius Seidl Jahrgang 1959, verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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