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Deutsche Spielfilme vermisst : Grauzonen im Bildergedächtnis

  • -Aktualisiert am

Verpackung für die Ewigkeit? Filmdosen im Bundesarchiv Bild: ddp

Von Lücken im audiovisuellen Erbe der Nation zu sprechen, ist eine Untertreibung: Mehr als ein Drittel aller deutschen Spielfilme gelten als verschollen. Politiker fordern deshalb, von jedem Film ein Pflichtexemplar zu archivieren: ein kompliziertes Unterfangen.

          Es passiert immer wieder: Als bei der Berlinale zum Beispiel für die Sonderreihe „Aufbruch der Filmemacher“ über den Filmverlag der Autoren Anfang der siebziger Jahre Filme gesucht wurden, stieß man schnell an die Grenzen des Filmgedächtnisses. Filme, die nicht einmal vierzig Jahre alt waren, bedeutsame Dokumente deutscher Kinogeschichte, wurden nicht gefunden und viele blieben auch unauffindbar.

          Ein anderer Fall: Die deutsche Kinemathek in Berlin suchte vor kurzem nach dem Film „East Side Story“, einem Film über die Geschichte des Musicals und des Revuefilms im Sozialismus. Er lief vor elf Jahren in den Kinos hierzulande mit beachtlichen Erfolgen und öffentlichen Fördergeldern. Eine Kopie ließ sich noch auftreiben, das Negativ nicht - es blieb verschollen irgendwo im Bermuda-Dreieck zwischen Produktion, Verleih und Archiv. Vorfälle, die keine Ausnahmen sind.

          Mehr als ein Drittel aller deutschen Spielfilme vermisst

          Mehr als ein Drittel aller deutschen Spielfilme - die Fernsehproduktionen ausgenommen - gelten als vermisst. Nach einer Auflistung des Bundesarchivs hat der prozentuale Umfang der Überlieferung in den sieben deutschen Filmarchiven bis zum Jahr 1995 stetig abgenommen. Nur noch 47 Prozent der Spielfilme aus jenem Jahr sind vorhanden. Aus den fünfziger und sechziger Jahren sind es immerhin noch 90 Prozent. Nur aus der Zeit der beiden deutschen Diktaturen, die archivierten, weil sie kontrollierten, ist die Überlieferung nahezu vollständig. Von den Filmen, die vor 1920 in den Kinos zu sehen waren, sind gerade 10 Prozent noch auffindbar.

          Der Gründer des Filmverlags der Autoren: Rainer Werner Fassbinder

          Auch wenn sich hin und wieder irgendwo noch eine verloren geglaubte cineastische Kostbarkeit wiederfindet, wie 1987 Fritz Langs frühes Werk „Kämpfende Herzen“ in Brasilien - von Lücken im audiovisuellen Gedächtnis zu sprechen ist eine Untertreibung: Es droht Amnesie. Darauf wollen die Deutsche Kinemathek und ihre internationalen Partner, unter anderen das Centre national de la cinématographie, mit dem Projekt „Lost films“ aufmerksam machen, einer Auflistung verschollener Filme im Internet, die sich gerade im Aufbau befindet. Die alten Lücken wird man kaum schließen, aber das Aufbrechen weiterer immerhin verhindern und ein Bewusstsein für die prekäre Situation schaffen können. Das ist die Hoffnung.

          Pflichtexemplar für Bücher als Vorbild

          Schon seit langem ist auch die Einführung einer Pflichtkopie für deutsche Filme, die in einem zentralen Archiv hinterlegt wird, im Gespräch. Das Vorbild ist das sogenannte Pflichtexemplar für Bücher, das der Deutsche Bundestag im Jahr 1969 beschlossen hat. Eine konservative Revolution. Ein Präzedenzfall. Die Sorge um das kulturelle Erbe der Nation hatte über föderales Besitzstandsdenken gesiegt.

          Warum nun ist für Filme bislang nicht möglich, was für Bücher inzwischen selbstverständlich erscheint? Liegt es an der fortwährenden Geringschätzung bewegter Bilder in der Heimat Gutenbergs? An der fehlenden Verankerung hiesiger Filmkunst im kollektiven Gedächtnis der Nation? Dem leichtfertigen Urvertrauen in die Vorsehung der Überlieferungsgeschichte? Oder einfach an elf beziehungsweise sechzehn Innenministern, die sich nicht darauf einigen können, wo ein zentrales Filmarchiv angesiedelt werden soll?

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