18.12.2003 · Morlocks langes Bein, drei Mann in einem Boot und ein Telefonanruf morgens um vier: Neun deutsche Filmregisseure schildern ihre schönsten Kinomomente 2003 - vor der Leinwand, bei der Arbeit oder zu Hause.
Morlocks langes Bein, drei Mann in einem Boot und ein Telefonanruf morgens um vier: Neun deutsche Filmregisseure schildern ihre schönsten Kinomomente 2003 - vor der Leinwand, bei der Arbeit oder zu Hause.
Elmar Fischer
Es muß Haß sein, denke ich zunächst. Fast sechs Minuten steht Edward Norton als Monty in Spike Lees "25th Hour" vor dem Toilettenspiegel und kotzt seine Wut, seinen Ekel, seine Verachtung auf die Leinwand. Und niemand soll sich sicher wähnen: ob farbig, Bulle oder schwul. "Fuck this whole city and anyone in it!"
Eine persönliche Szene. Radikal, subjektiv, mit Seele, Spike Lee. Vielleicht hat er den Film nur für diese Sequenz gedreht? Nein, es war wohl das Gefühl dahinter, die Abneigung gegen dieses Leben, diese Zeit, diese Gesellschaft.
Monty wird später für viele Jahre in den Knast gehen, der Film erzählt vom Abschied von seiner bisherigen Existenz. Haß kann da nur helfen. Vielleicht ist es aber auch Liebe. Auf jeden Fall ist es das Leben. Über vierzig Jahre hat Spike Lee in New York gelebt, und alles, was er aus dieser Stadt gemacht hat und diese Stadt aus ihm gemacht hat, zeigt er in diesen großartigen sechs Minuten.
Elmar Fischers Film "Fremder Freund" wurde mit dem First Steps Award 2003 ausgezeichnet.
Dominik Graf
Das Endspiel von 1954 zu erleben, so als würde man mitten in einem Playstation-Game stehen, das ist schon was. Ich bin in den Fünfzigern aufgewachsen, da gab es Bücher mit dem Endspielkommentar von Herbert Zimmermann. Den konnte ich bald auswendig. Zig Male habe ich mich in das Spiel hineingeträumt, als wäre ich Teil davon. Grundlage für mein "Wunder von Bern" war immer der Kommentar. Nun quasi diesen Traum von Sönke Wortmann verfilmt zu sehen war sehr überraschend. Fast schon eine Indiskretion. Aber das Größte ist, daß vom Anschlußtreffer zum 2:1 nur Max Morlocks Bein zu sehen ist. Aus was für Gründen auch immer wird Morlocks langes Bein nur aus einer Perspektive gezeigt. Mitten aus dem Spiel heraus. Ist es die Perspektive des Nebenmannes? Eines Ungarn? Ganz unmittelbar wird dieser Treffer gezeigt, ohne Morlocks Gesicht, wie nebenbei und mittendrin zugleich. Toll. Das war der verblüffendste Moment im Kino 2003.
Dominik Graf bekam in diesem Jahr den Filmpreis der Stadt Hof verliehen.
Leander Haußmann
Vor fünf Jahren stürmte ich wie fast jeden Tag Claus Boje ins Produktionsbüro und rief ihm zu: "Tolle Drehbuchidee!" Titel des Films: "NVA". Dabei beschrieben meine Hände gleichzeitig ein riesiges Plakat und die erste Szene mit einer Kamerafahrt in Cinemascope. Fünf Jahre sind eine lange Zeit, und das Schreiben ist mühsam. Bis der Durchbruch kommt, dem dann wieder der Einbruch folgt. Nach drei Jahren der totale Einbruch. Man trifft sich und stellt sich die Frage: Weitermachen? Ein Jahr später sitzen Brussig, der Autor, und ich wieder in Klausur, halten den Schlamassel der letzten vier Jahre in Händen und streiten und schreiben zwölf Stunden am Tag. Nach zehn Tagen ist das Drehbuch fertig (die 25. Fassung). Wir lesen es zusammen - und es funktioniert. Brussig und ich liegen uns in den Armen. Das Drehbuch ist fertig. Wirklich? Claus Boje meldet sich nicht, Detlev Buck meldet sich nicht. Nach drei Tagen klingelt das Telefon. Ist ja jetzt ganz anders, sagt Herr Boje. Weiter kommt er nicht. Ich explodiere auf der Stelle. Schnitt. Ein Boot schaukelt in der Mitte des Müggelsees. Die Sicht ist gut. Das Wetter klar und kalt. Claus Boje und ich trinken Rotwein. Wir sprechen nicht viel. In der Ferne kann man einen Schwimmer sehen. Er bewegt sich auf uns zu. Nach einer halben Stunde ist er bei uns. Detlev Buck, hievt seinen nassen Körper an Bord. Die Sonne geht auf überm See. Drei Männer in einem Boot. Wenn das kein großer Moment ist.
Leander Haußmanns "Herr Lehmann" kam im Herbst in die deutschen Kinos.
Romuald Karmakar
Gaspar Noés "Irreversible" habe ich mit meiner Freundin im Kino gesehen. Das war keine gute Idee. Bereits beim Kauf der Karten hat die Kassiererin, einer Auflage des Verleihs folgend, auf extrem gewalttätige Szenen im Film hingewiesen. Der junge Mann vor uns meinte, man könne ja wegschauen. Die junge Kassiererin entgegnete, dafür gehe man doch nicht ins Kino. Gleich zu Anfang zertrümmert der eine männliche Hauptdarsteller im Schwulenclub "Rectum" einem Mann mit einem Feuerlöscher den Kopf. Kurz darauf wird die weibliche Hauptdarstellerin Monica Belluci, bekannt aus "Asterix und Obelix", in einer Fußgängerunterführung auf viehische Weise vergewaltigt. Da der Film seine Geschichte vom Ende her erzählt, ist zu Beginn der Vergewaltigungsszene klar, daß es nicht der Täter war, der im "Rectum" ermordet worden ist. Bis dahin haben wir auch gesehen, wie der spätere Mörder seinen gewaltbereiten, durch Rache getriebenen Freund von eben dieser Gewalttat abhalten wollte, die er am Ende selber begeht. Spätestens hier ist völlig klar, daß wir dem Regisseur in jeder Hinsicht ausgeliefert sind. Mit der Frage "Was ist Kino?" sind wir früher als geplant aus dem Film gegangen. In den Extras zur französischen DVD-Edition erfährt man, daß der Penis des Täters, zur Steigerung der Authentizität, nachträglich digital einkopiert worden ist und die Zertrümmerung des Kopfes sich auch nur digital darstellen ließ.
Das neue Parfüm von Dolce & Gabbana heißt "Sicily" - über dem Untertitel "Feel the Passion" ist Monica Belluci zu sehen. Warum weint sie?
Romuald Karmakars neuer Spielfilm "Die Nacht singt ihre Lieder" läuft auf der Berlinale 2004 im Wettbewerb, die Dokumentation "Land der Vernichtung" im Panorama.
Caroline Link
2003 ist für mich natürlich mit dem eigenen Oscar verbunden. Logisch. Auch wenn ich nicht bei der Verleihung dabei war, war der Moment der Verkündung, diese Nacht des 23. März ausgesprochen turbulent. Gemeinsam mit meiner achtmonatigen Tochter Pauline war ich so um Mitternacht eingeschlafen und wurde kurz nach vier von Telefongeklingel geweckt. (Von da an klingelte es ununterbrochen weiter, drei Tage und drei Nächte.) Ich hatte meinen Videorecorder programmiert und spulte zurück zu Salma Hayek, die das Unglaubliche aussprach: "And the Oscar goes to Germany . . . ,Nowhere in Africa'". In der Nacht telefonierte ich noch mit meinen Liebsten, Dominik, Juliane Köhler, Freunden. Um fünf wachte mein Baby auf und wollte spielen. Um halb acht kam der erste von 42 Blumensträußen. Um neun die erste Champagnerkiste. Ich suchte das Weite. Der Kinderwagen mußte in die Reparatur. Ein Reifen war platt. Als ich eine halbe Stunde später wieder nach Hause kam, stand eine Traube von Menschen vor meiner Tür. Journalisten, Fotografen. Ich sah sie auf unseren Klingelknopf drücken und ungeduldig hin und her laufen. Ich blieb auf der anderen Straßenseite. Einer von ihnen nickte mir und dem Baby freundlich zu. Aber keiner erkannte mich.
Ich beschloß, erstmal noch eine Runde im Park spazierenzugehen.
Inzwischen gaben meine Schwester und mein Vater am Telefon die ersten Interviews darüber, wie ich als Kind so war, was ich gerne esse und ob ich schon mit fünf Regisseurin werden wollte.
Jetzt steht der Oscar in meinem Bücherregal. Natürlich freue ich mich.
Caroline Links Film "Nirgendwo in Afrika" gewann 2003 den ersten Oscar für Deutschland seit Volker Schlöndorffs "Blechtrommel".
Christian Petzold
Ein Mann fährt durch die Hills. Es ist Sommer, und das Verdeck seines Cabriolets ist geöffnet. In seinem Wagen ist Musik, Simon & Garfunkel. Der Mann singt laut mit. Er nimmt die engen Kurven im Rhythmus der Musik. Er tanzt nach Hause. Der Mann trägt einen Pferdeschwanz, aber sein Haar ist schütter.
Das ist der Anfang vom letzten Coen-Brothers-Film "Intolerable Cruelty".
Ich saß im Kino und war froh. Soviel Gegenwart. Soviel Vergnügen. Niemand wird eingeführt. Keine Stadt. Kein Star. Kein Bösewicht. Einfach ein Mann, der fährt und singt und nichts anderes. Der Film macht sich nicht lustig über den Mann.
Er spielt im Film nachher kaum eine Rolle. Nur einmal sieht man ihn noch herumliegen, als Obdachlosen.
Im Film nachher geht es um Liebeshandel, Verführung, Schwindel, Betrug, um das Verdrehen von Worten und Blicken. Der Film erzählt, wie die Männer dieses Films zurückwollen, zum Anfang. Der Liebe. Sie möchten wieder Lokomotivführer sein. Einmal nicht zwischen den Zeilen leben. Gegenwärtig sein. Unschuldig. Die Männer wollen zurück an den Anfang des Films. Das wird ihnen zum Verhängnis.
Christian Petzolds Film "Wolfsburg" kam im Herbst in die deutschen Kinos.
Hans-Christian Schmid
Ein Mann in einem tadellosen blauen Anzug sitzt in einem kahlen Raum an einem Schreibtisch und telefoniert. Er erkundigt sich nach einem Sonderangebot.
Ein Geräusch lenkt ihn ab, er steht auf, schiebt ein Rolltor hoch. Erst jetzt sehen wir, daß sein Schreibtisch in einer Garage steht.
Draußen dämmert es. Die Straßenlampen sind noch an. Niemand ist zu sehen, alles ist wie ausgestorben, als wäre der Mann im blauen Anzug der einzige Mensch auf der Erde. Das Geräusch kommt von einer Plane, die der Wind gegen einen Zaun schlagen läßt.
Ein Auto nähert sich mit hoher Geschwindigkeit, dabei aber völlig geräuschlos.
Ohne erkennbaren Grund überschlägt es sich. Mit einem lauten Knall, fast als hätte es jemand in die Luft gesprengt.
Kurz darauf hält ein Lieferwagen vor dem Mann im blauen Anzug an. Jemand stellt ein Harmonium direkt vor ihm auf der Straße ab. Der Wagen fährt weiter.
Das sind die ersten zwei Minuten von P. T. Andersons "Punch Drunk Love", und ich habe in diesem Jahr keinen Film gesehen, der vielversprechender angefangen hätte.
Hans-Christian Schmids Film "Lichter" lief 2003 im Wettbewerb der Berlinale und im Kino.
Hans Steinbichler
Ich habe lange auf diesen Moment gewartet. Wie Er auch. Ich übte mich in Geduld und war achtsam. Vergeblich. Ja, ja, im Fernsehen ist er gelaufen, aber ich habe mir und ihr verboten, ihn dort zu sehen. Zeigen können ist ein archaisches Glück und das Kino der Hort dafür. Doch dann war es soweit! Viel zu spät raste ich mit dem Rad durch die Stadt. Sie wartete schon. Dort im Dunklen. Und Er wohl auch. Dünner Schweiß rann mir in die Augen und mischte sich mit Tränen der Vorfreude. In das gebärmuttermatte Schwarz hinein rief ich ihren Namen. Sie antwortete. Behutsam. Und tastend fand ich zu ihr. Was für ein Moment, wenn der Widerschein der Leinwand ein Gesicht erhellt und die Bilder sich kopfüber in die Iris brennen. Die ersten Minuten betrachtete ich den Film nur auf ihren Wangen. Auf ihrer Haut. Dann sah ich selbst hin: zu Claudia und Jason. Zu Henry. Und zu Ihm: Charles. "C'era una volta il west/ Spiel mir das Lied vom Tod" von Sergio Leone ist die immerwährende Wiederkehr des Schönen. Das Wesentliche für das Auge ist hier sichtbar, Antoine!: Landschaft und Gesichter. Danke, Charles. Vielen Dank.
Hans Steinbichlers Film "Hierankl" gewann 2003 den Förderpreis Deutscher Film in München.
Tom Tykwer
Ein Vorspann stürzt zur Seite, taumelt sozusagen aus dem Bildfenster, welches noch gar kein "Bild" gezeigt hat, sondern nur Schrift. Doch die Buchstaben schwimmen schon davon, sie finden keinen Halt, keine Sicherheit, keine Ordnung. Niemand und nichts hält sie fest. Sie sind verdreht, vertauscht, betrunken, angeschlagen, verletzt. Und obendrein laufen sie rückwärts.
Dieser Vorspann ist eigentlich der Abspann eines "umgedrehten" - also von hinten nach vorne erzählten - Films. Und alles, was die Schrift in diesen ersten drei Minuten erlebt, wird in der Folge auch den Figuren, den Bildern, den Tönen widerfahren. Und in gewisser Weise auch dem Zuschauer.
"Irreversible" heißt dieser Film, der alles aus der Bahn wirft: uns, seine Geschichte, schließlich sich selbst. Ein Film, der unmittelbare physische Erfahrung und reinstes Konzeptkino zugleich ist. Und der dies schon im Vorspann zu vermitteln weiß. Die Welt wankt, wenn selbst die verläßlichsten Zeichen keine Ordnung mehr stiften. Seit "Week-End" hat es keinen Film mehr gegeben, in dem auf so konsequente Weise Schrift zum Körper und Körper zu Schrift wird.
Tom Tykwer hat zuletzt im 10. Pariser Arrondissement die Episode "True" für den Omnibusfilm "Paris, je t'aime" gedreht.