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„Der Vorleser“ in Amerika Das Grauen versinkt im Morgenlicht

14.12.2008 ·  Die Verfilmung von Bernhard Schlinks „Der Vorleser“ ist in Amerika angelaufen. Doch die Balance von Schuld, Sex und Moral geht nicht auf. Das Grauen versinkt in Hochglanzästhetik. Aber der Amerikaner ist es gewöhnt, den Nationalsozialismus in alle Formate zu pressen.

Von Lars Jensen
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Endlich! Der tausendste Holocaust-Film des Jahres ist exklusiv in einem New Yorker Kino angelaufen. Das „Cinema Paris“ am Rande der Upper West Side begrüßt seine Stammkunden: die älteren jüdischen Bewohner der Umgebung. Hier ist „The Reader“, die Verfilmung von Bernhard Schlinks Roman „Der Vorleser“, ein Blockbuster. Einmal in 123 Minuten lachen die Herrschaften im Saal sogar. Wenn die KZ-Überlebende Ilana Mather (Lena Olin) und der Vorleser Michael (Ralph Fiennes) besprechen, ob sie die Hinterlassenschaft der Nazi-Mörderin Hanna (Kate Winslet) an eine jüdische Analphabetenorganisation überweisen sollen. Ilana sagt: „Es gibt für alles eine jüdische Organisation, aber Analphabetismus gehört nicht zu unseren Problemen.“

Alle Figuren im Film sprechen Englisch mit deutschem Akzent. Das ist lustig. Die „New York Times“ nannte den Film „geschmackvoll“, und das Magazin „New York“ fand ihn „geschmacklos“. Gemeint haben beide das gleiche Problem: Der Film findet noch viel weniger als das Buch eine Balance aus Liebesgeschichte und KZ-Drama.

Das KZ schimmert in der Morgendämmerung

Deutschland in den fünfziger Jahren: Ein pubertierender Junge verliebt sich unsterblich in eine ältere Frau und findet als Student heraus, dass sie als KZ-Aufseherin Hunderte Menschen getötet hat. Von allem zu viel: Die Moral! Der Sex! Die Schuld! Kate Winslets Körper und die erstaunten Augen des jungen Michael (David Kross), wenn sie ihn in die Geheimnisse der Liebe einführt. Minütlich werden wir daran erinnert, dass wir jetzt über die ganz großen moralischen Konflikte nachdenken sollen. Wie sehr die Vergangenheit unsere Gegenwart prägt! Oder: Werden die Deutschen für immer unter der Schuld leiden müssen?

Es fällt schwer, dem Film seinen Anspruch abzunehmen, weil alle moralischen Appelle in der Hochglanzästhetik von Regisseur Stephen Daldry versinken. Wenn ein Film das Konzentrationslager Auschwitz im Gegenlicht der Morgendämmerung zeigt, die Gaskammern in elegante Braun- und Beigetöne taucht und die Schatten an den Öfen perfekt arrangiert: Dann hat der Artdirector sein Bestes gegeben und der Regisseur versagt.

Der Nationalsozialismus passt in viele Formate

Doch der Brite Daldry möchte wahnsinnig gerne einen Oscar gewinnen, und er glaubt zu wissen, wie er die älteren Mitglieder der Akademie überzeugt: Er lässt eine schöne Schauspielerin auf alt und hässlich schminken und treibt sie durch eine düstere Liebesaffäre. Sein letzter Film „The Hours“ wurde neun Mal nominiert, Nicole Kidman gewann die Trophäe dank künstlicher Hakennase. Diesmal ist Kate Winslet dran und muss eine 66-Jährige spielen. Viel Glück!

Unter den Holocaust- und Nazi-Filmen der Saison nimmt „The Reader“ einen Mittelplatz ein. „One Day You’ll Understand“ und „Defiance“ bieten die üblichen Klischees übermenschlicher Widerstandskraft. Paul Schraders „Adam Resurrected“ ist noch der interessanteste Fall: eine Farce um einen Komödianten im KZ.

Je länger die Nazi-Verbrechen zurückliegen, desto weniger scheuen sich Filmemacher, sie als Hintergrund für Geschichten zu nutzen, die sie auch als Western oder als Science-Fiction-Film hätten erzählen können. Dem Publikum im „Cinema Paris“ scheint dieser Trend zu gefallen. Und beim Verlassen des Kinos fällt der Blick auf ein Poster: „The Boy in the Striped Pyjama“. Ein neuer Film über einen kleinen Jungen im KZ.

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